Aufschrift "In die neue Zeit. SPD" bei Parteitag der SPD in Berlin | Bildquelle: REUTERS

Werben um Ex-Wähler Wer profitiert von schwacher SPD?

Stand: 18.01.2020 05:07 Uhr

Die SPD-Wählerschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert: Gerhard Schröders SPD regierte 2002 mit 38,5 Prozent. Heute sitzt die SPD mit 20,5 Prozent im Bundestag. Wo sind die Millionen Wähler hin?

Von Anita Fünffinger, ARD-Hauptstadtstudio

Es gab Zeiten, da musste die Linke gar nichts tun, um ehemalige SPD-Wähler für sich zu gewinnen. Es reichte, einfach nur die nächste Wahl abzuwarten. In der Zeit von Bundeskanzler Gerhard Schröders Agenda-Politik liefen enttäuschte Sozialdemokraten scharenweise zur Linkspartei über. Oskar Lafontaine holte sie sozusagen persönlich an der Wahlurne ab. Wie man das Herz eines Sozis gewinnt, wusste der ehemalige SPD-Chef natürlich ganz genau.

Gerhard Schröder | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Gerhard Schröder setzte die Agenda 2010 durch. Viele SPD-Wähler schreckte das ab.

Die Rechnung "SPD runter, Linke rauf" geht längst nicht mehr auf

Die heutige Parteichefin der Linken, Katja Kipping, hält eine Wahlkampfausrichtung nach einer bestimmten Wählerschaft für überholt. Als Wahlkämpferin könne sie nicht soziologisch fragen, wen die Menschen denn vorher gewählt hätten oder aus welchem Milieu sie kämen: "Ich frag' die Leute ziemlich direkt: wo drückt sie der Schuh? Und wie können wir das ändern?", sagt Kipping.

Die Linken-Chefin weiß: Der Automatismus aus den Agenda-Jahren funktioniert nicht mehr. Linke und SPD säßen gleichermaßen in der Falle: Der Linken glaube man, dass sie etwas ändern wolle, sie könne es aber nicht, weil sie nicht regiert. Und der SPD glaube niemand mehr, dass sie wirklich etwas ändern wolle, beschreibt Kipping das Dilemma.

Sicher geglaubte Wählerschaften gibt es nicht mehr

Wahlkampf läuft mittlerweile nach Themen oder ist voll und ganz auf Personen ausgerichtet. Einzelne Wähler- oder Bevölkerungsschichten spricht kaum eine Partei explizit an. Denn dass jede Partei ihre bestimmte Wählerstruktur hat, stimmt schlicht nicht mehr. Arbeiter, Lehrer und Gewerkschafter wählen die SPD, Arbeitslose und Rentner sind bei der Linken verortet, Gutverdiener und Selbständige sind treue Wähler der FDP? All das trifft nur noch in Teilen zu, feste Parteienbindungen nehmen seit Jahren ab.

CSU entdeckt die klassische SPD-Familienpolitik

Auch die CSU will vom liegengebliebenen sozialdemokratischen Kuchenstück etwas abhaben. Tatsächlich wird der CSU in Bayern seit Jahren in Umfragen von Wählern eine höhere Kompetenz in sozialen Fragen zugeschrieben als der SPD. Nun aber setzt die CSU noch einen drauf. Bei ihrer Klausur in Seeon beschlossen die Christsozialen ein klar sozialdemokratisches Familienkonzept: Das Kindergeld und der Kinderfreibetrag sollen erhöht, Vätermonate ausgebaut werden. Die Zeiten, in denen sich CSU-Herren lustig über "Wickelvolontariate" machten, sind endgültig vorbei.

FDP stört das Klischee vom "rußgeschwärzten" Arbeiter

Er wolle sich persönlich vor die Werkstore stellen, hatte FDP-Chef Christian Lindner beim Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart angekündigt. Arbeiter und ehemalige SPD-Wähler würden völlig falsch gesehen. Ihn störe das Klischee über Arbeiter, das von der Politik gerne verbreitet werde: "Um die müsse man sich nur 'kümmern', das seien Menschen mit rußgeschwärzten Gesichtern in der Kohlgrube", glaubt Lindner das Vorurteil zu kennen. Tatsächlich sei es doch anders: Arbeiter wollen "oft genug vom Staat in Ruhe gelassen werden in ihrem Leben", ist der FDP-Chef überzeugt.

Ein klassisch liberales Bild vom Menschen, womit der FDP-Chef in Teilen sogar Erfolg haben könnte. Zumindest hat die Wahlforschung durchaus Wechselwähler von der SPD zur FDP gemessen, vor allem wenn es um das klassische Thema "Mehr Netto vom Brutto" ging.

Christian Lindner | Bildquelle: dpa
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Entdeckt die Arbeiter und Bauern: FDP-Chef Christian Lindner

Die meisten Ex-SPD-Wähler sind Nichtwähler oder bei der AfD

In den 2000er-Jahren profitierte die Linkspartei enorm von den über die Agenda-Politik enttäuschten Wählern. Später wechselten auch viele zu den Grünen, in Bayern auch zur CSU. Ab den 2010er-Jahren mussten die Wahlforscher feststellen: Viele ehemalige SPD-Wähler kamen überhaupt nicht mehr zurück an die Urne. Oder sie sorgten für eine Überraschung und machten ihr Kreuz bei der AfD.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Januar 2020 um 06:29 Uhr.

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