Bundesgesundheitsminister Jens Spahn blickt auf, als er zu einer Pressekonferenz in Berlin eintrifft. | AP

Grippeimpfung "Wir haben keine Versorgungsengpässe"

Stand: 14.10.2020 13:51 Uhr

Um das Gesundheitswesen im Winter zu schützen, wirbt Minister Spahn für Grippeimpfungen. Die Regierung habe so viele Impfdosen wie nie zuvor beschafft. Auch telefonische Krankmeldungen sollen wieder möglich werden.

Angesichts der Corona-Krise und der anstehenden Grippesaison versucht die Regierung das Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu schützen. Bundesgesundheitsminister appellierte, dass möglichst viele Menschen sich gegen Grippe impfen lassen. Darüberhinaus wird die Krankschreibung bei Atemwegserkrankungen in den kommenden Monaten vereinfacht.

Das Bundesgesundheitsministerium habe für diese Saison 26 Millionen Dosen bestellt. "So viele Impfdosen standen noch nie zuvor in Deutschland für die Grippeimpfung zur Verfügung", sagte Spahn. Diese würden aber nicht auf einen Schlag zur Verfügung gestellt. Deshalb könne es zu lokalen Lieferengpässen kommen. "Wir haben aber keine Versorgungsengpässe", betonte Spahn.

Kritik von Ärzten

Kritik kam jedoch von Ärztevertretern. Viele von ihnen nähmen eine erhöhte Nachfrage wahr, erklärte der Deutsche Hausärzteverband. Gleichzeitig müssten vielerorts Hausarztpraxen bereits auf die nächste Charge Grippeimpfstoff warten. "Die Nachfrage ist in vielen Regionen, sicherlich auch aufgrund der medienwirksamen Aufrufe aus der Politik, sehr früh in diesem Jahr sehr hoch."

Das sei zwar ein Grund zur Freude. "Allerdings sind in einigen Hausarztpraxen die ersten Impfdosen bereits verimpft und die Kolleginnen und Kollegen suchen händeringend Nachschub" sagte Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes. "Ich appelliere daher an die Politik: Es muss dringend sichergestellt werden, dass jetzt überall genügend Impfdosen vorhanden sind und es nicht zu längeren Verzögerungen kommt. Es darf nicht sein, dass einerseits zum Impfen aufgerufen wird, dann aber die Impfstoffe nicht nachkommen."

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnte vor Engpässen. Die 26 Millionen Impfdosen reichten offenbar nicht einmal für alle Risikopatienten aus, sagte der BVKJ-Präsident Thomas Fischbach der "Augsburger Allgemeinen".

Apotheker sehen keinen Engpass

Spahn erklärte, der Impfstoff werde nicht an einem Tag ausgeliefert, sondern stehe nach und nach zur Verfügung. Es sei sinnvoll, sich auch noch im November oder Dezember impfen zu lassen. In den vergangenen Jahren sind nach Spahns Angaben jeweils vier bis sechs Millionen Impfdosen vernichtet worden, weil sie nicht eingesetzt wurden.

Rückendeckung bekam Spahn von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Die sieht keinen Engpass bei der Versorgung mit Grippeimpfstoff in Deutschland. Die 26 Millionen zur Verfügung stehenden Impfdosen seien "bei Weitem noch nicht verbraucht", sagte ein Sprecher. In keinem Fall solle nun bei der Grippeimpfung auf die Bremse getreten werden.

Spahn: Impfungen auch noch im Dezember sinnvoll

Spahn appellierte an diejenigen, sich impfen zu lassen, "für die die Ständige Impfkommission eine Impfung empfiehlt". "Schützen Sie sich, schützen Sie andere, schützen Sie unser Gesundheitssystem." Je weniger Menschen an Grippe erkrankten, desto mehr Kapazitäten stünden für andere Patienten, vor allem für Covid-19-Erkrankte zur Verfügung.

Die Grippeimpfung wird in der Corona-Pandemie vor allem Risikogruppen wie Senioren und chronisch Kranken empfohlen. Dabei geht es darum, Superinfektionen mit anderen gefährlichen Erregern zu vermeiden, aber auch darum, die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Grippe möglichst gering zu halten. Empfohlen wird eine Grippeimpfung auch für medizinisches Personal in Krankenhäusern, Pflege- und Senioreneinrichtungen und im Gesundheitswesen, dazu für Schwangere und Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen.

Telefonische Krankmeldung erlaubt

Darüberhinaus kündigte Spahn an, "dass die telefonische Arbeitsunfähigkeitsverschreibung bei Atemwegserkrankungen bis Ende des Jahres auch weiterhin möglich ist." Die gemeinsame Selbstverwaltung des Gesundheitswesens werde das am Donnerstag beschließen. "Das kann ich nur begrüßen, denn wir wollen natürlich mögliche Infektionen im Gesundheitswesen und in der Arztpraxis bei Grippe wie bei Corona vermeiden."

Spahn zeigte sich über den Anstieg der Corona-Infektionen bei Älteren besorgt. Die Zahlen stiegen bei älteren Menschen stärker als bei Jüngeren, sagte der Minister. Das sei besorgniserregend, weil das Risiko mit dem Alter steige. Es mache einen großen Unterschied, "ob Sie 10.000 infizierte 20-Jährige haben oder 10.000 Infizierte 80-Jährige". Es müsse daher Aufmerksamkeit auf den Schutz im Gesundheitswesen und in Pflegeeinrichtungen gerichtet werden.

Situation im Gesundheitsdienst "besorgniserregend"

Als besorgniserregend bezeichnete Spahn auch die Situation im Gesundheitsdienst, wo Engpässe bei der Kontaktnachverfolgung drohten. Dies gelinge in Deutschland noch vergleichsweise gut. Mit der steigenden Zahl von Corona-Infektionen in den vergangenen Wochen haben auch die Gesundheitsämter in Deutschland wieder mehr zu tun.

Spahn forderte auch, bei den Corona-Tests Prioritäten zu setzen. Vor dem Hintergrund der in einigen Bundesländern geltenden Regelung, dass Gäste aus Risikogebieten nur mit negativem Corona-Test untergebracht werden dürfen, würden in Städten wie Berlin Testkapazitäten stark dafür genutzt, sagte Spahn. Das sei ein enormer Aufwand. Man müsse auf die Prioritäten aufpassen.