Ein Mädchen sitzt neben ihrem Schulranzen auf dem Boden und hält die Hände vor das Gesicht. | dpa

Missbrauchskommission Zu wenig Schutz an Schulen

Stand: 23.03.2022 19:06 Uhr

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fordert mehr konkretes Handeln an Schulen. Es gebe gute Schutzkonzepte, die Umsetzung sei aber "blamabel".

Anette van Koeverden, ARD-Hauptstadtstudio

Ein häufiger Tatort bei Missbrauch ist die Schule. Anna ist eine von 160 Betroffenen, die sich bei der Kommission gemeldet haben:  

Es ist in der Schulzeit passiert durch einen Lehrer. Als es anfing war er 50, ich war 14. Ich hatte zu der Zeit viele Probleme mit meinem Vater. Mein Lehrer interessierte sich sehr für meine Person und meine Probleme. Es fing mit harmlosen Sachen an. Er hat mich mal mit dem Auto nach Hause gebracht oder zu sich nach Hause zum Fußball gucken eingeladen. Als ich 15 war, ging das dann auch körperlich weiter. Ich dachte, das gehört dazu.

Es gab damals keine unabhängige Stelle, bei der sie anonym mit jemandem hätte sprechen können, sagt Anna. Sie wünscht sich mehr Sensibilisierung. Denn es könne überall passieren. "Und es kann auch in so einer Ambivalenz stattfinden. Der Lehrer ist zwar sehr nett und engagiert, ist aber trotzdem jemand, der Kinder missbraucht."   

"Die Neigung des Lehrers war im Kollegium bekannt"

Das hat Lars als Betroffener in seinem Fall ähnlich erlebt.   

Man muss ergänzen vielleicht, dass sich später rausgestellt hat durch noch lebende Lehrer, die mich damals unterrichtet haben, dass das sogar im Kollegium bekannt war. Die Neigung des Lehrers war im Kollegium über Jahre bekannt und man hat ihm dann geraten, doch nur noch in der Oberstufe zu unterrichten.

Alle Schulformen betroffen

Viele Opfer hätten die Erfahrung gemacht, dass die Täter teilweise bis zu ihrer Pensionierung in der Schule im Dienst waren, sagt Kommissionsmitglied Brigitte Tilmann. Denn viele Schulen loben zwar ihre Präventionsprojekte, wollen sich aber nicht mit der Vergangenheit beschäftigen: "Man hat Angst davor zurückzublicken, man hat Angst, einen falschen Verdacht zu haben. Das sind diese typischen Bremsen. Das ist symptomatisch und passiert an ganz vielen Schulen so. Und unsere Absicht ist es, das zu überwinden."

Sexuelle Übergriffe gab es, Tilmann zufolge, an allen Schultypen: Grundschulen, Gymnasien, Realschulen und Schulen für Gehörlose, wie die neue Auswertung zeige. Der Missbrauch habe in Direktoren-Büros, in der Bibliothek, im Krankenzimmer, aber auch während des Unterrichts oder bei Lehrern zu Hause stattgefunden. "Es wäre eigentlich auch für Präventionskonzepte wichtig zu wissen, was ist damals geschehen, wenn Verdachtsmomente für sexuellen Missbrauch an Schulen bestehen", so Tilmann.

Politik will Kulturwandel

Bundesfamilienministerin Anne Spiegel unterstützt die Arbeit der Kommission und kündigt eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne an: "Wir wollen klar machen, dass jede und jeder etwas tun kann, um betroffenen Kindern und Jugendlichen zu helfen. Beenden wir das Tabu. Fördern wir eine Kultur des Hinschauens und Handelns, statt des Wegsehens und Schweigens."

Es gebe schon hervorragende Präventionskonzepte und Papiere, sagt dagegen Kommissionsmitglied Tilmann. Aber die Umsetzung sei blamabel. Denn dem Deutschen Jugendinstitut zufolge, mit Stand 2018, hätten nur 13 Prozent der Schulen bislang ein umfassendes Schutzkonzept umgesetzt. Da wünsche sie sich mehr, sagt Tilmann.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 23. März 2022 um 17:36 Uhr.