Krankenpflegerin in einer Intensivstation der Uniklinik Essen (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Intensivmediziner zur Corona-Lage "Personal ist meine größte Sorge"

Stand: 03.11.2020 18:16 Uhr

Auf den Intensivstationen in Deutschland wird es langsam eng. Auch seien mehr junge Menschen betroffen, sagt Intensivmediziner Jörg Brederlau. Was passiert, wenn alle Betten belegt sind, erklärt er im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Wie ist die Situation auf Ihrer Intensivstation?

Jörg Brederlau: Die Lage ist angespannt. Momentan haben wir 17 Patienten mit einer Covid-19-Infektion und 13 andere Intensivpatienten. Von unseren derzeit 36 verfügbaren Betten sind also noch sechs frei. Die Covid-Patienten sind sehr krank und müssen daher intensiv betreut werden.

Wir behandeln auch mehr jüngere Patienten als im Frühjahr. Zwar ist es nach wie vor so, dass die meisten jungen Menschen asymptomatisch sind beziehungsweise nur milde Symptome aufweisen. Aber wir sehen jetzt - allein aufgrund der zunehmenden Zahlen - häufiger, dass auch junge Menschen schwere Verläufe erleiden, die auch zu Multiorganversagen führen können.

alt Prof. Jörg Brederlau

Zur Person

Jörg Brederlau ist Chefarzt der Intensivmedizin und Notfallmediziner am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Dort betreut er eine Station mit derzeit 36 Intensivbetten.

"Die größte Engstelle ist das Pflegepersonal"

tagesschau.de: Sechs freie Betten hört sich nicht besonders viel an. Was passiert wenn die belegt sind?

Brederlau: Wir hatten gestern einen sehr schlimmen Tag mit fünf Verlegungen von Covid-19-Patienten auf unsere Station und vier weiteren Intensivpatienten. Man muss ja berücksichtigen, dass die normalen Notfall-Patienten auch weiter versorgt werden müssen. Die können wir nicht, nur weil wir jetzt eine Pandemie haben, vernachlässigen.

Das heißt, es ist in der Tat eng, aber es gibt ja auch immer wieder Patienten, die genesen und die dann verlegt werden können. Sollten die restlichen freien Betten belegt sein, müssen wir Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind, in neu geschaffene Intensivbetten verlegen.

tagesschau.de: Wo kommen diese Betten her?

Brederlau: Jedes Krankenhaus ist verpflichtet, weitere Betten aufzubauen. Es gibt in jedem Krankenhaus Räume, die dafür geeignet sind, beispielsweise die Aufwachräume im OP-Bereich, die dann zu Intensivstationen aufgerüstet werden können. Die größte Engstelle ist aber das Pflegepersonal. Das müssen wir dann aus anderen Bereichen des Krankenhauses heranholen.

"Da muss man Kompromisse machen"

tagesschau.de: Ist dieses Personal denn für diese Aufgabe gerüstet? Eigentlich braucht man für intensivmedizinische Versorgung doch eine mehrjährige Ausbildung?

Brederlau: Das ist richtig. Da muss man Kompromisse machen. Wir werden aber sicherlich nicht Pflegekräfte, die in dem Bereich überhaupt keine Erfahrung haben, alleine an einem beatmeten Patienten stehen haben. Wir werden sicherstellen, dass diese Pflegekräfte von anderen Pflegekräften begleitet werden, die das eben beherrschen.

Man spricht da von einem sogenannten Qualifikationsmix. Dabei lässt man beispielsweise einige Patienten von einer ausgewiesenen Intensivpflegekraft und einer normalen Pflegekraft zusammen betreuen.

tagesschau.de: Ist die Situation schlimmer als im Frühjahr?

Brederlau: Definitiv. Alleine von der Anzahl der Patienten ist es deutlich schlimmer. Wir haben speziell in Berlin schon jetzt den Höchststand an Intensivpatienten vom Frühjahr überschritten - und sind aber noch in der Phase, in der die Infektionszahlen exponentiell ansteigen. Das heißt, in wenigen Wochen wird die Zahl der Intensivpatienten noch deutlich zugenommen haben.

"Notfalls umstellen auf Katastrophenmedizin"

tagesschau.de: Was passiert denn, wenn beispielsweise Berlin an die Kapazitätsgrenze stößt?

Brederlau: Wir haben in Deutschland ein sehr gut funktionierendes Rettungssystem. Solange es Gegenden gibt, in denen die Auslastung mit Covid-19-Patienten noch gering ist, muss es die Möglichkeit geben, dorthin Patienten zu verlegen. Das setzt eine gewisse Solidarität unter den Bundesländern voraus.

Wenn auch das ausgeschöpft ist, werden wir umstellen müssen auf Katastrophenmedizin, so wie wir das in anderen europäischen Ländern schon gesehen haben. Und das will keiner von uns. Deshalb ist extrem wichtig, dass wir alle das tun, was die Kanzlerin deutlich gemacht hat: Wirklich auf uns achten, die Vorsichtsmaßnahmen einhalten, um das Infektionsgeschehen nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

"Wir werden sehr viel arbeiten"

tagesschau.de: Was heißt Umstellen auf Katastrophenmedizin?

Brederlau: Das heißt im schlimmsten Fall, dass es zu Triage-Entscheidungen kommen könnte. Aber auch, dass die medizinische Versorgung auf das Allernotwendigste zusammengestrichen werden müsste.

tagesschau.de: Was erwarten Sie für die kommenden Wochen?

Brederlau: Ich gehe davon aus, dass wir sehr viel arbeiten werden und hoffe, dass die Stimmung an unserem Arbeitsplatz weiter gut bleibt. Das wichtigste ist, dass wir weiterhin keinen Personalausfall haben, denn sonst brechen alle Versorgungskonzepte zusammen. Das ist meine größte Sorge.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2020 um 14:00 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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