Solingen 1993 (Archivbild) | Bildquelle: REUTERS

Brandanschlag in Solingen "Damit sie sehen, was sie mir angetan haben"

Stand: 29.05.2018 04:59 Uhr

Vor 25 Jahren zündeten Rechtsradikale in Solingen ein Haus an, fünf Menschen starben. Die damals dreijährige Güldane überlebte den Anschlag schwer verletzt - doch die Folgen spürt sie noch heute.

Von Antraud Cordes-Strehle, WDR und Christina Zühlke, WDR

"Wenn man mich anschaut, sehe ich auf den ersten Blick ganz normal aus. Erst wenn jemand meine Hände sieht, werde ich gefragt: Was hast du da? Was ist passiert?" Güldane glaubte lange, Teewasser hätte ihre Haut verbrannt. Sie war schon 15 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie eines der Opfer des Brandanschlags in Solingen war: "Bei uns zu Hause wurde nicht darüber gesprochen. Mein Vater wollte damit warten, bis ich mit der Schule fertig bin."

Viel hat er ihr nicht erzählt. Immer, wenn sie ihn danach frage, fange er an zu weinen, erzählt die gelernte Krankenschwester, die seit einigen Monaten in einem Herrenmodegeschäft arbeitet. "Deshalb frage ich ihn nicht mehr", sagt sie.

Gedenken an Opfer des Brandanschlags in Solingen vor 25 Jahren
tagesschau 14:00 Uhr, 29.05.2018, Antraud Cordes-Strehle, WDR

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Nach zehn Minuten steht das ganze Haus in Flammen

25 Jahre sind vergangen seit jener Nacht, als vier deutsche Rechtsradikale in das Haus der türkischen Großfamilie Genc eindrangen. An einer Tankstelle hatten sie einen Kanister mit Benzin gefüllt. Dieses schütteten sie kurz vor 2.00 Uhr nachts gegen die Haustür sowie die im Hausflur angebrachte Holzverschalung und zündeten es an. Nach zehn Minuten stand das ganze Haus in Flammen. Fünf Menschen kamen ums Leben.

Solingen, die Stadt im Bergischen Land, die bis dahin für ihre Messer und Klingen bekannt war, stand nun für Fremdenhass. Vor dem 29. Mai 1993 wollten viele diesen eher als ostdeutsches Problem abtun, auch wenn es ausländerfeindliche Übergriffe und Anschläge nach der Wende sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern gegeben hatte.

Solingen 1993 (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Fünf Menschen wurden bei dem Brandanschlag getötet.

Chronologie der Anschläge

September 1991: Im sächsischen Hoyerswerda greifen Neonazis und Sympathisanten ein Flüchtlingsheim mit Stahlkugeln und Brandsätzen an.

Oktober 1991: In Hünxe in Nordrhein-Westfalen werfen Neonazis Brandsätze durch ein Fenster einer Flüchtlingsunterkunft. Zwei libanesische Mädchen und ihre Großmutter werden lebensgefährlich verletzt.

August 1992: In Rostock-Lichtenhagen belagern Rechtsextreme und Randalierer die Zentrale Asylbewerber-Aufnahmestelle von Mecklenburg-Vorpommern und stecken sie in Brand.

November 1992: In Mölln in Schleswig-Holstein werfen Rechtsextreme Brandsätze in zwei Häuser. Zwei türkische Mädchen und ihre Großmutter kommen ums Leben.

Bestürzung und Angst

Die Stimmung in Deutschland war aufgeheizt Anfang der 1990er-Jahre. Hunderttausende Menschen flüchteten vor dem Krieg in Jugoslawien, die Grenze zum Osten war gefallen. Von der steigenden Zahl der Asylsuchenden und Aussiedler profitierten rechtsradikale Parteien und zogen in mehrere Landesparlamente ein. Im Bundestag wurde über das Grundrecht auf Asyl gestritten, ein Kompromiss im Mai 1993 verabschiedet.

Die Serie der Anschläge löste Bestürzung und unter den in Deutschland lebenden Ausländern große Angst aus. Viele fragten sich, ob sie in Deutschland noch sicher seien oder ob ihnen vielleicht der nächste Anschlag gelten könnte.

Verurteilung wegen Mordes

Die Täter von Solingen hatten, wie es im Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf 1995 hieß, den "Türken einen Denkzettel" verpassen wollen. Sie waren zwischen 16 und 23 Jahre alt. Der Älteste wurde wegen Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, die drei anderen zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren Haft. Wegen guter Führung wurden sie zum Teil vorzeitig entlassen.

Güldane ist heute 27 Jahre alt. Sie wohnt in Solingen bei ihren Eltern. Ihr Vater heiratete nach dem Tod ihrer Mutter erneut, weil er eine heile Familie für seine kleine Tochter wollte. Güldane musste auf Grund ihrer schweren Verletzungen ein Jahr im Krankenhaus bleiben und viele Operationen über sich ergehen lassen. Ein Bruch vom Sturz aus dem Fenster wurde erst nach Jahren entdeckt, als ihr Bein aufhörte zu wachsen. Bis heute leidet sie unter Schmerzen. Zu gern würde sie die Täter einmal treffen. "Damit sie sehen, was sie mir und meiner Familie angetan haben."

25 Jahre nach Solingen: Aufrufe zum Kampf gegen Rassismus
Andrea Müller, ARD Berlin
29.05.2018 06:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Mai 2018 um 06:00 Uhr in den Nachrichten.

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