SPD-Kanzlerkandidat Scholz | dpa

Olaf Scholz Die vergessene Niederlage

Stand: 30.11.2020 05:01 Uhr

Eigentlich sah alles nach dem politischen Ende aus: Die Wahl zum Parteichef verloren gegen zwei weitgehend Unbekannte - die Frage war nur, ob Olaf Scholz sofort hinwirft. Ein Jahr später ist alles anders.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

Er hat sich diesen Abend mit Sicherheit anders vorgestellt. Aber so stand Olaf Scholz am 30. November 2019 im hellen Scheinwerferlicht der Kameras auf der Bühne im Willy-Brandt-Haus und musste Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken zum Parteivorsitz gratulieren.

Barbara Kostolnik ARD-Hauptstadtstudio

Der Beifall für ihn war vermutlich auch einer, auf den er gerne verzichtet hätte: irgendwie mitleidig und tröstend. Ein Beifall für Verlierer. Denn entgegen den Erwartungen hatte nicht der favorisierte Scholz zusammen mit Klara Geywitz den Mitgliederentscheid gewonnen, sondern das von Kevin Kühnerts Jusos gepushte GroKo-kritische Duo Esken-Walter-Borjans.

Die designierten Parteichefs der SPD, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, feiern ihren Sieg in der Stichwahl um den Vorsitz mit hochgestreckten Daumen. | REUTERS

Sieg und Niederlage: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sollen SPD-Chefs werden. Ein Schlag für Scholz. (Archivfoto vom 30.11.2019) Bild: REUTERS

Überzeugungsarbeit als "truly Sozialdemokrat"

Dabei hatte der sonst häufig so unterkühlt wirkende Scholz auf den Regionalkonferenzen fast schon leidenschaftlich für sich getrommelt. Er tat alles dafür, bei der mehrheitlich GroKo-kritischen Basis nicht allein als Finanzminister und Vizekanzler aufzutreten. "Ich bin der Meinung, dass ich ein echter, truly Sozialdemokrat bin", antwortete er etwa einem wütenden Genossen, der ihn für die Misere der SPD und ihre schlechten Umfragewerte mitverantwortlich machte.

Doch an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus gab kaum noch einer einen Pfifferling auf Scholz und seine politische Karriere, von einer Kanzlerkandidatur ganz zu schweigen. Man munkelte gar, Scholz würde alles hinwerfen, auch im Kabinett. Sein Ende schien besiegelt. Schließlich ginge das doch nicht: als SPD-Vorsitzender gescheitert, um als SPD-Kanzlerkandidat anzutreten? Lachhaft. Fast schon so lachhaft wie in dieser Phase überhaupt laut über einen SPD-Kanzlerkandidaten nachzudenken.

Kevin Kühnert tat es trotzdem - Anfang Dezember auf dem SPD-Bundesparteitag. "Mein Anspruch ist, die SPD zu einer Stärke zu führen, bei der wir nicht ausgelacht werden, wenn wir überhaupt über so was wie eine Kanzlerkandidatur sprechen. Und an dem Punkt sind wir noch nicht ganz wieder angekommen."

Politikerzufriedenheit |

Merkel, Spahn, Scholz: die Top 3 der beliebtesten Politiker im DeutschlandTrend von November.

Kühnert war damals frisch zum SPD-Vize gewählt worden und noch immer ziemlich Anti-Scholz. Das hat sich inzwischen drastisch geändert. Denn der selbstbewusste Scholz warf mitnichten hin, sondern stürzte sich in seine Arbeit, seine Umfragewerte waren kontinuierlich gut - ganz im Gegensatz zu denen seiner Partei. Dann kam die Corona-Pandemie - und Scholz holte im Frühjahr die "Bazooka" raus.

Sein Corona-Krisenmanagement als Finanzminister machte Scholz zu einem der beliebtesten Politiker Deutschlands. So war es für die Parteiführung nahezu alternativlos, ihn Mitte September zum Kanzlerkandidaten zu erklären. "Olaf hat den Kanzler-Wumms" erklärte Esken per Twitter. Genau die Saskia Esken, die Scholz zwischenzeitlich abgesprochen hatte, ein standhafter Sozialdemokrat zu sein. Wofür sie sich später allerdings entschuldigte.

Scholz' Stellung als Kanzlerkandidat ist in der SPD unangefochten - auch wenn er von seiner Partei vermutlich nie verehrt und angebetet werden wird. Es ist wohl immer noch so, wie einst Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 die Wahl von Scholz zum Generalsekretär begründet hatte. "Weil kein Besserer da war, ist der Beste genommen worden."

Walter-Borjans, Scholz und Esken bei der SPD-Pressekonferenz | REUTERS

Scholz' Stellung als Kanzlerkandidat ist in der SPD unangefochten. Bild: REUTERS

Schon Franz Müntefering - vor Scholz Generalsekretär - hielt große Stücke auf den Pragmatiker, der in Hamburg gezeigt hat, dass er Wahlen deutlich gewinnen kann, solange die nicht auf SPD-Parteitagen stattfinden. Dass ihn seine Partei so wenig liebt, mag ihn insgeheim bedrücken, nach außen lässt er sich nichts anmerken. "Die SPD braucht einen geraden Rücken, wenn sie auf den Platz geht. Nur wer selber mutig ist, kann andere von sich überzeugen."

Der Überzeugungstäter Scholz hat mittlerweile sogar Kühnert und viele Jusos von sich überzeugen können. Und Scholz hat längst auch das Siegerduo Esken/Walter-Borjans in den Schatten gestellt. Jetzt muss er nur noch die Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass er ein echter Sozialdemokrat ist. Und dass, wer Scholz als Kanzler will, für die SPD stimmen muss.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. November 2020 um 17:18 Uhr.