Leeres Klassenzimmer | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Schule an digitalen Grenzen

Stand: 25.03.2020 15:06 Uhr

Fehlende digitale Plattformen, Schüler ohne Zugang zu Rechnern, Unklarheiten beim Abitur: Die Corona-Pandemie stellt die Schulen vor massive Herausforderungen. Experten warnen vor größerer sozialer Ungleichheit.

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

"E-Learning" ist das, was die Schulen durch die Corona-Krise führen soll - digitaler Fernunterricht. Der aber funktioniert nicht überall und vor allem nicht überall gleich gut. Dabei geht es weniger um die digitale Ausstattung an Schulen als um die Infrastrukturen und die Inhalte. Birgit Eickelmann, Schulpädagogin und Expertin für digitale Bildung, sagt dazu im Interview mit der Friedrich-Ebert-Stiftung: "Wir, wissen, dass wir hier in der Fläche nicht gut aufgestellt sind. Die Schulen, die hier vorgedacht haben, haben jetzt bessere Möglichkeiten." Alle anderen seien auf das Engagement einzelner, Lehrkräfte und Eltern, angewiesen.

Lehrer an digitalen Grenzen

Doch auch dieses Engagement stößt oft an technische Grenzen. Eine Lehrerin einer Hamburger Stadtteilschule berichtet, dass der Server, von dem die Lehrkräfte E-Mails mit Aufgaben verschicken sollen, nach wenigen Tagen zusammengebrochen sei. "Eigentlich dürfen wir private E-Mail-Adressen aus Datenschutzgründen nicht zur Kommunikation mit den Schülern nutzen, aber momentan geht es nicht anders. Ich schicke zum Teil Aufgaben von meiner privaten E-Mail-Adresse und nehme die Lösungen per Foto auf WhatsApp entgegen."

Inzwischen sei zwar an ihrer Schule die Plattform "Padlet" im Einsatz, auf welcher ein Austausch zwischen Lehrkräften und Schülern stattfinden soll, doch auch sie sei zeitweise nicht erreichbar.

Vielfach hätten die Schüler zu Hause aber auch gar keine technischen Möglichkeiten, die Materialien online abzurufen. "Die soziale Struktur an unserer Schule ist so, dass viele Haushalte gar keinen Computer oder Drucker haben", erzählt die Lehrerin. Gut funktionierten hingegen Lernpakete auf Papier: "Die verschicken wir per Post oder einige Kollegen schmeißen sie auch persönlich in die Briefkästen ein." Die Überprüfung des Lernfortschritts sei hierbei aber schlechter möglich.

"Soziale Ungleichheiten werden sich verstärken"

Mit Blick auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler warnt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Es wird zu massiven sozialen Ungleichheiten kommen. Oder vielmehr: Die immer schon vorhandenen Benachteiligungen werden sich verstärken." Die Wohnverhältnisse, die digitalen Möglichkeiten und auch die zeitlichen und persönlichen Ressourcen der Familien seien sehr unterschiedlich, sagt die für den Bereich Schule im GEW-Vorstand zuständige Ilka Hoffmann gegenüber tagesschau.de. "Nach der Corona-Zeit muss über Maßnahmen beraten werden, die betroffenen Kinder und Jugendlichen wieder aufzufangen und ihnen zusätzliche Unterstützung zu bieten."

So stellt etwa auch das Schulministerium in NRW klar, dass es sich bei den zur Verfügung gestellten Materialien und Aufgaben "grundsätzlich nicht um Inhalte von Prüfungsrelevanz handeln kann. Eine Leistungskontrolle oder Leistungsbewertung ist damit nicht verbunden." Gleichwohl sollen Schülerinnen und Schüler die ihnen gestellten Aufgaben - auch im eigenen Interesse - "natürlich in angemessener Zeit bearbeiten", heißt es aus dem Ministerium auf Nachfrage.

Schuljahr wird nicht wiederholt

Was bedeutet der massive Unterrichtsausfall nun für das laufende Schuljahr? Eine Wiederholung jedenfalls nicht - das hatte die Kultusministerkonferenz bereits klargestellt. "Das Schuljahr 2019/2020 wird auf jeden Fall gewertet", hatte die KMK-Präsidentin Stefanie Hubig den Zeitungen des "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND) gesagt.

"Lernen besteht aus Erwerben von Kompetenzen und Wissen, Vergessen eines großen Teils davon, Wiederholen, Anwenden", erläutert Ilka Hoffmann, die ebenfalls strikt gegen eine Wiederholung des Schuljahres ist. "Hinzu kommt, dass die meisten Schulformen Kernlehrpläne haben, in denen mehr die zu erwerbenden Kompetenzen als ein fester Wissensstoff beschrieben werden. Diese modernen Lehrpläne geben den Schulen mehr Flexibilität, Stoff in das nächste Schuljahr zu verlagern."

Stephan Lenhardt, SWR, zum Streit unter den Bundesländern nach Schleswig-Holsteins Alleingang beim Abitur
tagesschau 14:00 Uhr, 25.03.2020

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Uneinigkeit beim Abitur

So flexibel sieht es in den Abschlussjahrgängen nicht aus - denn hier geht es für die Schüler um die wichtigen Zugangsvoraussetzungen zu Ausbildung und Studium. Aber wie in Zeiten der Pandemie Prüfungen schreiben? Traditionell steht der Föderalismus hier einheitlichen Lösungen im Weg. Während sich etwa in Rheinland-Pfalz die Abiturfrage aufgrund des verkürzten Abschlussjahres und der bereits geschriebenen Prüfungen nur bedingt - vor dem Hintergrund der mündlichen Prüfung - stellt, müssen Abiturienten in Hessen derzeit trotz des Kontaktverbots und vielseitiger Kritik zum schriftlichen Examen antreten.

Plakate, die an die Abiturienten der Schule gerichtet sind, hängen vor der Wöhlerschule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch an einem Zaun | Bildquelle: dpa
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Inmitten der Corona-Krise schreiben Abiturienten in Hessen die Prüfungen.

Das Hessische Kultusministerium betont, dass Vorsichtsmaßnahmen wie ein Mindestabstand stets eingehalten würden. Ein Lehrer äußerte gegenüber dem HR jedoch die Befürchtung, dass sich trotzdem viele Abiturienten gegenseitig anstecken könnten. Zudem sieht er das Risiko, dass Schüler später ein schlechtes Prüfungsergebnis anfechten könnten - mit der Begründung, sie seien wegen der Angst vor einer Ansteckung blockiert gewesen.

Abitur ohne Prüfungen?

Andere Bundesländer diskutieren, die Prüfungen zu verschieben oder - wie Schleswig-Holstein - ganz abzusagen. Für diese Option machen sich in einer Online-Petition auch zwei Hamburger Abiturienten stark: Statt der Prüfung soll in diesem Jahr bundesweit jeder Schüler ein sogenanntes Durchschnittsabitur erhalten.

Undenkbar ist diese Variante nicht: Zwei Drittel der Abiturnote seien bereits durch die Leistungen in den Kursen erbracht, das letzte Drittel der Note solle eine Prüfungssituation abbilden, erklärt Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Philologenverbands, einer Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, dem RND. "Dafür brauchen wir die Abiturprüfungen nicht zwingend. Wir könnten diese Note nämlich auch aus vorherigen Klausurleistungen in den Prüfungsfächern berechnen". Zunächst müsse aber die Möglichkeit einer Verschiebung geprüft werden.

Länder stimmen sich ab

Bayern hat diese Möglichkeit schon ergriffen. Das Ministerium für Unterricht und Kultus verweist auf Nachfrage auf die bereits beschlossenen Alternativtermine: Prüfungen an Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen werden um 14 Tage verschoben, das Abitur auf Ende Mai. "Für den Fall, dass die neuen Zeitpläne aufgrund aktuell noch nicht absehbarer kurzfristiger Entwicklungen nicht umsetzbar sein sollten, arbeitet Bayern gemeinsam mit anderen Bundesländern an alternativen Lösungen", schreibt das Ministerium auf Anfrage von tagesschau.de.

Aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium heißt es, man sei auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Doch auch hier setze man auf ein gemeinsames Vorgehen und führe enge Abstimmungen mit der Ländergemeinschaft.

Kultusminister einigen sich

Inzwischen hat die Kultusministerkonferenz in einer Telefonschalte entschieden, die Prüfungen doch stattfinden zu lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt sei eine Absage von Prüfungen nicht notwendig, erklärten die zuständigen Minister der Länder laut Nachrichtenagentur AFP und SWR.

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