Rothenklempenow in Mecklemburg-Vorpommern | Bildquelle: NDR

tagesthemen mittendrin Revolution aus Rothenklempenow

Stand: 16.11.2020 15:16 Uhr

Ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern will Keimzelle einer "Saatgutrevolution" werden. In Rothenklempenow arbeiten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Landwirtschaft der Zukunft.

Von Carmen d’Avis, NDR

Friederike Engelbrecht will die Landwirtschaft nachhaltig verändern. Dafür ist sie mit zwei anderen jungen Wissenschaftlern in das Dorf Rothenklempenow gezogen. Ihr Ziel: die Saatgutrevolution.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Saatgutkonzernen auflösen und altes Saatgut ökonomisch sinnvoll einsetzen. Denn die Saatgutbranche ist extrem konzentriert. Die zehn größten Saatgutkonzerne machen drei Viertel des kommerziellen Saatgutmarktes unter sich aus. Die Abhängigkeit von wenigen Konzernen ist nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein ökologisches: weniger Vielfalt, weniger Resistenz gegen Keime und veränderte Klimabedingungen, mehr Einsatz von Pestiziden und Dünger.

Umzug aufs Land

Alte Saatgutsorten, die jeder Landwirt wieder selbst aussäen kann, das ist ihre Idee. Doch es gibt nur noch wenige Züchter, die solche Sorten verkaufen. Woher man alte Sorten bekommt, wie man Landwirte für den Anbau - auch wenn er nicht so ertragsreich ist - begeistern kann und wie man lebensmittelverarbeitende Produktionen für den Gedanken wieder gewinnen kann - das ist Engelbrechts Zukunftsidee. Dafür zieht sie für ein halbes Jahr aufs Land, um von den alten Landwirten und Bäuerinnen zu lernen und wissenschaftlich mit Mentoren zu arbeiten.

Friedericke Engelbracht | Bildquelle: NDR
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Raus aufs Land: Friederike Engelbrecht ist auf der Suche nach alten Saatgutsorten.

Mit ihrer Idee hat Engelbrecht ein Stipendium vom Kompetenzzentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung der Universität der Vereinten Nationen mit Sitz am Stettiner Haff erhalten. Das erste und einzige Zentrum im Osten Deutschlands.

Praxis statt Theorie

Eigentlich macht sie gerade ihren Master in Agrarökologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Doch jetzt ist erstmal Praxis angesagt. "Die Theorie ist eine Sache, hier will ich von den Bauern lernen und altes Wissen aufnehmen", erzählt die 27-Jährige. Sie macht es sich gerade in ihrem spartanisch eingerichteten WG-Zimmer in Schloss Rothenklempenow gemütlich. Als Stadtkind aufgewachsen in Hamburg und wohnhaft in Berlin, war es für sie ein Abenteuer, aufs platte Land zu ziehen. Aber das WG-Leben hier im Schloss gefalle ihr.

Sie sammelte bereits Erfahrungen in einem landwirtschaftlichen Start-Up bei Potsdam: "Kornwerk" möchte Pflanzendrinks aus alten Hafersorten herstellen. Speziell für Milchallergiker eine Alternative. Landwirt Stefan Decke aus Rothenklempenow gibt ihr wertvolle Tipps. Er baut gerade schwarzen Tortilla-Mais für ein Start-Up an. Ein Experiment - das einzige seiner Art in Europa.

Denn das Saatgut ist sehr teuer, der Mais wächst langsamer als das Unkraut. Das Risiko geht er dennoch ein, denn er hält die Abhängigkeit von den großen Saatgutlieferanten für gefährlich: "Die Abhängigkeit von solchen Firmen vergrößert sich, wenn auch andere Betriebsmittel an das Saatgut geknüpft sind. Wie spezielle Spritzmittel, die darauf passen. Wie auf genverändertertes Saatgut zum Beispiel."

Tortillachips made in Rothenklempenow

Das alles will Engelbrecht ändern: in der Praxis, in der Theorie und natürlich auch in der Politik. Dafür braucht sie aber ein Konzept, das auch wirtschaftlich funktioniert. Bei ihrer Recherche stößt sie auf Tlaxcalli.

Das Start-Up stellt Tortillachips her, der Mais dafür wird in Rothenklempenow angebaut. Das junge Unternehmen suchte die Unabhängigkeit von ausländischen Maisproduzenten und zog vor Kurzem von Berlin aufs Land, um vom Anbau, Herstellung bis Vertrieb alles vor Ort zu haben. Nicht nur das: Sie stellen die einzigen Bio-Tortillachips in Europa her. "Mittlerweile sollte das normaler Menschenverstand sein, dass man so lokal wie möglich, so ressourcenschonend wie möglich produziert", sagt Daniel Möhler von Tlaxcalli. Wie man in Zukunft leben und arbeiten kann - das ist ein ständiges Ausprobieren und Weiterentwickeln.

Auf einem Versuchsfeld wird Engelbrecht im nächsten halben Jahr eine alte Hafersorte ausprobieren. Die Suche nach Saatgut ist nicht so einfach. Denn auch in der Öko- Landwirtschaft wird oft sogenanntes Hybrid-Saatgut verwendet. Das heißt: Das Saatgut lässt sich nicht vermehren. Jedes Jahr muss daher neues Saatgut gekauft werden. Die Abhängigkeit von Saatgutkonzernen ist daher hier fast genauso groß wie in der konventionellen Landwirtschaft.

Das zu ändern, ist Engelbrechts Ziel. Die erfolgreichen Konzepte der in Rothenklempenow ansässigen Start-Ups motivieren sie. Die 27-Jährige möchte eine alte samenfeste Sorte von Hafer ausprobieren, mit "Kornwerk" produzieren und gewinnbringend auf den Markt bringen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. November 2020 um 23:30 Uhr.

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