Bundesinnenminister Horst Seehofer | REUTERS

Seehofer zur EM "Position der UEFA ist verantwortungslos"

Stand: 01.07.2021 12:36 Uhr

Innenminister Seehofer hat an die UEFA appelliert, die Zuschauerzahlen bei den noch ausstehenden EM-Spielen zu reduzieren. Kommerz dürfe den Gesundheitsschutz nicht überstrahlen. Reiserückkehrer müssten mit Quarantänekontrollen rechnen.

Deutschland ist raus bei der Fußball-Europameisterschaft - aber die Debatte über die Zuschauerzahlen in einigen EM-Stadien nimmt an Schärfe nicht ab. Bundesinnenminister Horst Seehofer kritisierte das Vorgehen der Europäischen Fußball-Union (UEFA) mit deutlichen Worten: "Ich halte diese Position der UEFA für absolut verantwortungslos", sagte der CSU-Politiker bei der Bundespressekonferenz in Berlin.

"Wir alle wissen, dass die Kontaktvermeidung und bestimmte Hygienevorschriften unabdingbar sind, um die Infektionen eines Tages zu überwinden." Wenn man aber die Bilder sehe von Menschen, "die sehr dicht aufeinander sind" und sich umarmten, sei vorgezeichnet, dass dies das Infektionsgeschehen befördere.

60.000 Zuschauer bei EM-Halbfinals und Finale geplant

Seehofer spielte an auf die 0:2-Niederlage der deutschen Nationalelf im EM-Achtelfinale gegen England am Dienstag. 41.973 Zuschauer waren im Londoner Wembley-Stadion zugelassen. Für die Halbfinals und das Endspiel sollen sogar 60.000 Zuschauer dabei sein dürfen. Das Stadion fasst 90.000 Zuschauer. Weil die Corona-Zahlen durch die Delta-Variante zuletzt in Großbritannien wieder stiegen, ist der Schritt umstritten.

Er könne "nur an die UEFA appellieren, es nicht auf die örtlichen Gesundheitsbehörden abzuschieben", sagte Seehofer. "Ein Sportverband sollte schon klar erklären: Wir wollen das nicht, wir reduzieren die Zuschauerzahl." Der Kommerz dürfe "nicht den Infektionsschutz für die Bevölkerung überstrahlen".

UEFA sieht Zuständigkeit bei Behörden

Die UEFA sieht nach wie vor keinen Handlungsbedarf - und verweist in ihrem Kurs auf eben jene Behörden. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie seien an jedem Spielort vollständig mit den Regularien der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden abgestimmt, teilte sie auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Die finale Entscheidung über die Anzahl der zugelassenen Zuschauer bei den Spielen und die Einreisebestimmungen liege im Verantwortungsbereich der lokalen Behörden - die UEFA folge diesen.

Allerdings räumt die Fußball-Union ein, dass die Infektionszahlen nach Großveranstaltungen wie in Wembley steigen könnten: "Es ist nicht völlig auszuschließen, dass Veranstaltungen und Versammlungen letztlich zu einer lokalen Erhöhung der Fallzahlen führen könnten", sagte der medizinische Berater des Verbands, Daniel Koch. "Aber dies würde nicht nur für Fußballspiele gelten, sondern auch für alle Situationen, die nun im Rahmen der von den zuständigen örtlichen Behörden beschlossenen Lockerungsmaßnahmen erlaubt sind." Die europaweiten Impfkampagnen und Grenzkontrollen würden "dazu beitragen, dass in Europa keine neue große Welle startet und die jeweiligen Gesundheitssysteme unter Druck setzt, wie dies bei den vorherigen Infektionswellen der Fall war".

Wer einreise, müsse mit Kontrollen rechnen

Seehofer äußerte sich auch zu den Maßnahmen, wie die Pandemie trotz der Reisezeit in den kommenden Wochen weiter eingedämmt werden könne. Die Kontrollen an Flughäfen durch die Bundespolizei und die Überwachung von Quarantäne-Verpflichtungen durch die Gesundheitsämter sollen nach seinen Worten verstärkt werden.

Auch wer mit dem Auto einreist, sollte sich auf Stichproben-Kontrollen im Grenzraum einstellen. "Wer einreist, muss damit rechnen, kontrolliert zu werden." Bei den Stichprobenkontrollen von Autofahrern in der Nähe der Grenze gehe es beispielsweise um Reisende, die mit dem Auto aus der Türkei oder aus Großbritannien kommen. Reisende, die sich in den zurückliegenden zehn Tagen in einem Risikogebiet, Hochinzidenzgebiet oder Virusvariantengebiet aufgehalten haben, müssen vor ihrer Ankunft in Deutschland eine elektronische Einreiseanmeldung ausfüllen.

Er werde sich von einzelnen Ministerpräsidenten aber nicht zu stationären Grenzkontrollen drängen lassen, sagte Seehofer. Lange Staus an den Grenzübergängen gelte es zu vermeiden.

Gesundheitsminister Jens Spahn wies darauf hin, dass die Gesundheitsämter nun aufgrund gesunkener Infektionszahlen mehr Kapazitäten hätten, um die Einhaltung der Quarantäne von Reiserückkehrern engmaschiger zu kontrollieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juli 2021 um 12:00 Uhr.