Jugendliche wollen auf die Klimakrise aufmerksam machen | dpa

Shell-Jugendstudie 2019 Mehr Ängste und doch optimistisch

Stand: 15.10.2019 17:22 Uhr

Die junge Generation ist mehrheitlich tolerant, zuversichtlich und umweltbewusst. Doch die neue Shell-Jugendstudie zeigt auch eine Affinität zu Rechtspopulismus und traditionellen Familienbildern.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Die jungen Menschen in Deutschland sind nach wie vor zu einem großen Teil pragmatisch und tolerant und sorgen sich mehr um Umwelt und Klima als in den vorangegangenen Jahren. Diese Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2019 sind nicht besonders überraschend. Bemerkenswert hingegen ist, dass nach wie vor genauso viele zuversichtlich in die Zukunft blicken wie bei der letzten Befragung vor vier Jahren (58 Prozent) - und das, obwohl die Ängste gleichzeitig zugenommen haben.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Mehr Angst vor Ausländerfeindlichkeit als vor Zuwanderung

Während 2015 Jugendliche noch am meisten Angst vor Terror hatten, steht inzwischen die Angst vor Umweltzerstörung an erster Stelle (71 Prozent). Gefolgt von Terroranschlägen (66 Prozent) und Klimawandel (65 Prozent). Ebenfalls bemerkenswert: Die Angst vor Zuwanderung steht auf der Liste der abgefragten Ängste ganz unten (33 Prozent), stärker ins Gewicht fallen die Ängste vor Ausländerfeindlichkeit (52 Prozent) und einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen (56 Prozent).

Infografik: was Jugendlichen Angst macht

Dennoch zeigen sich viele auch gegenüber populistischen Thesen offen. Neun Prozent der Jugendlichen stimmt laut Studie fast allen populistischen Statements zu und weitere 24 Prozent sind populistisch affin, stimmen also zumindest einer Reihe einzelner populistischer Aussagen zu. "Das ist viel", findet Bundesfamilien- und Jugendministerin Franziska Giffey. Sie betont deshalb die Wichtigkeit von politischer Bildung in Schulen und in der außerschulischen Jugendarbeit.

Gibt es eine zunehmende Politisierung?

Steht "Fridays for Future" dafür, dass die junge Generation sich stärker politisiert?, fragten sich die Studienautoren. Die Antwort fällt gemischt aus. Das politische Interesse der 12- bis 25-Jährigen bleibt 2019 mit 41 Prozent stabil und liegt damit auf einem deutlich höheren Niveau als noch 2002 (30 Prozent). Was allerdings ansteigt, ist die Bedeutung von politischem Engagement. 2019 liegt der Anteil der Jugendlichen, die es wichtig finden, sich persönlich politisch zu engagieren bei 34 Prozent (2010: 23 Prozent).

"Es gibt eine Politisierung, aber das heißt, dass diejenigen, die bereits bisher politisch interessiert waren, sich noch intensiver mit Politik auseinandersetzen und engagieren", fasst Mathias Albert, der Leiter der Shell-Jugendstudie zusammen. Es heiße aber nicht, dass insgesamt das Interesse an Politik steige.

Vertrauen in Demokratie - aber nicht in Politiker

Eine gute Nachricht ist, dass mit 77 Prozent der ganz überwiegende Teil der jungen Generation mit der Demokratie in Deutschland zufrieden ist. 2006 waren das noch 59 Prozent. Ein Anstieg, der auch bei ostdeutschen Jugendlichen zu beobachten ist, wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau. Gleichzeitig zeigt sich ein hohes Maß an Politik(er)verdrossenheit. So glauben 71 Prozent nicht, dass "Politiker sich darum kümmern, was Leute wie ich denken".

"Das ist ein Befund, der uns wachrütteln muss", sagt Familien- und Jugendministerin Franziska Giffey. Das "Paradox", dass "Jugendliche der Demokratie in hohem Maße vertrauen", nicht aber "den Menschen und Institutionen, die diese Demokratie maßgeblich prägen, den Politikerinnen und Politikern." Diesen Ruf "beteiligt und, hört uns", empfindet die Ministerin als Auftrag und fordert eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre.

Eher idealistische, postmaterialistische Einstellungen

Bei den persönlichen Werten der Jugendlichen stehen nach wie vor gute Freunde (97 Prozent), eine vertrauensvolle Partnerschaft (94 Prozent) und ein gutes Familienleben (90 Prozent) hoch im Kurs. Auch hier gewinnt Umweltbewusstsein an Bedeutung, während ein hoher Lebensstandard und die Durchsetzung eigener Bedürfnisse weniger wichtig werden. Es zeigt sich also ein Trend zu eher idealistischen, postmaterialistischen Einstellungen.

Gut zwei Drittel der jungen Menschen wollen einmal Kinder haben. Sehr überraschend ist für die Forscher hierbei, dass sie dabei ein eher traditionelles Familienbild haben. Eine knappe Mehrheit (54 Prozent) wünscht sich bei einer späteren Partnerschaft mit Kleinkind ein Modell, bei der der Mann Allein- oder Hauptversorger ist. Weibliche und männliche Jugendliche sehen das sehr ähnlich, im Osten Deutschlands tendieren sie allerdings deutlich häufiger zu einem gleichberechtigten Modell.

Infografik: Jugendstudie

Unterschiede zeigen sich vor allem bei sozialer Herkunft

Das erklären sich die Forscher vor allem damit, dass Jugendliche häufig das nachahmen, was sie im eigenen Elternhaus erlebt haben. Gestärkt wird diese These durch den Befund, dass 92 Prozent sich gut mit ihren Eltern verstehen und eine große Mehrheit von 74 Prozent angibt, dass sie ihre eigenen Kinder so erziehen wollen, wie das ihre Eltern getan haben. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann geht aber davon aus, dass dies ein Zwischenbefund ist. "Junge Frauen haben gepunktet bei Bildung, sie sind selbstbewusst, sehr konzentriert, sie steigen in die politische Aktivität ein", sagt er und geht davon aus, dass sich diese Veränderungen bald auch in den Familienbildern niederschlagen werden.

Unterschiede bei den Studienergebnissen zeigen sich bei allem Themengebieten zwar auch bei Alter, Geschlecht, Ost und West-Herkunft oder Migrationshintergrund. Allerdings falle keiner dieser Unterschiede so stark ins Gewicht wie der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsgrad, so die Forscher.

Für die Shell-Jugendstudie werden seit 1953 alle drei bis fünf Jahre junge Menschen zu ihren Einstellungen befragt. An der aktuellen Umfrage wurden 2572 Jugendliche im Alter von zwölf bis 25 Jahre befragt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Oktober 2019 um 15:00 Uhr.