Wacken: Verbot von Rucksäcken und Taschen

Maßnahmen bei Großveranstaltungen Was tun für mehr (gefühlte) Sicherheit?

Stand: 04.08.2016 18:04 Uhr

Mehr Sicherheitskräfte, strengere Kontrollen, Taschenverbot: Nach den Gewalttaten der vergangenen Wochen reagieren die Veranstalter von Großevents mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Doch wie sinnvoll ist das?

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

Keine 2000 Einwohner hat Wacken im schleswig-holsteinischen Kreis Steinburg. Wenn aber ab heute eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt zum 27. Mal in der kleinen Gemeinde steigt, kommen auf jeden Einwohner etwa 38 Festivalbesucher. Mehr als 75.000 Menschen werden in diesem Jahr erwartet - eine Ausnahmesituation, die einer aufwendigen Vorbereitung und eines detaillierten Sicherheitskonzepts bedarf.

Nach den Gewalttaten der vergangenen Wochen in Nizza, Würzburg, München oder Ansbach wird intensiv über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen bei Großveranstaltungen diskutiert. Auch die Veranstalter und Sicherheitsbehörden in Wacken haben reagiert: mehr Polizeibeamte im Einsatz, mehr private Sicherheitskräfte und ein Taschenverbot auf dem Veranstaltungsgelände. Dabei ist es eine logistische Herausforderung, solch ein komplexes Sicherheitskonzept zu er- und zu überarbeiten. Denn sowohl der Veranstalter als auch jede beteiligte Behörde hat einen Plan, der stets mit den anderen abgestimmt werden muss.

"Sicherheit steht bei uns immer ganz oben auf der Tagesordnung. Wir haben uns bereits nach dem Anschlag von Paris im vergangenen November monatlich zusammengesetzt und unser Konzept immer wieder überprüft", sagte Wacken-Veranstalter Thomas Jensen zu tagesschau.de. Dabei kämen ihnen die Erfahrungswerte der vergangenen Jahre besonders zu Gute. "Wir stehen mit allen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben im regen Austausch und evaluieren das Sicherheitskonzept nach jedem Festival", erläutert Jensen. So könne man gut abschätzen, an welchen Stellschrauben noch gedreht werden muss. Was dies konkret für die Zahl der eingesetzten Polizisten und Sicherheitskräfte bedeutet, verrät Jensen aus Sicherheitsgründen nicht. Doch es seien ausreichend mehr, sagt er.

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"Wer es darauf anlegt, der hätte Chancen"

Auch auf Seiten der Polizei fühlt man sich in Wacken gut vorbereitet. "Wir haben alles menschenmögliche an Vorbereitungen getroffen", sagt Polizeisprecher Stefan Hinrichs. Er räumt zwar ein, dass sich in den vergangenen Wochen eine neue Lage entwickelt hat und das Gesamtrisiko deshalb etwas höher eingeschätzt wird als sonst. Doch es handele sich um eine abstrakt hohe Gefährdungslage, konkrete Hinweise gäbe es weder für Wacken noch für Schleswig-Holstein.

Und trotzdem: "Einen Anschlag wirklich zu unterbinden ist schwer. Wer es darauf anlegt, der hätte Chancen“, sagt Hinrichs. Man könne aber die Auswirkungen minimieren. So ließe sich durch das Rucksack- und Taschenverbot etwa verhindern, dass größere Sprengsätze auf das Festivalgelände gelangen und damit größere Menschengruppen gleichzeitig gefährdet werden.

Rucksackverbot - zusätzliche Gefahr?

Nicht nur in Wacken, auch bei anderen Großveranstaltungen werden verschärfte Kontrollen und Rucksackverbote ins Gespräch gebracht. So schließt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter solch ein Verbot etwa für das Oktoberfest nicht aus. Auch hier soll mit zusätzlichen Kräften dem Schutz der Besucher Rechnung getragen werden. Auch eine komplette Umzäunung des Geländes ist nicht ausgeschlossen. Die Stadt stellt sich auf Mehrkosten von 2,2 Millionen im Vergleich zum Vorjahr ein - alleine für die zusätzliche Bewachung des Geländes.

Sicherheitsvorkehrungen in Wacken
tagesschau 20:00 Uhr, 04.08.2016, Marie-Luise Bram, NDR

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Was wie ein Plus an Sicherheit erscheint, könne aber auch genau das Gegenteil bewirken, sagt Sicherheitsberater Bernd Frenz, der Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen wie das Deichbrand-Festival, das Museumsuferfest oder den JP-Morgan-Lauf in Frankfurt erstellt. "Im Falle eines Taschenverbots auf dem Oktoberfest muss man sich jetzt schon auf lange Schlangen an den Einlasskontrollen einstellen. Und solche Menschenansammlungen sind wiederum für sich schon ein mögliches Anschlagsziel". Und auch aufgestellte Zäune ließen sich umgehen, wenn man denn wirklich wollte.

Grundsätzlich könne man im Vorfeld sowieso schwer beurteilen, wie sinnvoll einzelne Maßnahmen seien, so Frenz zu tagesschau.de. Hat etwa ein Taschenverbot dazu beigetragen, dass am Ende nichts passiert ist, oder waren es doch andere Aspekte? Es käme vielmehr auf das Gesamtkonzept an und darauf, alle Beteiligten für bestimmte Situationen zu sensibilisieren. Eine hundertprozentige Sicherheit könne es sowieso nicht geben. "Man kann vielleicht eine Großveranstaltung widerstandsfähiger machen, man kann die Aufmerksamkeit der Menschen für etwas schärfen. Aber letztendlich glaube ich, dass wir als Gesellschaft uns darauf einstellen müssen, mit der Gefahr zu leben."

Polizeibeamte auf dem Gelände des Wacken Open Air
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Die Sicherheitsbehörden setzen in diesem Jahr "ausreichend mehr" Beamte ein.

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Sicherheit oder Sicherheitsgefühl?

Auffällig ist, dass bei den Sicherheitsdebatten der letzten Tage vor allem von Seiten der Politik viel vom "Sicherheitsgefühl" die Rede ist. So hieß es etwa aus dem niedersächsischen Innenministerium, mehr Polizeibeamte im Einsatz würden das Sicherheitsgefühl der Menschen erhöhen. Auch in Debatten der CSU kursiert der Begriff. Doch ob ein Mehr an Beamten die Menschen auch tatsächlich entspannter macht, ist umstritten. Beim Wacken Open Air ist die Polizeipräsenz in diesem Jahr deutlich wahrnehmbarer als in der Vergangenheit. Gleichzeitig räumt Polizeisprecher Hinrichs paradoxerweise ein, man müsse aufpassen, dass das bei den Festivalbesucher nicht irgendwann zu einem "Unsicherheitsgefühl" führt.

Auch Risikoforscher Ortwin Renn vom Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam weiß, dass Menschen unterschiedlich auf verschärfte Maßnahmen reagieren. Das sei evolutionär begründet. In Gefahrensituationen will man je nach Typ entweder fliehen oder kämpfen. Das treffe aber genauso auf potentielle Attentäter zu: "Organisierte Terroristen planen im Vorfeld sehr akribisch und gehen alle Eventualitäten durch. Sie lassen sich deshalb eher nicht von erhöhten Sicherheitsmaßnahmen abschrecken. Die "einsamen Wölfe" - die amateurhaften Einzeltäter, wie sie für die Gewalttaten der letzten Wochen vorwiegend verantwortlich waren - durchaus schon". Daher sei nach Renns Ansicht ein Zusammenspiel von einer Gefahreneinschätzung sowie Ermittlungen im Vorfeld und konkreten Maßnahmen vor Ort besonders wichtig.

Darauf setzt man auch in Wacken. Veranstalter Jensen ist zuversichtlich, dass das Sicherheitskonzept aufgeht. "Wir haben alle nicht das ganz große Schreckensszenario im Kopf. Wir sitzen aber auch nicht relaxt da, so als würden wir uns von den Ereignissen in der Welt nicht beeindrucken lassen." Monatelange Vorbereitungen, differenzierte Sicherheitmaßnahmen, koordinierte Zusammenarbeit und gute Kommunikation aller für die Sicherheit Verantwortlichen sollen schließlich allen Metal-Fans ein unvergessliches Event garantieren.

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