Bundesumweltministerin Svenja Schulze | dpa

Schulze zu Weltklimagipfel Keine "spontane Weltrettung" in Sicht

Stand: 30.10.2021 11:20 Uhr

Umweltministerin Schulze hat vor überhöhten Erwartungen an den Weltklimagipfel gewarnt. Es sei ein Fehler, "die spontane Weltrettung zu erwarten". EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen fordert ehrgeizigere Ziele.

Vor der anstehenden Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze vor zu hohen Erwartungen an den Gipfel gewarnt. "Es wäre ein Fehler, von Weltklimakonferenzen die spontane Weltrettung zu erwarten - dafür ist die Herausforderung zu komplex", sagte Schulze dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

"Klimakonferenzen funktionieren nicht nach dem Prinzip 'Alles oder Nichts'. Das ist ein Langstreckenlauf, bei dem jede Etappe ihre Bedeutung hat. Glasgow wird nicht Paris 2.0", so die SPD-Politikerin weiter.

Schulze warnt vor "Endzeitdebatten"

Zugleich warnte Schulze die Klimabewegung vor Weltuntergangsszenarien und zu sehr verallgemeinerter Kritik an der Klimaschutz-Politik. "Diese Endzeitdebatte, wonach die Welt unterginge, wenn wir uns jetzt nicht alle sofort in unser stilles Kämmerlein begeben, uns nicht mehr bewegen und nichts mehr essen - ich übertreibe hier mal absichtlich - führt nicht zum Ziel", sagte Schulze. "Natürlich ist es besser für Umwelt, Klima und übrigens auch Gesundheit, wenn wir in Deutschland zum Beispiel weniger Fleisch essen. Aber man sollte nicht glauben, dass damit die Klimakrise gelöst wäre."

Dennoch lobte die Umweltministerin das Engagement der Klimabewegung. "Fortschritte sind möglich und finden statt." Der Klimaschutz genieße mittlerweile weltweit höchste Priorität, auch in den deutschen Koalitionsverhandlungen. Das sei "ein Riesenschritt nach vorn und hat im Übrigen auch etwas mit dem Engagement der Klimabewegung zu tun."

Von der Leyen fordert von Staaten ehrgeizigere Ziele

Dagegen warnte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Staaten vor unzureichenden Beschlüssen zur Senkung des Treibhausgasausstoßes auf der Klimakonferenz. "Wenn wir uns nicht mehr anstrengen, werden die Folgen dramatisch sein", sagte sie der "Augsburger Allgemeinen". "Die Lage ist sehr ernst", so von der Leyen. Die Wissenschaft weise bereits heute darauf hin, dass die Weltgemeinschaft nicht ehrgeizig genug sei.

Die EU-Kommissionschefin warnte vor einem Misserfolg bei der UN-Klimakonferenz COP26: "Wir wissen, dass wir nur eine Chance haben, deshalb ist es bei der COP26 so wichtig, dass die Verhandlungen erfolgreich verlaufen." Sie erwarte, dass die Länder ihre Ziele ehrgeiziger formulierten und plausibel erklärten, wie sie diese erreichen wollen. "Wir haben nur noch diese Dekade, um die Weichen richtig zu stellen und zu vermeiden, dass wir irreversible Kippunkte erreichen".

Von der Leyen forderte eine weltweite Übereinkunft über klare Regeln, wie Länder ihre nationalen Fortschritte beim Emissionsrückgang transparent und nachvollziehbar messen können. Zudem müssten die reichen Staaten solidarisch mit den Entwicklungsländern sein und die EU eine Vorreiterrolle einnehmen.

Mit Nachdruck warnte auch Entwicklungsminister Gerd Müller vor dramatischen Folgen des Klimawandels. "Wenn wir jetzt weltweit nicht entschieden handeln, steuert die Erde auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zu", sagte Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Die Folgen wären dramatisch, vor allem für die ärmsten und verwundbarsten Länder", meinte der CSU-Politiker. Dies wiederum würde zu "massiven Flüchtlingsströmen" führen.

Klimaforscher: "Steuern auf vier Grad Erderwärmung zu"

Noch weitaus verheerender schätzt der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer, die Lage ein. "Wir steuern nicht auf 2,7 Grad zu, sondern auf vier Grad, und damit auf eine nicht mehr zu beherrschende Erderwärmung, sagte Edenhofer der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Damit reagierte der Klimaforscher auf die 2,7-Grad-Prognose des UN-Klimasekretariats, die nur aufgehen werde, wenn alle Länder ihre freiwilligen Verpflichtungen einhielten. "Danach sieht es gerade aber überhaupt nicht aus", so Edehofer.

Trotzdem sei es noch nicht zu spät. Ein umfassender, globaler Kohleausstieg könne es ermöglichen, die 1,5 Grad-Grenze noch einzuhalten. "Ohne baldigen Kohleausstieg wird sich die 1,5-Grad-Tür für immer schließen."

Möglicher Klimapakt von EU, USA und China

Trotz der düsteren Analyse stehen Edenhofer zufolge die Chancen für eine Dreier-Initiative von EU, USA und China "gar nicht so schlecht". Die USA wollten bis 2050 CO2-neutral werden, und China wolle kein Geld mehr in Kohlekraftwerke im Ausland stecken, was die Emissionen substanziell senken könne. Zudem habe die EU mit dem "Green Deal" das bisher ambitionierteste Paket geschnürt. Wenn die drei Wirtschaftsmächte einen Klimaschutz-Bund gründeten, sich auf CO2-Mindestpreise einigten und Indien, Russland und Japan ins Boot holten, habe man schon zwei Drittel der globalen Emissionen unter einem Regime. "Dann wären wir einen riesigen Schritt weiter", sagte der PIK-Direktor.

Hofreiter fordert deutsche Vorbildrolle

Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter mahnte entschlossenes Handeln für mehr Klimaschutz an und sieht Deutschland dabei in der Pflicht. "Die Erwartungen an die Weltklimakonferenz sind enorm. Es geht jetzt darum, rasch ins Handeln zu kommen und geeignete Maßnahmen für mehr Klimaschutz auf den Weg zu bringen", sagte Hofreiter der "Heilbronner Stimme". Dabei müsse Deutschland eine Vorbildrolle einnehmen. "Auch sechs Jahre nach dem historischen Klimaschutzabkommen von Paris ist die Weltgemeinschaft weit vom 1,5-Grad-Pfad entfernt", kritisierte der Grünen-Politiker.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Oktober 2021 um 10:00 Uhr.

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Moderation 30.10.2021 • 15:40 Uhr

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