Die ehemalige Generaldirektorin der documenta fifteen, Sabine Schormann. | dpa

Nach Antisemitismus-Eklat Documenta-Chefin legt Amt nieder

Stand: 16.07.2022 15:51 Uhr

Die Entscheidung sei einstimmig und einvernehmlich erfolgt: Der Vertrag von Sabine Schormann, der Generaldirektorin der documenta fifteen, wird vorzeitig aufgelöst. Das sind die Konsequenzen aus dem Antisemitismus-Eklat.

Nach dem Antisemitismus-Skandal bei der documenta hat die Generaldirektorin der Ausstellung, Sabine Schormann, ihr Amt niedergelegt. Aufsichtsrat und Gesellschafter haben sich mit ihr verständigt, den Dienstvertrag kurzfristig aufzulösen, wie das Kontrollgremium in Kassel mitteilte. Es werde zunächst eine Interimsnachfolge angestrebt.

Das Gremium um den Vorsitzenden, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), und seine Stellvertreterin, Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne), zog damit die Konsequenz aus dem Eklat auf der diesjährigen Schau. Ein Werk mit antisemitischer Bildsprache war nach einer Welle der Empörung nur wenige Tage nach dem Beginn der Weltkunstausstellung abgebaut worden. Schon Monate zuvor hatte es Antisemitismus-Vorwürfe gegen des kuratierende Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Indonesien gegeben.

Der Aufsichtsrat distanzierte sich deutlich von dem Werk. "Die Präsentation des Banners 'People's Justice' des Künstlerkollektivs Taring Padi mit seiner antisemitischen Bildsprache war eine klare Grenzüberschreitung und der documenta wurde damit ein erheblicher Schaden zugefügt." Der Vorfall müsse zeitnah aufgeklärt werden.

Rücktrittsforderungen seit Wochen

In den vergangenen Wochen waren immer wieder Rücktrittsforderungen gegen die 60-Jährige erhoben worden. Ihr wurde unter anderem Untätigkeit bei der Aufarbeitung des Skandals vorgeworfen.

Zuletzt hatte sich der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, eine geplante Zusammenarbeit mit der documenta abgesagt. Er hatte eigentlich Teil einer Expertenkommission sein sollen, die die verbliebenen Werke der documenta auf weitere antisemitische Inhalte prüfen sollte. Schormann habe ihren Ansagen aber keine Taten folgen lassen, kritisierte er. In der Folge erklärte mit Hito Steyerl eine der international wichtigsten Künstlerinnen, ihre Werke von der documenta abzuziehen.

Schormann war im Herbst 2018 als Generaldirektorin nach Kassel gewechselt. Im Jahr zuvor war die gemeinnützige documenta GmbH wegen eines Millionendefizits bei der documenta 14 im Jahr 2017 in die Schlagzeilen geraten. Die damalige Geschäftsführerin, die Kunsthistorikerin Annette Kulenkampf, hatte daraufhin ihr Amt niedergelegt. Übergangsweise hatte zunächst der Musikmanager Wolfgang Orthmayr die Geschäfte geführt.

Roth nennt Entscheidung "richtig und notwendig"

Kulturstaatsministerin Claudia Roth begrüßte die Trennung von Schormann. "Es ist richtig und notwendig, dass nun die Aufarbeitung erfolgen kann, wie es zur Ausstellung antisemitischer Bildsprache kommen konnte, sowie die nötigen Konsequenzen für die Kunstausstellung zu ziehen", sagte die Grünen-Politikerin der "Frankfurter Rundschau".

Zudem zeigte sich Roth erfreut, dass die beiden Gesellschafter - die Stadt Kassel und das Land Hessen - auch Strukturen und Verantwortlichkeiten bei der documenta überprüfen lassen wollen. "Das sind erste wichtige Schritte in Richtung einer notwendigen Neuaufstellung dieses so wichtigen Fixpunktes für die zeitgenössische Kunst weltweit. Als Vorsitzende des Stiftungsrates der Kulturstiftung des Bundes und als Kulturstaatsministerin stehe ich bereit, diesen Prozess zu unterstützen", sagte Roth.

Antisemitismusbeauftragter Klein: "Rücktritt überfällig"

Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, begrüßte den Schritt. Der "Bild am Sonntag" sagte er laut Vorabmeldung: "Nach dem verheerenden Umgang mit den Antisemitismusvorwürfen bei der documenta und dem vollständigen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit war der Rücktritt von Frau Schormann überfällig."

Nun komme es darauf an, die notwendigen strukturellen Konsequenzen zu ziehen: "Antisemitismus darf in keiner Form im Kulturleben akzeptiert werden, gleichgültig woher die Kulturschaffenden kommen", so Klein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juli 2022 um 14:25 Uhr.