Jens Spahn | EPA

Spahn zu Corona-Maßnahmen "Nicht auf dieses Bundesgesetz warten"

Stand: 15.04.2021 13:38 Uhr

Angesichts des Anstiegs der Neuinfektionen schlagen Intensivmediziner Alarm: Die Corona-Lage in den Kliniken ist angespannt. Umso dringender sind nun auch die Appelle von Bundesgesundheitsminister und RKI.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Insgesamt gab es am Mittwoch 4700 Covid-19-Fälle auf den Intensivstationen. Täglich kommen laut dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) 50 bis 100 Menschen dazu. Soweit die reinen Zahlen. Für die Kliniken bedeutet das eine riesige Belastung. Das schildert Steffen Weber-Carstens, leitender Oberarzt an der Charité in Berlin. Denn viele der Covid-19-Patienten, die beatmet werden, müssen täglich in die Bauchlage gedreht werden:

Wenn Sie das machen, dann brauchen Sie vier bis fünf Personen, die einen Patienten auf den Bauch legen - und Sie brauchen pro Lagerung etwa eine halbe Stunde. Wenn Sie 14 Patienten haben, dann machen Sie das sieben Stunden am Tag.
Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Und auch bei den freien Intensivbetten müsste man sich anschauen, was die Zahlen wirklich bedeuten. Durchschnittlich seien zehn Prozent frei, so der Intensivmediziner Weber-Carstens - die meisten Stationen hätten aber nur zehn bis zwölf Betten.

Das bedeutet pro Intensivstation genau ein Bett. Dieses Bett haben Sie für den Schlaganfall-, den Herzinfarkt-, den Unfall-, den chirurgisch operierten und für den Covid-Patienten. Das ist die Situation, wie sie im Moment ist.

Wieler: Nur noch eingeschränkter Regelbetrieb in den Kliniken

Und deshalb klingen der Bundesgesundheitsminister und der Präsident des Robert Koch-Instituts bei ihrer wöchentlichen Pressekonferenz sehr besorgt. CDU-Minister Jens Spahn befürchtet, das Gesundheitssystem könne an den Rand seiner Kapazitäten kommen. Und RKI-Präsident Lothar Wieler sieht, dass sich die Lage in den Krankenhäusern härter zuspitzt als in der zweiten Welle der Pandemie. Deshalb rät er den Kliniken:

Es sollte nur noch ein eingeschränkter Regelbetrieb stattfinden, um die Intensivkapazitäten bestmöglich zu schonen, die wir bald brauchen werden. Und stabile Patienten sollten aus Regionen mit akutem Intensivbetten-Mangel rechtzeitig in weniger betroffene Regionen verlegt werden.

Spahn fordert Länder zum Handeln auf

Positiv geht es beim Testen und Impfen voran. 17 Prozent der Bevölkerung haben inzwischen eine Erstimpfung. Doch das reiche nicht, sagt Gesundheitsminister Spahn angesichts steigender Infektionszahlen. Erst in der kommenden Woche soll die Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes verabschiedet werden, mit dem der Bund den Ländern eine Notbremse vorschreiben will.

Die Zeit drängt. Bereits jetzt haben alle auch die Möglichkeit, schon zu handeln. Man muss nicht auf dieses Bundesgesetz warten.

Spahn nennt auch Beispiele, was in den Ländern möglich ist: "Wir sehen gerade im Moment, dass die privaten Kontakte ein Thema sind, da geht’s um Ausgangsbeschränkungen und Kontaktbeschränkungen. Wir haben die Frage der Schulen."

Nächtliche Ausgangssperre "hart, aber notwendig"

Schulen erst ab einer Inzidenz von 200 zu schließen, wie es das Infektionsschutzgesetz vorsieht - das finden Spahn und Wieler zu spät. Die nächtliche Ausgangssperre hält Spahn für hart, aber notwendig, um private Treffen abends einzuschränken. Und auch Wieler fordert, jetzt zu handeln:

Stellen Sie sich vor, Sie fahren über enge Straßen in den Dolomiten, es ist kurvenreich und an einer Seite ist ein steiler Abhang. Jeder weiß, in dieser Kurve kann ich nur 30 fahren. Wenn ich hier mit 100 reinfahre, ist das lebensgefährlich, dann kommt man nämlich von der Straße ab - und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse.

Deshalb fordert das Robert Koch-Institut: jetzt Kontakte weiter beschränken, um die dritte Welle zu brechen, dann kontrolliert öffnen und natürlich weiter impfen. So lasse sich die Pandemie letztlich kontrollieren.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. April 2021 um 12:02 Uhr.