Begeisterung in der SPD für Martin Schulz | Bildquelle: AFP

Schulz ist SPD-Chef 605 von 605 Stimmen

Stand: 21.04.2018 10:57 Uhr

Die SPD hat einen neuen Chef: Martin Schulz. Der Neue startet mit riesigem Vertrauensvorschuss - mit 100 Prozent wählten die gut 600 Delegierten ihre neue Nummer 1. Schulz führt die SPD auch als Spitzenkandidat in den Wahlkampf. Sein Ziel: das Kanzleramt.

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl setzt die SPD ganz auf Martin Schulz. Mit 100 Prozent der gültigen Stimmen wählten die 605 Delegierten des Sonderparteitags den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten zur neuen Nummer 1. Es gab keine Gegenstimmen. Es ist das beste Ergebnis in der SPD-Nachkriegsgeschichte. "Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramts ist", sagte Schulz unter dem Jubel der Parteimitglieder.

Schulz ist der 14. Chef der deutschen Sozialdemokratie. Er löst Sigmar Gabriel ab, der nach siebeneinhalb Jahren an der Parteispitze den Weg für Schulz frei gemacht hat. Gabriel verabschiedete sich mit einer knapp einstündigen programmatischen Rede - und unter großem Applaus.

Schulz und Gabriel beim SPD-Parteitag | Bildquelle: AP
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Der Neue und der Alte: Schulz und Gabriel Seit an Seit.

Next Exit: Kanzleramt

Schulz führt die SPD auch als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf. Und, geht es nach den Sozialdemokraten, auch ins Kanzleramt. "Die SPD ist wieder da, wir sind wieder da", rief er gleich zu Beginn seiner gut einstündigen Rede den begeisterten Delegierten zu. Es wurde eine Bewerbungsrede wie aus dem Lehrbuch. Ein kurzer Rückblick auf seine Biografie, die so sehr einen typischen sozialdemokratischen Lebenslauf verkörpert. Von ganz unten nach oben - bis zum Amt des EU-Parlamentschef. Von Würselen über Brüssel nach Berlin. "Und jetzt stehe ich hier vor euch", sagte Schulz - ganz so, als sei auch er noch immer erstaunt über seinen Werdegang.

Ein bisschen Inhalt

Inhaltlich blieb Schulz erneut vage. Gerechter soll es zugehen in diesem Land, von "Respekt vor jedem einzelnen Menschen" war wieder die Rede, von "hart arbeitenden Menschen". Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen nannte Schulz unerträglich. Die SPD werde gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchsetzen. Bildung müsse gebührenfrei sein, Familien besser unterstützt werden. Kritik an seinen Plänen für längere Arbeitslosengeld-Zahlungen wies er zurück.

Kein Trump-Wahlkampf

Konkrete Aussagen zu seinem Regierungsprogramm versprach Schulz für den Parteitag Mitte Juni in Dortmund. Nur soviel verriet er: Es werde um Gerechtigkeit, Respekt und Würde gehen. Er versprach einen fairen Wahlkampf, eine Herabwürdigung des politischen Gegners werde es mit ihm nicht geben.

Klare Worte fand Schulz aber in Richtung AfD: "Die Rechtspopulisten sind keine Alternative für Deutschland - sie sind eine Schande für Deutschland", rief Schulz. Den "Feinden der Freiheit" und der Demokratie sagte er unter tosendem Applaus im Saal den Kampf an.

"Ich will der nächste Kanzler werden"

Schulz - ganz im Wahlkampfmodus - machte den Machtanspruch seiner Partei sehr deutlich: Er trete mit einem klaren Anspruch an: Wahlsiege im Saarland, in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, und: "Wir wollen, dass die SPD die stärkste politische Kraft nach der Bundestagswahl wird. Er wolle der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Dafür würde er gefeiert mit langanhaltendem Applaus und "Jetzt geht'slos-Rufen".

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Die Kanzlerkandidaten der SPD

Kurt Schumacher (SPD)

Bei der Wahl zum ersten Bundestag 1949 trat die SPD mit Kurt Schumacher an der Spitze an. Er hatte den Wiederaufbau der SPD nach 1945 maßgeblich mitgestaltet. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er viele Jahre als politischer Häftling in Konzentrationslagern eingesperrt. Mit Schumacher erreichte die Partei 29,2 Prozent und landete knapp hinter der Union auf Platz zwei, die 31 Prozent erzielte. Das Bild zeigt Schumacher Ende 1946 in einem Londoner Hotel.

Neues Selbstbewusstsein

Vorbei ist die Zeit der Verzagtheit, mit einem neuen Selbstbewusstsein träumen die Genossen wieder von Wahlsiegen auch im Bund. Seit Ende Januar, seit Gabriel zur Seite getreten und den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Schulz als neue Nummer 1 und Kanzlerkandidat vorgeschlagen hat, schwimmt die SPD auf einer Euphorie-Welle, die sich auch aus der Erleichterung speist, dass Gabriel verzichtet. "Eine gewisse Erlösung ist auch zu spüren - auf beiden Seiten", sagte Gabriel damals. 13.000 Neueintritte meldet die Parteiführung seit Januar, in Umfragen klettert die SPD erstmals seit Jahren aus dem 20-Prozent-Keller. Sie ist inzwischen auf Augenhöhe mit der Union, die auch acht Wochen nach Gabriels vorerst letztem Coup - der überraschenden Schulz-Nominierung - immer noch in Schockstarre zu verharren scheint und noch kein Rezept gegen Schulz gefunden hat.

Ein Interview mit Martin Schulz sendet das Erste heute um 18.30 Uhr in der Sendung "Farbe bekennen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. März 2017 um 16:00 Uhr.

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