Die Silhouette eines Kindes | dpa

Kriminalstatistik des BKA 17.700 Kinder Opfer sexualisierter Gewalt

Stand: 30.05.2022 11:55 Uhr

In Deutschland sind vergangenes Jahr durchschnittlich 49 Minderjährige Opfer sexualisierter Gewalt geworden - pro Tag. Zudem erfasste die Polizei deutlich mehr Darstellungen von Kindesmissbrauch.

Im vergangenen Jahr sind mehr als 17.700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Das seien im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch. Gemeinsam mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, präsentierte er eine Sonderauswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik mit Detailangaben zur Gewalt an Kindern.

Demnach wurden 17.704 unter 14-Jährige im vergangenen Jahr Opfer von sexualisierter Gewalt (2020: 16.921). 2281 von ihnen waren jünger als sechs Jahre. Mehr als verdoppelt haben sich im vergangenen Jahr entdeckte Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung sogenannter kinderpornografischer Schriften. 39.171 derartige Fälle seien bei der Polizei angezeigt worden. Das entspricht einem Anstieg um 108,8 Prozent (2020: 18.761). Die Zahl der Fälle von Verbreitung oder Besitz jugendpornografischer Schriften stieg auf 5105 (2020: 3107).

Deutlich mehr minderjährige Tatverdächtige

Der Polizeistatistik zufolge hat sich auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Missbrauchsdarstellungen insbesondere in Sozialen Medien weiterverbreiteten, besaßen oder herstellten, in Deutschland seit 2018 mehr als verzehnfacht. Waren es damals 1373 minderjährige Tatverdächtige, stieg deren Zahl im vergangenen Jahr auf 14.528. 

Den meisten Minderjährigen sei nicht bewusst, dass der Besitz oder das Weiterleiten strafbar sei, sagte Claus. Auch fehle es an dem Bewusstsein, dass hier schwere und schwerste Gewalttaten an anderen Kindern und Jugendlichen verübt würden. Gefordert seien vor allem die Eltern und Schulen, um pädagogische Antworten darauf zu finden.

"Europa ist zum Drehkreuz geworden"

Seit einigen Jahren gelingt es der Polizei mit Hilfe des US-amerikanischen National Center of Missing and Exploited Children (NCMEC) mehr Licht in das vermutlich große Dunkelfeld von Kindesmissbrauch zu bringen. Das NCMEC übermittelt bei entdeckten Delikten mit Tatort in Deutschland Daten an das BKA. Nach Angaben des BKA-Präsidenten Münch gehen bei den Behörden zudem mehr Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch ein. "Wir begrüßen das sehr: Schwerste Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche als schwächste Mitglieder der Gesellschaft sind besonders zu ächten, zu verfolgen und zu beenden."

Claus sagte, die Zahl der Fälle sei erschreckend, aber durchaus zu erwarten gewesen. Sie beklagte, Europa sei zum Drehkreuz bei der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen geworden. So werden nach BKA-Angaben rund 60 Prozent der weltweit im Internet verbreiteten Missbrauchsdarstellungen von Kindern und Jugendlichen auf europäischen Servern gelagert. "Wir brauchen eine verstärkte europäische Zusammenarbeit und deutlich mehr Investitionen in die personelle und technologische Ausstattung der Ermittlungsbehörden. Jeder Ermittlungserfolg ist wichtig, denn er bietet die Chance, akuten Kindesmissbrauch zu stoppen und weitere Taten zu verhindern."

Zudem sagte Claus, dass durch das unbekannte Ausmaß des Dunkelfelds nicht gesagt werden könne, ob die Zahl der Fälle tatsächlich steige oder der Anstieg der Fallzahl in erfolgreicheren Ermittlungen gründe. Sie erneuerte ihre Forderung nach mehr Erforschung des Dunkelfelds. Die derzeitigen Zahlen bildeten das tatsächliche Ausmaß von sexualisierter Gewalt nicht ab, sagte die unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs.

Kinderhilfe nennt Anstieg "alarmierend"

Die Deutsche Kinderhilfe forderte Maßnahmen zum besseren Schutz der Kinder. Der Anstieg der Kriminalitätszahlen im Bereich der sexualisierten Gewalt gegen Kinder sei "alarmierend". Ein Manko seien nach wie vor die rechtlichen Hürden bei der Verfolgung der Täter. Da die Speicherung von IP-Adressen durch Telekommunikationsanbieter nicht zulässig sei, könnten die Ermittler deren Identität oft nicht ermitteln.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte bereits gestern "dringenden Handlungsbedarf" im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern im Internet angemahnt. "Wir müssen die Kinder dringend schützen", sagte die SPD-Politikerin im Bericht aus Berlin. Es handele sich um "eine der schlimmsten Formen der Kriminalität".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Mai 2022 um 12:00 Uhr.