Silvester auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs

BKA-Bilanz zur Silvesternacht Die meisten Täter bleiben unerkannt

Stand: 11.03.2019 15:54 Uhr

Das Bundeskriminalamt hat seine Untersuchungen zur Silvesternacht abgeschlossen. Demnach kam es nach Informationen von NDR, WDR und SZ zu knapp 900 Sexualdelikten mit 1200 Opfern. Von den wahrscheinlich mehr als 2000 Tätern wurden aber nur 120 ermittelt.

Von Britta von der Heide, Christian Baars und Stephan Wels, NDR

Die Übergriffe in der Silvesternacht haben das Land erschüttert. Öffentlichkeit und Politik verlangten nach Aufklärung, forderten harte Strafen für die Täter. Aufgrund der Bedeutung des Falls hat sich in den vergangenen Monaten auch das Bundeskriminalamt intensiv mit den Übergriffen beschäftigt und alle dazu verfügbaren Daten zusammengetragen und ausgewertet. Insgesamt zählten die BKA-Beamten 881 einzelne Straftaten: 642 reine Sexualdelikte und 239 sogenannte Kombinationsdelikte - also etwa Übergriffe, bei denen auch Handys oder Geld gestohlen wurden.

1200 Opfer und 120 Tatverdächtige

Von einigen dieser Straftaten waren mehrere Frauen betroffen. So kommt das BKA auf eine Zahl von insgesamt mehr als 1200 Opfern sexueller Übergriffe in der Silvesternacht: rund 650 in Köln, 400 in Hamburg sowie weitere in Stuttgart, Düsseldorf und an anderen Orten. Aber die meisten Täter bleiben wohl unerkannt. "Wir müssen davon ausgehen, dass viele dieser Taten auch im Nachgang nicht mehr ausermittelt werden", sagte BKA-Präsident Holger Münch gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung".

Wahrscheinlich seien es mehr als 2000 Täter gewesen, schätzen Kenner der BKA-Studie. Denn viele der Übergriffe seien in Gruppen erfolgt. Tatsächlich konnten die Ermittler jedoch nur 120 Tatverdächtige ermitteln. Wie viele der Verdächtigen schuldig sind, werden in den kommenden Monaten Gerichte befinden müssen.

Holger Münch ist Präsident des Bundeskriminalamts. | Bildquelle: dpa
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Viele Taten können wohl nicht mehr "ausermittelt werden", sagt BKA-Chef Holger Münch.

Bislang vier Verurteilungen und zwei Freisprüche

Bislang gab es nur vier Verurteilungen zu den Sexualdelikten aus der Silvesternacht, je eine in Düsseldorf und Nürtingen. In Köln wurden zwei Männer zu Bewährungsstrafen verurteilt, ein dritter freigesprochen. In Hamburg wurde im Mai ein Verdächtiger freigesprochen.

Zudem wurden dort nach Informationen von NDR, WDR und SZ jüngst die fünf Tatverdächtigen, die noch in U-Haft saßen, entlassen. Den Gerichten erschien das Beweismaterial nicht ausreichend. Die Anklagen gegen sie bleiben jedoch bestehen.

Viele Nordafrikaner unter den Verdächtigen

Insgesamt soll etwa die Hälfte der 120 Verdächtigen erst kurze Zeit - weniger als ein Jahr - in Deutschland gewesen sein. Insofern gebe es schon einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten des Phänomens und der starken Zuwanderung, sagte BKA-Präsident Münch. Die meisten Verdächtigen stammen aus Nordafrika, Syrer waren hingegen kaum an den Taten beteiligt.

Beweise dafür, dass die Taten in den verschiedenen Städten möglicherweise vorab geplant und verabredet gewesen sein könnten, gebe es nicht, so Münch. Kurz nach Silvester hatte Justizminister Maaß noch von "organisierter Kriminalität" gesprochen.

BKA-Chef fordert mehr Videoüberwachung

Als Gründe für die ernüchternde strafrechtliche Bilanz sieht das BKA einige "Ermittlungshemmnisse": Es habe von den betroffenen Frauen kaum aussagekräftige Beschreibungen der Täter gegeben und auch kein geeignetes Bildmaterial aus der Nacht. BKA-Präsident Holger Münch fordert deshalb nun mehr Polizeipräsenz und Videoüberwachung zu Silvester anderen öffentlichen Groß-Veranstaltungen.

Das BKA stimmt derzeit die Ergebnisse eines geplanten Berichts über die Vorkommnisse in der Silvesternacht mit den Bundesländern ab. Konkrete Details aus diesem Papier wollten die Beamten noch nicht kommentieren.

Böses Neues Jahr - Die Suche nach den Silvestertätern, 11.07.2016, 22 Uhr im Ersten

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