Corona Test | Bildquelle: AFP

Antigen-Schnelltests Trügerische Sicherheit?

Stand: 09.11.2020 16:52 Uhr

Corona-Tests spielen eine wesentliche Rolle bei der Pandemie-Bekämpfung. Da Labore an ihre Grenzen kommen, setzen immer mehr auf die schnellen Antigen-Tests. Doch Experten sehen freiverkäufliche Tests für alle skeptisch.

Von Angela Tesch, ARD-Hauptstadtstudio

In Deutschland werden jeden Tag Tausende neue Corona-Infektionsfälle gemeldet. Nicht jeder merkt, dass er positiv ist - und trägt das Virus so ahnungslos weiter. Weil die Labore bei den PCR-Tests an ihre Grenzen kommen, rücken die nicht ganz so wirksamen, aber schnellen Tests in den Fokus.   

Mehr als 100 verschiedene Antigen-Schnelltests zum direkten Erreger-Nachweis von Covid-19 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gelistet. Und das sind nur die, die von Herstellern aus Deutschland und dem Ausland gemeldet wurden. Millionenfach werden die Tests inzwischen hergestellt.

Doch dass sie freiverkäuflich und für jeden zu haben sind, halten deutsche Ärzte und Infektionsforscher wie Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum dennoch nicht für sinnvoll: "Das Problem mit dem Schnelltest ist, dass er ein sehr geringes Haltbarkeitsdatum hat", sagt sie.

"Nur eine Momentaufnahme"

Brinkmann erinnert an den Massentest in der Slowakei Ende Oktober, bei dem fünf Millionen Einwohner getestet wurden. Danach habe man zwar für den Moment gewusst, wer nicht infiziert ist: "Das heißt aber nicht, dass die nicht am nächsten Tag positiv sein können. Das ist eine Momentaufnahme, um zu sehen, wie es jetzt gerade um uns steht und um die Dunkelziffer zu erfassen."

Eine Momentaufnahme, deren Aussagekraft nicht zuletzt davon abhängt, ob der Test fachgerecht gemacht wird - das gibt Norbert Suttorp von der Berliner Charitè zu bedenken. Er leitet die Medizinische Klinik für Infektiologie und Pneumologie, wo die Wirkung der Schnelltests untersucht wird. "Das kann nicht jeder machen", sagt er. "Diesen Rachenabstrich durch die Nase muss einfach ein Profi machen, sonst ist der Test nicht verwertbar."

Für sinnvoll hält der Berliner Professor Antigenschnell-Tests für medizinisches Personal oder für Menschen, die etwa mit Corona-Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Schon in der Rettungsstelle wäre schnell klar, ob jemand negativ ist und auf eine normale Station kann. Bei positiv getesteten Patienten könnte der wesentlich sichere PCR-Test für endgültige Klarheit und die entsprechende Einweisung auf eine Covid-Station sorgen.

"Man kann eine Risikoreduktion erreichen"

Und was leisten Antigen-Schnelltests, wenn man sich nicht krank fühlt und dennoch das Virus in sich trägt? "Dann ist die Frage: Ist der Test wirklich negativ oder nicht sensibel genug?", sagt Suttorp. "Man kann eine Infektion mit einem Schnelltest nicht sicher ausschließen. Man kann aber eine Risikoreduktion erreichen."

Das ist auch das politische Ziel der Bundesregierung. Die seit Oktober geltende nationale Teststrategie konzentriert die staatlich geförderten Tests auf Menschen, die gesundheitlich besonders gefährdet sind und auf die, die in Heimen ohne Kontakte zur Familie zu vereinsamen drohen. "Wir können jetzt mit Schnelltests Besucher, die in Alten- und Pflegeheime gehen, testen", so Kanzlerin Angela Merkel. Das übernehme die Krankenkasse für eine bestimmte Anzahl an Besuchen im Monat und sei ein Riesenfortschritt, auch im Sinne des Schutzes.

20 Tests sollen pro Bewohner oder Bewohnerin im Monat finanziert werden. Die Sicherheit, die ein Test gibt, sollten alle haben, findet der Hallenser Virologe Alexander Kekulè. Auch aus psychologischen Gründen. Er fordert seit Langem ein Netzwerk von Schnelltests in Apotheken und für zu Hause, um den Menschen die Möglichkeit zu geben. Das sei eine Frage der Zulassung. In deutschen Apotheken sind Schnelltests bislang nicht frei verkäuflich und werden nur an Ärzte abgegeben.

Corona-Schnelltests für alle?
Angela Tesch, ARD Berlin
09.11.2020 15:57 Uhr

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