Mehrere Menschen verabschieden die auslaufende "Sea Watch 4" im Hafen von Burriana. | Bildquelle: AFP

Seenotrettung im Mittelmeer "Sea-Watch 4" auf einsamer Mission

Stand: 16.08.2020 11:29 Uhr

Die "Sea-Watch 4" ist von Spanien aus in die internationalen Gewässer vor Libyen aufgebrochen. Das überwiegend von der evangelischen Kirche finanzierte Flüchtlingsrettungsschiff ist derzeit das einzige im Mittelmeer.

Von Franka Welz, ARD-Studio Madrid

Bis kurz vor dem Auslaufen geht es auf der "Sea-Watch 4" geschäftig zu. Der 60 Meter lange und über 1000 Tonnen schwere Koloss hatte monatelang in der Werft von Burriana in Südspanien festgelegen für letzte Umbau- und Deckarbeiten an dem einstigen Forschungsschiff. Zuletzt hieß es aufräumen, Ladung festzurren, die Treibstoff- und Wasservorräte auffüllen und immer wieder Sicherheits- und andere Übungen durchführen.

"Ich komme gerade von einem Schnellboottraining zurück, wo wir das klassische Leute-aus-dem-Wasser-Ziehen und auch Leute aus Booten bergen geübt haben", erzählt Chris Grodotzki, der Medienkoordinator der Organisation Sea-Watch. "Ich habe zwei Stunden lang Leute aus dem Wasser gezogen, das war ganz schön anstrengend."

Einige Crew-Mitglieder der "Sea Watch 4" warten darauf, dass ihr Schiff ausläuft. | Bildquelle: AFP
galerie

Die Crewmitglieder der "Sea Watch 4" mussten wegen der Corona-Pandemie länger auf den Start der Rettungsmission warten als gedacht. Ursprünglich sollte das Schiff bereits im April auslaufen.

"Nächstenliebe, ganz praktisch in die Tat umgesetzt"

Neben Mitgliedern von Sea Watch sind auch Vertreter von Ärzte ohne Grenzen an Bord. Sie übernehmen die medizinische Versorgung der Geretteten im Einsatzgebiet in den internationalen Gewässern vor Libyen. Es ist eine besondere Mission, denn zum ersten Mal wird zivile Seenotrettung von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis getragen. Mehr als 550 Partner unterstützen "United4Rescue" zurzeit, darunter eben auch die evangelische Kirche.

Gerade ihr Engagement setze ein wichtiges Zeichen, meint Grodotzki: "Weil eben mit diesem Schiff die Nächstenliebe, die sonst gerne von der Kanzel herunter gepredigt wird, ganz praktisch in die Tat umgesetzt wird." Aber es sei auch eine politische Ansage, die deutlich mache, dass die Politik nicht alles mit Menschen machen könne, was sie wolle - dass auch da das Gebot der Nächstenliebe gelte.

Breite Unterstützung in Deutschland

Für den Migrationsforscher und Architekten des Flüchtlingspaktes mit der Türkei, Gerald Knaus, bedeutet ein Projekt mit so vielen unterschiedlichen Akteuren, dass es in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas immer noch eine breite Unterstützung gibt. Zivilgesellschaft, Bevölkerung, Bürgermeister aller Parteien und Kirchen hätten sich angesichts der Toten im Mittelmeer und der unwürdigen Diskussion über Seenotrettung zusammengetan und beschlossen, aktiv zu werden. Und das sei ein Zeichen, "dass es in Deutschland vielleicht sogar möglich wäre, alleine zu handeln oder mit einer kleinen Gruppe von anderen Staaten und trotzdem als Politiker die Unterstützung in der Gesellschaft zu behalten".

Bisher sträubt sich allerdings der für Migrations- und Flüchtlingsfragen zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer gegen solche Alleingänge. Seine Begründung: Er wolle keine, wie es im Politikerdeutsch so gerne heißt, falschen Anreize setzen und Menschenmassen zur Flucht nach Europa animieren.

Für Migrationsforscher Knaus ist das ein Scheinargument, das zudem nicht von den absoluten Zahlen gestützt werde. Bis Ende Juli seien etwa gerade einmal gut 40.000 Menschen aus dem Nahen Osten und aus dem gesamten afrikanischen Kontinent nach Spanien, Malta, Italien, Zypern und Griechenland gekommen. Als Gesamtzahl für die transkontinentale irreguläre Migration sei das sehr wenig, sagt Knaus. Darin zeige sich auch das Versagen der Europäischen Union, weil "trotz der Tatsache, dass so wenig Menschen kommen, das Fehlen einer glaubwürdigen Politik jetzt sichtbarer wird als je zuvor". Bei den aktuellen Zahlen könne niemand von Überforderung reden.

Mehr Handlungsdruck auf die Politik

Dabei könnte etwa ein gemeinsamer Vorstoß von Deutschland und Spanien große Wirkung zeigen, meint Knaus. Deutschland habe die größte Asylbehörde der Welt und in den letzten Jahren in der Krise viel gelernt, erklärt der Migrationsforscher. Wenn es sich also mit Spanien und vielleicht noch ein paar andere Ländern zusammentäte, könnten alle davon profitieren. Ziel müsse es sein, schnelle Entscheidungen zu treffen, die menschenrechtskonform seien und im Einklang mit der Flüchtlingskonvention. Aslyverfahren dürften nicht mehr Jahre dauern, wie das zum Beispiel in Spanien bisher der Fall gewesen sei.

Denkbar sei etwa ein Pilotprojekt auf den Kanarischen Inseln oder in Ceuta und Melilla oder in Südspanien. Und es hätte noch einen weiteren Nutzen, sagt Knaus:"Wenn Deutschland und Spanien dann gemeinsam Marokko oder Gambia oder Senegal Angebote machen, dass diese Länder ihren Bürgern etwas versprechen können, dann hätten wir den Einstieg in eine andere Europa-Afrika-Politik."

Für Knaus liegt neben der Rettung von Menschen der größte Wert dieser jüngsten Sea-Watch-Mission darin, dass die politischen Akteure sich zu der Situation verhalten müssen. Und auch die Kirche lässt die Politik in der Flüchtlingsfrage nicht so schnell vom Haken. Der Präsident der Evangelischen Kirche Hessen Nassau, Volker Jung, schickte einen klaren Appell an die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker in Europa: "Sorgen Sie für sichere Fluchtmöglichkeiten und Wege, damit Seenotrettung erst gar nicht nötig ist."

Sea-Watch 4: Seenotrettung mit kirchlichem Segen
Franka Welz, ARD Berlin
16.08.2020 09:30 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 16. August 2020 um 12:09 Uhr.

Korrespondentin

Franka Welz HR  | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo HR

Franka Welz, HR

Darstellung: