Aufgezogene Impfspritzen liegen in Schalen in einer Hausarztpraxis | dpa

Ende der Priorisierung Ärzte fordern mehr Impfstoff und Geduld

Stand: 18.05.2021 07:34 Uhr

Ab dem 7. Juni soll sich jeder impfen lassen können - niedergelassene Ärzte rücken in den Fokus. Sie fordern mehr Impfstoff, um die jetzt schon riesige Nachfrage bedienen zu können. Gesundheitsminister Spahn verteidigte das Vorgehen.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hofft auf deutlich steigende Liefermengen bei den Corona-Impfstoffen nach der Aufhebung der festen Impfreihenfolge im Juni. Die Kassenärzte gingen davon aus, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn "deshalb das Datum ab 7. Juni genannt hat, da dann wohl mit deutlich steigenden Liefermengen zu rechnen sein dürfte", sagte Gassen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Spahn hatte am Montag angekündigt, die Impfreihenfolge ab dem 7. Juni aufzuheben, um die Impfkampagne weiter zu beschleunigen. Gassen begrüßte die Entscheidung grundsätzlich: "Wir finden das gut", sagte er. "Es macht die Arbeit der niedergelassenen Kolleginnen und Kolleginnen leichter." Grundvoraussetzung sei aber, "dass ausreichend Impfstoffe da sind".

Hausärzte mahnen ausreichend Impfstoffe an

Auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, forderte größere Impfstoffmengen. "Wer bei den Menschen Hoffnungen weckt und mit vollmundigen Stichtags-Ankündigungen die Illusion nährt, ab dem 7. Juni könne jede und jeder im Land plötzlich von einem Tag auf den anderen geimpft werden, der muss vor allem auch liefern - und zwar Impfstoff in nennenswertem Umfang", sagt Weigeldt dem RND. "Ansonsten nämlich geht die Rechnung nicht auf."

Die Hausärztinnen und Hausärzte und ihre Mitarbeitenden in den Praxen impften bereits jetzt, "was der Stoff hergibt", sagte Weigeldt. "Aber die weiterhin bestehende Impfstoffknappheit können auch wir nicht wegzaubern, da muss die Politik schon mal ihren Job machen." Der Hausärzte-Chef bat die Patienten um Geduld und um Nachsicht, "dass es auch künftig höchstwahrscheinlich zu Wartezeiten kommen wird".

Impfwillige sollen sich laut Weigeldt weiterhin bei ihren Arztpraxen melden und auf die Wartelisten setzen lassen. Er bittet aber darum, auf ständige Anrufe zu verzichten: "Wenn die Telefonleitungen dauerbelegt sind und die Praxen überlastet, ist niemandem geholfen."

Spahn verteidigte in den tagesthemen sein Vorgehen: "Auch in den letzten Monaten haben wir immer fließende Übergänge gehabt. Die braucht es auch, um eine Impfkampagne mit dem nötigen Tempo organisieren zu können. Und es waren übrigens die Ärzte - dieselben Ärztevertreter -, die das jetzt kritisieren, die mich seit Wochen dazu auffordern, mit der Aufhebung der Priorisierungen es ihnen in den Praxen leichter zu machen. Nun gehen wir diesen Schritt und jetzt ist es auch wieder nicht gut."

Spahn: "Sehr verlässliche Lieferungen"

Er zeigte sich optimistisch, den 7. Juni als Termin halten zu können: "Wir geben drei Wochen vorher allen die Möglichkeit zu planen und wir haben mittlerweile sehr verlässliche Impfstoff-Lieferungen - vor allem von BioNTech. Und wir haben in diesen drei Wochen noch 15 Millionen Erst- und Zweitimpfungen, können also noch viele Menschen mit Priorisierungen impfen und dann im Juni den nächsten Schritt gehen."

Bereits in der letzten Maiwoche sollen die Hausärzte in Deutschland erstmals Impfstoff von Johnson & Johnson erhalten. "Der Bund wird für die Woche vom 25. bis 30. Mai rund 1,6 Millionen Dosen von BioNTech, etwas mehr als 500.000 Dosen von Johnson & Johnson und voraussichtlich 600.000 von AstraZeneca bereitstellen", teilte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KVB) den Praxen in einer Mitteilung mit, über die die "Rheinischen Post" berichtet. Der Impfstoff von Johnson & Johnson hat den Vorteil, dass Geimpfte nur eine Dosis brauchen.

Ärzte beklagen aggressive Stimmung

Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Nordrhein, Oliver Funken, beklagte in der Düsseldorfer "Rheinischen Post" eine "extrem aggressive Stimmung bei der Impfstoffnachfrage". Das werde sich aber hoffentlich Ende Mai mit zusätzlichen Lieferungen entspannen. Im Augenblick liefen die Telefone in den Praxen so heiß, dass diese zunehmend Schwierigkeiten bei der Regelversorgung hätten, sagte Funken. Viele Hausarztpraxen meldeten sich deshalb schon wieder vom Impfsystem ab.

Funken warnte zudem vor zusätzlichen Schwierigkeiten in der Urlaubszeit: "In den Sommermonaten werden wir noch einmal Engpässe erleben, denn natürlich müssen auch Ärzte und medizinisches Personal irgendwann mal Urlaub machen - zumal wenn sie sich in einem Ausnahmejahr wie diesen befinden. Wir müssen davon ausgehen, dass 30 Prozent der Arztpraxen in den Sommerferien ein oder zwei Wochen schließen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. Mai 2021 um 22:15 Uhr.

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Moderation 18.05.2021 • 16:40 Uhr

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