Salafismus: Pierre Vogel  in Hamburg

Radikale Islamisten in Deutschland Gotteskrieger aus Überzeugung?

Stand: 15.10.2014 14:25 Uhr

Warum schließen sich Jugendliche radikalen Islamisten an oder ziehen sogar in den "Heiligen Krieg"? Handelt es sich um junge Leute mit persönlichen Problemen? Wird der Islam nur missbraucht? Die Meinungen der Experten gehen auseinander.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Die meisten Muslime, die von Deutschland aus zum Dschihad nach Syrien oder in den Irak reisen, sind männlich, jung und haben einen deutschen Pass. Das geht laut "Bild"-Zeitung aus Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden hervor, die Daten von 380 Dschihadisten ausgewertet haben. Demnach sind zwei von drei IS-Kämpfern aus Deutschland zwischen 15 und 30 Jahre alt, viele haben keinen Schulabschluss.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor meint, zum Profil dieser Menschen gehöre eine bestimmte Gewaltbereitschaft und gleichzeitig auch Orientierungslosigkeit. Diese sei "häufig geprägt von Frustrationserfahrungen - zum Beispiel durch Ausgrenzung und das Gefühl, hier nicht hinzugehören, nichts wert zu sein", so Kaddor im Interview mit tagesschau.de. Daraus entstünden "Allmachtsphantasien, diesen Frust auch irgendwo abzulassen".

Dass zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund unter Diskriminierung zu leiden haben, wurde bereits in Studien dokumentiert. Dennoch warnt Esra Kücük, Leiterin der Jungen Islam Konferenz, vor einer Kausalitätskette.

"Nicht jeder, der diskriminiert wird, radikalisiert sich", betont Kücük im Gespräch mit tagesschau.de. "Sonst hätten wir ein weit größeres Problem in Deutschland." Es seien aber nur 0,15 Prozent der Muslime in Deutschland Salafisten. "Allerdings benutzen beispielsweise Salafisten die Diskriminierung als Argument bei der Rekrutierung, indem sie sagen: Kommt zu uns, die Gesellschaft will euch nicht."

Kulturelle Codes innerhalb einer Szene

Um Gleichgesinnte zu finden, hätten sich innerhalb der Szene Codes entwickelt - ähnlich wie in anderen Subkulturen. Dazu gehören beispielsweise Kleidung oder Handzeichen wie ein erhobener Finger, der für "Ein Gott, ein Staat" steht. Damit könnten sich radikale Islamisten leicht untereinander zu erkennen geben.

Der Publizist Hamed Abdel-Samad, früher selbst bei der Muslimbruderschaft in Ägypten aktiv, betonte bereits im Jahr 2010 im Interview mit tagesschau.de, der Islamismus und seine unversöhnliche Weltanschauung sei die neue Form des "revolutionär sein". "Der Islamismus bietet eine Kraft des Widerstandes und des Protestes."

Auch der Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders erkennt in der islamistischen Szene eine neue Subkultur. "Das sind vor allem unzufriedene Jugendliche, die nach Zusammengehörigkeitsgefühl suchen - oder nach einer Protestform", so Schneiders im Gespräch mit tagesschau.de.

Für Jugendliche mit Migrationshintergrund sei der Weg in die rechtsextreme Szene keine Option, da sie zu den Feinden der Neonazis gehören. "Auch linke Subkulturen bieten für die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund keine Alternative." Daher suchten sie sich eine andere Möglichkeit. "Und mit dem Islamismus können sie die deutsche Mehrheitsgesellschaft schocken und beeindrucken."

Mediale Selbstinszenierung

Zu diesem Schockieren gehört eine mediale Selbstinszenierung durch gezielte Provokationen. Für Medien eine Gratwanderung. Esra Kücük von der Jungen Islam Konferenz appelliert an die große Verantwortung der Journalisten. Im Bereich Rechtsextremismus sei von vielen Medien immer wieder argumentiert worden, man dürfe Neonazis keine Plattform bieten, sagt Kücük. "Wenn sich aber einige Jugendliche eine Weste mit der Aufschrift 'Scharia-Polizei' anziehen, dann landen sie auf den Titelseiten großer Zeitungen." Man dürfe solche Phänomene nicht verharmlosen, betonte Kücük, aber man sollte auch bedenken, dass die "Scharia-Polizei" eine Berichterstattung provozieren wollte.

Auch Schneiders meint, die enorme mediale Aufmerksamkeit mache unentschlossene Jugendliche vor allem auf die Szene aufmerksam. Es sei ein Dilemma: Auf der einen Seite müsse man diese Szene im Auge behalten und über sie berichten und diskutieren - dabei dann aber auch in Kauf nehmen, dass diese öffentliche Wahrnehmung der Szene neue Anhänger verschaffen könnte.

Berichterstattung über die "Scharia-Polizei" im Internet | Bildquelle: dpa
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Berichterstattung über die "Scharia-Polizei" im Internet

Hinter den gezielten Provokationen und Selbstinszenierungen als vermeintlich moralisch überlegene Kämpfer gegen den Westen sowie Ungläubige stehen aber keine unsicheren Jugendliche, sondern ideologisch gefestigte Kader. Islamwissenschaftler Schneiders betont, in der Debatte über radikale Islamisten müsse man zwischen zwei Gruppen unterscheiden: Auf der einen Seite gebe es die Vordenker, die ideologisch geschult seien und die Richtung vorgeben - beispielsweise die Konvertiten Pierre Vogel oder Sven Lau.

Salafismus: Pierre Vogel in Bremen
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Pierre Vogel in Bremen

"Sie folgen einer radikalen Auslegung des Islam, arbeiten diese weiter aus und geben sie weiter", so Schneiders - und zwar an die zweite Gruppe: die Mitläufer, das Fußvolk. Diese sind zumeist weit weniger ideologisch und religiös gefestigt.

Politik, Religion - oder beides?

Aber welche Rolle spielt dabei die Religion, der Islam? Im Prinzip keine, meint beispielsweise der Linken-Politiker Uwe Paulsen. Er schreibt in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Rundschau": "Der gewalttätige Salafismus ist ein politisches Problem, kein religiöses, deshalb muss er auch politisch bekämpft werden. Radikale Gruppierungen, die eine Religion instrumentalisiert haben, hat es immer gegeben."

Dieser Einschätzung widersprechen Experten aber entschieden. Es sei nicht möglich, das politische Element gänzlich vom religiösen zu trennen, meint Schneiders.

Auch Abdel-Samad betonte, der Islamismus biete "klare Antworten und eine vereinfachte Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige". Die jungen Muslime fühlten sich "als Soldaten Gottes, als eine Vorhut der Revolution". In der öffentlichen Debatte werde die Religion oft "entweder alleine für Anschläge verantwortlich gemacht, oder man sagt, der Islam habe nichts damit zu tun. Beides ist falsch."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Oktober 2014 um 17:00 Uhr.

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