Mitarbeiter eines Schlachthofs zerteilen am Fließband hängende Schweine. | Bildquelle: dpa

Fleischindustrie in der Kritik Corona und die 3,99-Schnitzel

Stand: 13.05.2020 16:48 Uhr

In mehreren Fleischbetrieben sind so viele Mitarbeiter Corona-positiv, dass ganze Landkreise ein Problem haben. Gibt es Missstände in Schlachthöfen? Wer ist verantwortlich? Darüber wird diskutiert - nicht zum ersten Mal.

Von Holger Schwesinger, tagesschau.de

Debatten über die Zustände in deutschen Schlachthöfen gibt es seit Jahren immer wieder. Neben der Frage, wie es um die Hygiene steht und wie dort mit den Tieren umgegangen wird, stehen vor allem die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in der Kritik. Auf Berichte über Missstände folgt oft die Ankündigung, dass es nun besser werden müsse. Und manchmal folgt tatsächlich auch ein Gesetz - wie 2017 etwa das mit dem hoffnungsvollen Namen "Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft".

Und jedes Mal, wenn über das Thema debattiert wird, sagen die einen, es seien nur wenige schwarze Schafe, die die ganze Branche in Verruf brächten. Andere behaupten, das Problem liege im System - und letztlich auch daran, dass der Verbraucher halt gerne zugreift, wenn die 600-Gramm-Packung Schweineschnitzel im Discounter mal wieder für 3,99 Euro zu haben ist.

Arbeitsminister Heil kündigt strengere Hygieneregeln in Schlachtbetrieben an
tagesschau 20:00 Uhr, 13.05.2020, Jörg Ihßen, NDR

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Diesmal betrifft es auch die Schlachthof-Nachbarn

So ist es auch diesmal - in der Corona-Krise. Doch eines ist plötzlich anders: Das Problem betrifft nicht nur die Tiere und die Beschäftigen in den Betrieben selbst, sondern auch die Menschen, die in der Region leben. In mehreren Landkreisen war die Häufung von Corona-Infektionen bei Schlachthof-Mitarbeitern der Grund, warum der gesamte Kreis in die kritische Zone geraten ist und zum Teil auch die erlaubte Obergrenze von 50 Neuinfektionen in der Woche pro 100.000 Einwohnern überschritten hat.

Wird diese Grenze gerissen, soll der Landkreis Schutzmaßnahmen ergreifen - so haben es Bund und Länder verabredet. Für die rund 220.000 Menschen, die etwa im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld leben, bedeutet das unter anderem, dass sie länger als die Nachbarn in Münster oder Steinfurt auf den Besuch im Restaurant verzichten müssen.

"Subunternehmertum die Wurzel des Übels"

Erhöht das nun den Druck auf Politik und Fleischwirtschaft, tatsächlich etwas an den Bedingungen in den Betrieben zu ändern? Zumindest hat der Bundestag am Nachmittag darüber in einer Aktuellen Stunde diskutiert. Beantragt hatten dies die Grünen. Sie fordern schärfere Kontrollen der Betriebe und einen besseren Arbeitsschutz für die Beschäftigten, die oft aus dem Ausland kommen und nur indirekt über Werkverträge angestellt sind.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kündigte gesetzliche Konsequenzen an. Das Corona-Kabinett werde am kommenden Montag Maßnahmen beschließen, die über die bisherigen Vorschriften hinausgingen, so der SPD-Politiker. Mit Verweis auf die oft prekären Arbeits- und Wohnbedingungen von ausländischen Arbeitern sagte er: "Wir dürfen als Gesellschaft nicht weiter zugucken, wie Menschen aus Mittel- und Osteuropa in dieser Gesellschaft ausgebeutet werden". Als "Wurzel des Übels" nannte er das weit verbreitete Subunternehmertum in der Branche.

Druck auch aus der Union

Auch aus der Union kommt Druck: Bundesagrarministerin Julia Klöckner ermahnte die Branche - und die Aufsichtsbehörden: "Es gibt Regeln, die müssen unbedingt eingehalten, und die Einhaltung von den zuständigen Behörden kontrolliert werden", sagte sie bereits im Vorfeld der Bundestagsdebatte. Klöckner gehört allerdings zu denjenigen, die das Problem weniger im System als eher beim Fehlverhalten einzelner sieht: "Schwarze Schafe schaden dem Ansehen der gesamten Branche", so die CDU-Politikerin.

"Schwer nachvollziehbare Firmenstrukturen"

Ihr Parteikollege Karl-Josef Laumann scheint das etwas anders zu sehen. Er ist Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen und hatte Anfang des Jahres einen Bericht über Kontrollen in den NRW-Schlachthöfen vorgelegt. Fazit: "Unangemessene Lohnabzüge, mangelhafter Arbeitsschutz und unwürdige Unterkünfte". Die Branche sei geprägt von "schwer nachvollziehbaren Firmenstrukturen, dem häufigen Einsatz von Werkvertragsnehmern sowie der vorwiegend anzutreffenden Beschäftigung von Arbeitskräften aus Osteuropa".

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die in der Schlachtindustrie über Werkverträge mit oft dubiosen Subunternehmen beschäftigten Menschen würden "seit vielen Jahren rücksichtslos ausgenutzt", so NGG-Vize Freddy Adjan. Arbeitgeber lagerten nicht nur die Arbeit, sondern auch jede Verantwortung bequem an Subunternehmen aus. Die Corona-Fälle seien "trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch".

"Ein krankes System"

Greenpeace-Landwirtschaftsexpertin Stephanie Töwe wirft Argarministerin Klöckner vor, die Misstände seit Jahren zu ignorieren. "Die Ministerin verkennt, dass es sich nicht um einzelne schwarze Schafe handelt, sondern um ein krankes System." Die Corona-Pandemie verschärfe nur die Probleme in der Fleischindustrie, die schon länger bekannt seien: "Tierleid, Ausbeutung und unhygienische Zustände sind die extremen Folgen der Billigfleisch-Industrie."

Die Branche selbst weist diese pauschalen Vorwürfe zurück. Deutschlands größter Fleischverarbeiter Tönnies warnte nach den neuen Fällen davor, die gesamte Branche unter Generalverdacht zu stellen. Und auf der Homepage der Münsteraner Firma Westfleisch, die unter anderem den Schlachthof in Coesfeld betreibt, heißt es: "Unserer Verantwortung sind wir uns vollkommen bewusst."

Die Fleischindustrie in Deutschland

Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland knapp 1500 größere Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe. Dort arbeiten gut 128.000 Menschen. Das macht im Schnitt eine Betriebsgröße von etwa 85 Mitarbeitern - in der Praxis variiert diese aber stark, außerdem sind Kleinstbetriebe in der Statistik nicht enthalten.

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund gilt für rund 80.000 Beschäftigte in der Fleischindustrie der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro. Die Branche selber gibt an, die meisten Arbeitnehmer seien versicherungspflichtig beschäftigt und unterlägen Tarifverträgen. Angaben zur Zahl der Werkverträge oder ausländischer Saisonkräfte machte Fleischverband auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht.

Offiziell wenig bekannt ist über die Unterbringung ausländischer Werkvertragskräfte - also etwa, wie viel Platz jedem einzelnen zur Verfügung steht. Auch die Branche bestreitet aber nicht, dass sie überwiegend in Sammelunterkünften leben. Das können einzelne Wohnungen sein, in denen mehrere Mitarbeiter wie in einer WG wohnen - aber auch leer stehende Kasernengebäude.

Fleischverband: Bei Einzelunterbringung nicht wettbewerbsfähig

Der Fleischverband wies die Vorwürfe auch wegen seiner Funktion als wesentliche Infrastruktur in der Krise zurück. So habe die Fleischindustrie die Produktion nicht wie etwa die Autoindustrie einfach stoppen können, sagte Verbandschefin Heike Harstick der "Süddeutschen Zeitung". Die Branche habe weiter gearbeitet, um die Nahrungsmittelversorgung zu sichern.

Harstick wehrte sich auch gegen Forderungen nach härteren Auflagen. Wenn etwa die Einzelunterbringung von Mitarbeitern vorgeschrieben und damit höhere Wohnungsmieten verursacht würden, seien viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig. Teile der Branche würden dann abwandern. "Aus unserer Sicht sind nicht vor allem die Arbeitsbedingungen Schuld an den Corona-Ausbrüchen", so die Verbandschefin.

"Billiges Grillfleisch ist uns einfach zu lieb"

Wie jedes Mal, wenn es um die Zustände in Schlachthöfen geht, gibt es aber auch diesmal diejenigen, die davor warnen, die Verantwortung nur auf Politik und/oder Wirtschaft abzuwälzen. Dazu gehört zum Beispiel der Kölner Weihbischof Ansgar Puff.

Alle seien über die vielen Corona-Fälle in Schlachthöfen erschrocken, so Puff. "Aber in Wirklichkeit kommt nur die Wahrheit raus, vor der wir immer die Augen zumachen": Das Grillfest sei nur deshalb so billig, weil Osteuropäer wie Sklaven in den Schlachthöfen arbeiteten. "Billiges Grillfleisch ist uns einfach zu lieb."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Mai 2020 um 20:00 Uhr.

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Holger Schwesinger Logo tagesschau.de

Holger Schwesinger, tagesschau.de

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