Die Sondierer von Union und FDP nach den ersten Gesprächen. | dpa
Analyse

Sondierungen Eine Frage der Disziplin

Stand: 04.10.2021 17:46 Uhr

Die Parteien ringen in den Sondierungen um Selbstdisziplin. Vor allem bei der Union geht es um viel. An der Rolle der Opposition könnte die Partei zerbrechen.

Von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

Manchmal ist keine Antwort auch eine Antwort. Im Lichte der Sondierungen heißt die Antwort: Disziplin. Denn an das selbst auferlegte Schweigegebot scheinen sich alle Beteiligten vorerst zu halten. Die Botschaft: Wer quatscht, ist unzuverlässig und illoyal. Da haben vor allem die Jamaika-Sondierer von 2017 einiges dazu gelernt. Wer zu viel durchsteckt, verspielt Vertrauen. Und das ist bei einer Dreier-Konstellation ohnehin äußerst schwierig. Ampel oder Jamaika. Egal in welchem Bündnis sie am Ende regieren, keiner will das fünfte Rad am Wagen sein. Und die Gefahr, dass sich einer der Koalitionspartner so fühlt, ist immer gegeben. Grünen-Chef Robert Habeck hat das nicht nur erkannt, sondern auch direkt an die eigene Partei formuliert.

Kristin Marie Schwietzer ARD-Hauptstadtstudio

An seinen Satz beim Länderrat wird man sich auf der Regierungsbank und an der grünen Basis in den kommenden Jahren immer wieder erinnern müssen: "Das wird anstrengend." Drückt hier schon die Regierungsverantwortung? Ja und nein. Es geht auch jetzt schon um die Sorge, nach vier Jahren noch als Partei erkennbar zu sein. Das gilt für alle, die noch den Anspruch erheben, Volkspartei zu sein. Aber ebenso für diejenigen, die inzwischen den Anspruch erheben, nicht mehr nur der kleine Königsmacher zu sein. Die Grünen waren zwischenzeitlich schon auf dem Weg zur Volkspartei als starke Konkurrenz zur Union. Und die Liberalen haben sich in den vergangenen Jahren freigeschwommen vom bürgerlichen Lager.

Die Selfie-Euphorie scheint wieder gedämpft

Alles ist möglich. Das macht für Union und SPD nicht leicht. Man merkt es den Sondierern in Runde zwei deutlich an.

Auch die Selfie-Euphorie scheint erstmal wieder gedämpft. Der FDP-Generalsekretär spricht von konstruktiven Gesprächen, lässt aber durchblicken, dass da im Herzen mehr schwarz ist als rot. Und umgekehrt die Grünen. Die SPD hat das wohl gemerkt und verschärft das "Wording". Der Generalsekretär hat nochmal klar gemacht, wer einen Anspruch auf die Regierungsbank hat und wer nicht. Lars Klingbeil will eine Koalition der Wahlsieger, also Rot-Grün-Gelb. Auch nach einer Woche ist das noch die wohl wahrscheinlichste Variante.

Sicher ist sie offenbar noch nicht. Denn die Union hat sich nach einer Woche harter Angriffe gegen den eigenen Parteichef geschüttelt und zwangsläufig diszipliniert. Nach dem Motto: Mal sehen, wie die Gespräche laufen.

Das Erwachen in der Opposition hätte für viele einen bitteren Beigeschmack. Da würden CDU und CSU zwischen Linkspartei und AfD landen, ausgerechnet den Parteien, mit denen sie jegliche Zusammenarbeit ablehnen. Für beide gibt es Unvereinbarkeitsbeschlüsse in der Union. Absprachen in der Opposition dürften schwierig werden.

Was tun?

Was also tun? In der Opposition, dann ohne Laschet erneuern oder lieber mit dem vermeintlich schwachen Kandidaten doch noch regieren?

Die einen sagen: Opposition können wir gar nicht mehr. Und die anderen antworten, vor allem an Teilen der Basis, das wäre doch ganz gut. Dann müsste man nicht immer auf Berlin Rücksicht nehmen. Und dann gibt es noch die, die regieren wollen, aber nicht mehr mit Laschet. Der denkt aber immer noch nicht an Rückzug, zumindest so lange er verhandelt.

Es sind nur Gedankenspiele in der Union. Hier wissen sie, dass sie es nicht mehr entscheiden werden. Deswegen warten sie jetzt im Adenauer-Haus, voller Demut auf Morsezeichen von FDP und Grünen.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Moderation 04.10.2021 • 21:48 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation