Die Fassade eines Wohnblocks in Hannover | dpa

Wohnungsbau in Deutschland "Wir verlieren am Tag 72 Sozialwohnungen"

Stand: 06.07.2021 10:02 Uhr

Deutschland braucht Sozialwohnungen, vor allem in den Ballungsgebieten. Doch das scheint schwierig: der Bestand sinkt und die Neubauquote auch. Die Rufe nach deutlich mehr Förderung durch den Staat werden lauter.

Von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

Deutschland verliert Sozialwohnungen. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Bestand ungefähr halbiert. Einer der Gründe: nach einer bestimmten Frist verlieren die einstmals besonders geförderten Wohnungen die sogenannte Sozialbindung. Sie wandern auf den freien Markt.

Uwe Jahn ARD-Hauptstadtstudio

Der wohnungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Christian Kühn, rechnet: "Wir verlieren gerade am Tag 72 Sozialwohnungen, das heißt wir verlieren jetzt pro Jahr 26.000. Das ist zu viel, und wir müssen eigentlich neue und mehr hinzu bauen und deswegen muss hier mehr investiert werden. Am Ende ist es eine Geldfrage und liegt an nichts anderem."

Und da habe die Bundesregierung zu wenig getan. Fünf Milliarden hat der Bund in dieser Wahlperiode für den sozialen Wohnungsbau an die Länder gegeben. Trotzdem ist nach Auskunft der Bundesregierung auch die Neubauquote gesunken - das zweite Jahr in Folge.

Erschreckend, sagt Caren Lay, wohnungspolitische Sprecherin der Linken: "Das Ergebnis besagt nämlich, dass im Jahr 2020 deutlich weniger Sozialwohnungen gebaut wurden, also acht Prozent weniger Sozialwohnungen als noch im Vorjahr. Das heißt, wir haben im Moment die absurde Situation, dass wir einen Rückgang beim Neubau von Sozialwohnungen haben und das, obwohl die Mieten steigen."

Forderung nach deutlich mehr Förderung

Lay fordert eine Verzehnfachung der Förderung durch den Staat und dass die Sozialbindung dauerhaft sein muss: einmal Sozialwohnung, immer Sozialwohnung. Bei der FDP setzen sie eher auf die Dachaufstockung - auch aus Kostengründen, da sind die Grundstücke nämlich schon bezahlt.

Außerdem moniert der wohnungspolitische Sprecher der FDP, Daniel Föst: "Wir wissen, aus Untersuchungen, dass 30 bis 50 Prozent des geschaffenen sozialen Wohnraums so genannt fehlbelegt sind, also es wohnen Menschen in diesen sozialen Wohnungen, die auf diese Form und diesen Preis eigentlich keinen Anspruch mehr haben."

Schwer, Grundstücke zu bekommen

Glaubt man der privaten Wohnungswirtschaft, kann auch sie die Entwicklung nicht stoppen, sagt Gerold Happ von Haus und Grund:  Es sei momentan sehr schwer, überhaupt Grundstücke in den entsprechenden Regionen zu bekommen, wo man bauen könne. "Gerade für private Eigentümer ist das nicht leicht, dann muss natürlich noch die Rahmenbedingung stimmen, dass das Bauen leistbar ist, dass man es finanzieren kann und dazu kommt natürlich noch, dass das Bauen auch immer schwerer wird, gerade was das Handwerk angeht", sagt er.

Große Aufgabe für die kommende Bundesregierung

Denn Handwerker sind knapp. Nun könnte der Staat Wohnungen umwidmen, indem er Belegungsrechte kauft, so dass sie billiger an Berechtigte vermietet werden können. Doch insgesamt mehr Wohnungen gibt es dadurch auch nicht. Das zentrale Hemmnis beschreibt Axel Gedaschko vom Spitzenverband der deutschen Wohnungswirtschaft so: "Das liegt an den Baukosten, die innerhalb der letzten zehn Jahre um 81 Prozent gestiegen sind. Wenn sie da auf Mieten kommen wollen von sechs Euro, was bleibt dann übrig, dann müssen sie das staatlich subventionieren."

Und zwar im großen Stil. Da erbt die kommende Bundesregierung eine Aufgabe.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 06. Juli 2021 um 06:38 Uhr.