Bundesinnenminister Horst Seehofer | Bildquelle: dpa

Seehofer wird 70 "Ich bin süchtig nach Politik"

Stand: 04.07.2019 09:14 Uhr

Er eckt an, provoziert und ändert gerne mal seine Meinung. Seiner Karriere hat das keinen Abbruch getan: Wenige Menschen hatten so viele politische Ämter inne wie Horst Seehofer. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

Von Janina Lückoff, ARD-Hauptstadtstudio

Nicht immer, wenn Horst Seehofer spricht, ist klar, was er meint: "Wenn ´s kühler wird, wird ´s drinnen wärmer" ist beispielsweise so ein Satz. Nicht immer trifft er den richtigen Ton, etwa, als er die Abschiebung von 69 Afghanen mit seinem 69. Geburtstag verknüpft. Und nicht immer kann man seine Äußerungen nachvollziehen, wie jene, dass Gesetze kompliziert sein müssten. Immer wieder sorgt Seehofer für Spott und Häme, wie nach seiner Äußerung, er sei schon seit den 1980er-Jahren im Internet unterwegs - das es da aber noch gar nicht gab.

Fast zwei Drittel eines Lebens in der Politik

Seehofer ist seit 48 Jahren in der Politik. Man kann ihn - ungeachtet solcher Äußerungen - durchaus als "alten Hasen" bezeichnen. Er war Bundesgesundheitsminister, Bundeslandwirtschaftsminister, Ministerpräsident, Parteichef. Nicht umsonst sagte er mal über sich selbst: "Ich bin immer wieder zu dem Ergebnis gekommen: Politik ist eine Sucht. Und ich bin süchtig."

Die Sucht beginnt, als Seehofer 20 Jahre alt ist: 1969 tritt er der Jungen Union bei, zwei Jahre später der CSU. Er kommt aus einem katholisch-geprägten Elternhaus. Der Vater Bauarbeiter, die Mutter Hausfrau; drei Geschwister. Fürs Gymnasium fehlt das Geld, sein Taschengeld verdient er sich mit dem Austragen von Zeitungen.

Nach der Knabenrealschule macht Seehofer seine Ausbildung am Landratsamt Eichstätt, seine Freizeit verbringt er auf dem Handballplatz. Eine "Schule fürs Leben" sei das gewesen, erzählt er später: "Eigentlich in dieser Zeit in einer Handballmannschaft habe ich zum ersten Mal erlebt, was eine Gemeinschaft bewirken kann, wenn sie zusammenhält, zusammensteht. Das waren mit die schönsten Jahre meines Lebens."

Minister, Minister, Ministerpräsident

Mit 31, mittlerweile ist er gelernter Verwaltungsbetriebswirt, zieht Seehofer in den Bundestag ein. 28 Jahre lang wird er bleiben, stets als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Ingolstadt, seiner Heimatstadt.

In dieser Zeit ist er sechs Jahre lang stellvertretender Fraktionsvorsitzender, sechs Jahre lang Bundesgesundheitsminister unter Kanzler Helmut Kohl und drei Jahre lang Bundeslandwirtschaftsminister unter Kanzlerin Angela Merkel. Er zwang das Gesundheitswesen zum Sparkurs, hatte mit Skandalen um HIV-verseuchte Blutkonserven und Gammelfleisch zu kämpfen.

Horst Seehofer als Gesundheitsminister | Bildquelle: imago images / bonn-sequenz
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Von 1992 bis 1998 war Seehofer Gesundheitsminister. Auf diesem offiziellen Foto mit Weinglas auf der Krawatte.

Zwischen den beiden Ministerämtern erleidet Seehofer 2002 eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung, danach ist er nicht mehr derselbe: "Aufgrund meiner Krankheit verbiege ich mich nicht mehr. Ich werde mich, solange ich Politik betreibe, wenn ich von etwas nicht überzeugt bin, nicht mehr verpflichten lassen zu etwas."

Von Berlin nach München und zurück

Als die CSU 2008 gerade erstmals seit 40 Jahren die absolute Mehrheit bei der Landtagswahl verliert, kehrt Seehofer Berlin den Rücken, wird CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident von Bayern. Er sei "etwas angespannt" gibt er zum Amtsantritt zu: "Das ist eine gigantische Aufgabe: Parteivorsitz und Ministerpräsident. Die Partei nach ihrem Wahlergebnis wieder zusammenzuführen, zu motivieren - das kann einer allein gar nicht schaffen."

Horst Seehofer mit Frau Karin, Tochter Susanne und Sohn Andreas | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Vor der Wahl zum Ministerpräsidenten 2008 sitzt Seehofer mit Ehefrau Karin, Tochter Susanne und Sohn Andreas auf der Tribüne im bayerischen Landtag.

Zehn Jahre lang wird er beide Ämter innehaben, zunächst eine schwarz-gelbe Koalition führen, dann holt er in Bayern die absolute Mehrheit für die CSU zurück. Dass er in all den Jahren immer wieder mal seine Positionen aufgibt, um die genau gegenteilige einzunehmen, bringt ihm den Spitznamen "Horst Drehhofer" ein, manche nennen ihn schlicht "Crazy Horst".

Für unberechenbar halten ihn viele - er selbst steht drüber: "Das schlimmste in der Politik ist, wenn ein Politiker erkennt, eine Entscheidung ist überholt. Und vor lauter Angst, dass eine Änderung der Entscheidung eine Diskussion auslöst, die alte Entscheidung beibehält. Ich nenne das die 'Kontinuität im Irrtum'."

Amtsübergabe an einen Ungeliebten

Als er im März 2018 das Amt des Ministerpräsidenten niederlegt, ist er der dienstälteste in Deutschland. Sein Nachfolger, auch als CSU-Chef, wird einer, den Seehofer nie wollte: Markus Söder. Nach Jahren der Scharmützel und gegenseitigen Anfeindungen haben die beiden ihren Streit beigelegt. "Horst Seehofer hat Bayern entscheidend vorangebracht und kann auf ein eindrucksvolles Lebenswerk zurückblicken", würdigt Söder nun seinen Nachfolger zum Geburtstag. In den fast zehn Jahren als Ministerpräsident sei spürbar gewesen, wie sehr ihm der Freistaat am Herzen liege. Und nicht nur der Freistaat, sondern auch die Partei.

Horst Seehofer geht, Markus Söder kommt. | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX
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Der alte und der neue Ministerpräsident in Bayern: Horst Seehofer und Markus Söder.

Wirbel in Union und GroKo

Doch nicht immer sind seine Bemühungen, die CSU mit ihren Forderungen nach vorne zu bringen, erfolgreich. Der Ruf nach einer Obergrenze bei der Aufnahme von Geflüchteten und nach einer Zurückweisung an der Grenze sorgt für Streit in der Großen Koalition und stellt die Union auf die Zerreißprobe.

Horst Seehofer | Bildquelle: dpa
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Am 12. März 2018 - der Vertrag für die Große Koalition war unterschrieben.

Bei der Landtagswahl 2018 verliert die CSU die absolute Mehrheit, Söder muss eine Koalition mit den Freien Wählern eingehen. Seehofer selbst ist da schon zurück in Berlin, als Minister des neu geschaffenen Super-Ressorts für Inneres, Bau und Heimat.

Rückzug in das Altmühltal

Wenn es Seehofer in den 48 Jahren seines politischen Lebens mal zu viel wurde, dann hat er sich gern in sein Ferienhaus im Altmühltal zurückgezogen - und war dann für niemanden erreichbar. Genau das wolle er auch an seinem 70. Geburtstag tun, sagte Seehofer vor Journalisten: Verschwinden, und dann nach ein, zwei Tagen wieder auftauchen - so wie früher.

Horst Seehofer wird 70 - ein Portrait
Janina Lückoff, ARD Berlin
04.07.2019 07:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 04. Juli 2019 um 06:51 Uhr.

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