Eine ältere Dame am Steuer | Bildquelle: dpa

Fahrtüchtigkeit Sind Senioren am Steuer ein Risiko?

Stand: 23.06.2019 02:04 Uhr

Prinz Philip hat den Führerschein abgegeben, Jean-Claude Juncker macht ihn nochmal. Auch in Deutschland wird immer wieder diskutiert, ob Senioren am Steuer ein Sicherheitsrisiko sind. Stimmt das?

Von Lea Struckmeier für tagesschau.de

Wer älter als 65 Jahre ist und einen Unfall verursacht, muss sich fast darauf einstellen, dass seine Fahrtüchtigkeit infrage gestellt wird. Immer wieder werden dann Fahrtüchtigkeitsprüfungen oder ein Höchstalter für Autofahrer gefordert.

Doch der Führerschein bedeutet für ältere Menschen, gerade in ländlichen Regionen, Mobilität und Selbständigkeit bis ins hohe Alter. Das eigene Auto ist häufig die einzige Möglichkeit, um sich noch selbst mit Lebensmitteln zu versorgen oder Verwandte zu besuchen. Trotz öffentlicher Verkehrsmittel würde der Führerscheinverlust für viele ältere Menschen eine große Einschränkung bedeuten.

Der Führerschein ist unbegrenzt gültig, eine Überprüfung der Fahrtüchtigkeit von Senioren ist in Deutschland gesetzlich nicht vorgeschrieben. Sind Senioren im Straßenverkehr ein Risiko?

Geringeres Unfallrisiko, häufig Verursacher

Menschen der Generation 65 plus sind heute mobiler als früher und nutzen häufig bis ins hohe Alter Auto und Fahrrad. Ihre Rolle im Straßenverkehr wird durch die demografische Entwicklung immer größer. In Deutschland sind derzeit mehr als 40 Millionen Führerscheine ausgestellt, 20 Prozent davon an Menschen über 65 Jahren.

Neueste Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass 74.869 ältere Menschen im Jahr 2017 an Unfällen mit Personenschaden beteiligt waren, das sind 13 Prozent aller Unfallbeteiligten. Damit haben Senioren im Vergleich zu anderen Altersgruppen eine geringe Unfallbeteiligung. Das höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr haben Fahranfänger. In keiner anderen Altersgruppe verunglücken Menschen so häufig in Pkw.

Pkw-Fahrer über 75 Jahren sind jedoch in 74 Prozent Hauptverursacher der Unfälle, an denen sie beteiligt waren. Senioren fahren jedoch nicht mehr täglich mit dem Auto zur Arbeit und sind deshalb verglichen mit jüngeren Menschen weniger Kilometer unterwegs.

Im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung ist das Unfallrisiko im Straßenverkehr von Menschen über 65 nur etwa halb so hoch. Doch ältere Menschen werden dabei häufiger schwer oder tödlich verletzt. Statistisch gesehen sind ältere Menschen damit kein größeres Risiko im Straßenverkehr als andere Altersgruppen, verursachen jedoch häufiger Unfälle.

Höhere Schäden, höhere Versicherungsbeiträge

Trotzdem sehen deutsche Versicherungen bei älteren Autofahrern ein größeres Unfallrisiko. Dementsprechend zahlen Senioren höhere Beiträge für Kfz-Versicherungen. Laut einer Beispielrechnung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zahlt ein 45-jähriger Autofahrer, der 15 Jahre schadensfrei ist, 252 Euro für die Kfz-Versicherung. Ein 75-jähriger Autofahrer, der ebenfalls 15 Jahre schadensfrei ist, zahlt dagegen 456 Euro.

Grundlage der Berechnung ist eine eigene Risikostatistik des GDV. Laut dieser verursachen ältere Fahrer mehr Schäden durch Autounfälle als Fahrer mittleren Alters. So heißt es von der Versicherung AXA, dass der Schadenbedarf von Fahrern ab 68 Jahren kontinuierlich zunehme. Bei der Kfz-Versicherung der Gothaer "lässt sich eine Abhängigkeit zwischen Fahreralter und Fahrerqualität erkennen. [...] Tendenziell führt also das Fahreralter allein betrachtet ab 55 Jahren schrittweise zu einer Beitragserhöhung."

Allerdings hätten ältere Fahrer häufig auch mehr schadensfreie Jahre, wodurch die Versicherungsbeiträge wieder reduziert würden.

Vorsicht bei Sehschwäche und Erkrankungen

Gerd Bandomer bietet in seiner Praxis verkehrsmedizinische Untersuchungen an und sieht häufig, dass Senioren länger hinter dem Steuer sitzen, als sie sollten. Seiner Einschätzung nach fahren ältere Menschen häufig nur noch kurze Strecken und immer wieder die gleichen Wege. Wenn man beginne, Umwege zu fahren oder Fahrten bei Nacht zu meiden, dann seien dies erste Anzeichen, dass die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt sei. Das hänge häufig mit dem im Alter abnehmenden Sehvermögen zusammen. Für das Sehvermögen bei Dämmerung und Nacht sei das Kontrastsehen verantwortlich, so Bandomer. Doch gerade das untersuchten Ärzte häufig nicht.

Auch Aufmerksamkeits-, Konzentrationsleistung und die Reaktionsfähigkeit lassen im Alter nach. Doch nur wenige Menschen seinen bereit, diese freiwillig testen zu lassen. Wer beispielsweise eine gemessene Reaktionszeit von über einer Sekunde habe, müsse zwar nicht gleich das Auto stehen lassen, sollte jedoch einen größeren Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen einhalten. Bandomer warnt: Nicht das Alter allein entscheide über die Fahreignung. Auch Erkrankungen oder Medikamente könnten die Fahrleistung beeinflussen. Wer beispielsweise den Schulterblick nicht mehr durchführen könne, sei eingeschränkt fahrtüchtig, sagt der Arzt. Trotzdem sei das Ziel, dass Menschen so lange wie möglich selbst Autofahren können.

Häufig sind es auch Angehörige die merken, dass sich das Fahrverhalten ihrer Eltern verändert hat. Die Deutsche Seniorenliga e.V. bietet eine Liste mit Warnsignalen, an denen erkannt werden kann, dass die Fahrtüchtigkeit möglicherweise eingeschränkt ist. Zu diesen gehören Unsicherheit, selbst auf vertrauten Strecken, zu langsames Fahren und zu dichtes Auffahren. Aufmerksamkeit sei auch geboten, wenn Angehörige lange brauchen, um Schilder und Ampeln zu erfassen, motorische Probleme beim Abbiegen, Wenden und Parken haben und vermehrt Kratzer in das Auto fahren.

Regelungen in anderen Ländern

Eine altersbedingte Überprüfung der Fahrtüchtigkeit gibt es in Deutschland nur auf freiwilliger Basis. In anderen Ländern ist das anders.

In Dänemark müssen Autofahrer über 70 ihren Führerschein erneuern lassen. Ab 80 werden Führerscheine nur noch mit einer einjährigen Gültigkeit ausgestellt. Dafür ist auch eine ärztliche Untersuchung der Fahrtüchtigkeit nötig. Ähnlich läuft es in Großbritannien: Dort müssen alle Autofahrer über 70 alle drei Jahre ihren Führerschein verlängern lassen. Auch hier ist ein ärztliches Attest notwendig. In Finnland, Irland, Italien, den Niederlanden und Portugal gibt es ähnliche gesetzliche Regelungen.

Jean-Claude Juncker muss nach eigenen Angaben seinen luxemburgischen Führerschein erneut machen. Weil er seit 2009 nicht mehr selbst hinter dem Steuer gesessen habe, sei sein Führerschein abgelaufen. Wer in Luxemburg seinen Führerschein nach mehr als sechs Jahren erneuern lassen möchte, muss eine erneute Führerscheinprüfung ablegen.

Dass in Deutschland ähnliche Gesetze verabschiedet werden, ist nicht absehbar. Die Politik plant zurzeit keine gesetzlichen Änderungen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sperrt sich: "Unsere Statistiken zeigen: Ältere Menschen bauen deutlich weniger schwere Unfälle als andere Autofahrer. Ob jemand sicher Auto fährt, hängt nicht vom Geburtsdatum ab." Auch der ADAC hält verpflichtende Tests für nicht verhältnismäßig, denn es bestehe die Gefahr, dass geeignete Fahrer irrtümlich als ungeeignet eingestuft würden. "Hinzu kommt, dass ein positives Testergebnis einen älteren Fahrzeugführer dazu verleiten kann, seine eigenen Fähigkeiten weit über den Testzeitpunkt hinaus zu überschätzen."

Am Ende entscheidet jeder selbst

Wer möchte, kann seine körperliche Fahrtauglichkeit bei Ärzten überprüfen lassen - kostenpflichtig. Auch einige Versicherungen und Fahrschulen bieten diese Möglichkeit. Kurze bekannte Strecken nutzen, frühzeitig losfahren, unbekannte Strecken vorab planen und häufiger Pausen einlegen sind einige der Empfehlungen der Deutschen Seniorenliga.

Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sind älter als 65 Jahre. Einen möglichen Führerscheinentzug durch gesetzliche Fahrtüchtigkeitsprüfungen würde diese große Wählergruppe wohl ablehnen. Vor allem, so lange es in vielen Teilen des Landes an alternativen Verkehrsmitteln mangelt.

Über dieses Thema berichtete HR Fernsehen am 21. Juni 2019 um 18:45 Uhr in dem Magazin "Die Ratgeber".

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