Schüler in einem Klassenraum | Jan Koch

Schulstart nach Hochwasser Ein klein wenig Normalität

Stand: 18.08.2021 12:56 Uhr

Das Hochwasser hat in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Schulen beschädigt. Zum Start des neuen Schuljahres heißt es deshalb: improvisieren. Und dann gibt es auch noch Corona.

Von Jan Koch, WDR

Damit haben sie an ihrem letzten Schultag vor sechs Wochen nicht gerechnet. Mitten in den Sommerferien stand das komplette Erdgeschoss der Realschule Pattenhof in Eschweiler unter Wasser. Mensa, Sporthalle, Klassenräume waren von jetzt auf gleich unbenutzbar. Die Wände immer noch feucht. Der Schaden so hoch, dass dort niemand zur Schule gehen kann und der Unterricht nun vorerst an einem anderen Ort stattfinden muss.

Jan Koch

"Wir müssen improvisieren"

Nun heißt es für die gut 1000 Schülerinnen und Schüler: Bus statt Fahrrad. Auch hiermit haben sie nicht rechnen können. Aus fünf-minütigen Schulwegen werden halbe Stunden. "Es wird ungewohnt für viele, aber wir haben alle Vorkehrungen getroffen, die notwendig sind", erzählt Schulleiterin Michaela Silbernagel. Als sie vor vier Wochen miterleben musste, was das Hochwasser mit ihrer Realschule in Eschweiler gemacht hat, war schnell klar. "Wir müssen improvisieren. Der Schaden ist so groß, dass wir bis mindestens Ende des ersten Halbjahres nun woanders unterkommen müssen", sagt Silbernagel. Zum Glück kann die Stadt Würselen, Nachbarort des betroffenen Eschweilers, aushelfen.

Dort steht nämlich eine alte Realschule still. Mit Tafeln, Klassenzimmern, Fachräumen hat sie noch alles, was eine Schule braucht, sodass zumindest normaler Unterricht stattfinden kann. Zunächst soll es am ersten Tag Klassenlehrerunterricht geben, in dem alle die neue Schule kennenlernen. In dem sie aber auch über das Geschehene reden können, damit auch die Lehrerinnen und Lehrer ein Gefühl dafür bekommen, wie hoch die Belastung der Eschweiler Jugendlichen ist. Denn einige von ihnen haben Teile ihres alten Lebens verloren und müssen mit ihren Eltern gemeinsam sehen, wie sie die kommenden Wochen ohne Bett, ohne Küche oder Wohnung meistern werden.

200 Millionen Euro für die Sanierung

Insgesamt mehr als 150 Schulen gelten als beschädigt oder zerstört. Einige davon so sehr, dass in ihnen kein Unterricht stattfinden kann. Das Schulministerium hat 200 Millionen Euro für die Sanierungen nach der Flutkatastrophe bereitgestellt. Das komplette Ausmaß ist noch nicht final abzuschätzen. Böden, Estriche, Türen. In vielen Schulen ist der Sanierungsbedarf hoch. Für die Realschule in Eschweiler hat die Stadt den Schaden auf mehr als zwei Millionen Euro beziffert.

Und dann gibt es ja auch noch Corona. Zum Schulbeginn ist für die gut 1000 Schülerinnen und Schüler im Flutgebiet Eschweiler klar: Jeder braucht einen negativen Corona-Schnelltest. Quasi niemand der Jugendlichen hier ist geimpft. Doch genauso klar ist auch, dass Unterricht wieder in Präsenz stattfindet. So wie die Schule vor den Sommerferien auch geendet hat. Viele Schulen wollen die Präsenzzeit nun nutzen, um das, was im Distanzunterricht verloren gegangen sei, nachholen zu können. Das gilt für alle Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Am Albert-Einstein-Gymnasium in Kaarst zum Beispiel ist die Schulleitung im Dauerstress. Seit Tagen schon bereitet sie mit der gesamten Lehrerschaft Schulbücher vor, passt den Unterricht von digital wieder auf analog an. Schulleiter Bruno von Berg freut sich aber auf die kommende Zeit: "Normalität tut auch mal gut und ich bin froh, dass wir auch wieder so starten können." Trotzdem blicken sie mit etwas Sorge in die Zukunft und hoffen, dass die Lage sich nicht wieder so sehr zuspitzt, dass sie doch wieder schließen und im Distanzunterricht weitermachen müssen.

Auf jeden Fall haben sie genügend Schnelltests besorgt für all die Schülerinnen und Schüler, die nicht geimpft sind, was die Mehrheit sein möchte. "Ob Eltern ihre Kinder impfen wollen, obliegt klar den Eltern. Wenn die Schülerinnen und Schüler geimpft sind, freuen wir uns darüber, und der Rest wird problemlos getestet", macht Schulleiter von Berg deutlich.

Eine Maskenpflicht bleibt allen erhalten - das hatte das NRW-Schulministerium Ende vergangener Woche nochmal betont. Im Innenraum und auch im Unterricht müssen alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Lediglich im Außenbereich und beim Sportunterricht kann die Maske abgenommen werden.

Neue Quarantäneregelung

Eine Änderung hingegen gab es bei der Quarantäneregelung. Mit Schulbeginn muss bei einem positiven Corona-Fall nicht mehr die gesamte Schulklasse in Quarantäne, sondern nur die Schülerinnen und Schüler, die in unmittelbarer Nähe sitzen, "also rechts und links, davor und dahinter". Zusätzlich müsse wegen des engen Kontakts auch das Lehrpersonal in Quarantäne, erklärte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer, FDP. Diese Entscheidung sei in enger Abstimmung mit dem NRW-Gesundheitsministerium und dem Robert Koch-Institut erfolgt, betonte sie. Vollständig geimpfte Sitznachbarn seien allerdings grundsätzlich von der 14-tägigen Quarantäne ausgenommen, wenn sie ohne Symptome sind, erklärte Gebauer.

Für die Realschule in Eschweiler ist die größte Herausforderung nun aber nicht mehr Corona, sondern neben der Pandemie nun auch mit Hochwassersituation zurecht zu kommen. "Es ist vor allem auch für die Abschlussklässler eine absolut verquere Situation", erklärt Schulleiterin Silbernagel. Die hätten im vergangen Jahr ja schon bereits durch Corona ein schwieriges Schuljahr hinter sich gebracht und müssten jetzt unter weiteren komplett neuen Bedingungen ihren Realschulabschluss machen. Denn die Tatsache, dass sie nicht mehr zu Fuß, sondern mit dem Bus zur Schule kommen, bedeutet weniger Schlaf, mehr Aufwand und eine zusätzliche Belastung. Noch ist nicht abzusehen, wie sich das auswirken wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. August 2021 um 17:00 Uhr.