Johannes-Wilhelm Rörig | picture alliance/dpa

Angekündigter Rückzug Rörig gibt Amt als Missbrauchsbeauftragter ab

Stand: 28.02.2022 11:00 Uhr

Elf Jahre war Johannes-Wilhelm Rörig Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung. Immer wieder drängte er Institutionen zur Aufarbeitung, mehrere Gesetze wurden in dieser Zeit verschärft. Nun legt er wie angekündigt sein Amt nieder.

Der bisherige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat seinen angekündigten Rückzug vollzogen und offiziell sein Amt niedergelegt. Er betonte, dass die Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche weitergehen müsse. Das Ausmaß sei weiterhin riesengroß und zu viele Menschen schauten bei einem Verdacht noch immer weg, hieß es in einer Erklärung. "Der Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch und seine Folgen ist noch lange nicht gewonnen."

Das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs wird den Angaben zufolge die Leiterin des dortigen Arbeitsstabs, Manuela Stötzel, kommissarisch leiten, bis eine Nachfolge berufen wird. Rörig arbeitet weiter im Bundesfamilienministerium in anderer Funktion.

Der Jurist hatte das 2010 geschaffene Amt seit rund elf Jahren als Nachfolger der früheren Bundesfamilienministerin Christine Bergmann inne. Ende 2020 kündigte der heute 62-Jährige seinen vorzeitigen Rückzug nach der Bundestagswahl an. Mitte Februar habe er nun Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundesfamilienministerin Anne Spiegel darüber unterrichtet, das Amt Ende Februar niederzulegen. Regulär wäre er bis 2024 im Amt geblieben.

"Das lässt einen nicht mehr los"

Am Anfang sei ihm nicht klar gewesen, wie schwierig die Aufgaben waren und welche Widerstände er überwinden musste, erzählte Rörig unlängst. Aber er habe immer frei agieren können. Von Beginn an sei es ihm wichtig gewesen, Betroffene in seine Arbeit einzubeziehen. Die Biografien der Opfer von sexualisierter Gewalt hätten immer wieder aufs Neue schockiert. "Wenn man sich einmal mit dem beschäftigt hat, was Kindern und Jugendlichen an schrecklicher Gewalt angetan wurde, dann trifft einen das tief und lässt einen nicht mehr los."

Das spürten auch die Institutionen und Verbände, in denen Missbrauch passiert war. Rörig sorgte dafür, dass sie sich bewegen mussten, handelte Vereinbarungen zur Prävention aus und pochte immer wieder auf unabhängige Aufarbeitung. Er sorgte dafür, dass ein Betroffenenrat eingerichtet wurde und Betroffene sich an eine unabhängige Aufarbeitungskommission wenden konnten.

Auch auf Drängen Rörigs hin wurden in seiner Amtszeit mehrere Gesetze zur Strafbarkeit von Missbrauch verschärft. Der Bundestag setzte strafrechtliche Verjährungsfristen für Missbrauchstäter herauf und reformierte die Vorschriften so, dass die Strafrechtsbehörden bessere Möglichkeiten zur Nachverfolgung von Tätern haben. Im vergangenen Jahr verabschiedete das Parlament das neue Opferentschädigungsgesetz, das es Betroffenen von Missbrauch zumindest etwas erleichtert, Unterstützung zu erhalten.

Kritik und Gesetzesverschärfungen

Mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz handelte Rörig vor zwei Jahren eine Gemeinsame Erklärung aus, in der sich die 27 Bistümer zu einer unabhängigen Aufarbeitung verpflichten. Immer wieder äußerte er sich auch zu aktuellen Debatten. So kritisierte er den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki wegen dessen Umgang mit einem Aufarbeitungsgutachten und pochte auf Transparenz und Betroffenenbeteiligung.

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens über den Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising im vergangenen Januar sagte er, ihn verstöre der Pragmatismus, mit dem "sexueller Missbrauch wegverwaltet worden ist". Bei der Aufarbeitung gebe es eine "beschämende Halbherzigkeit".

Optimistisch bei Koalitionsvertrag

In seiner Mitteilung zum Abschied verwies Rörig nun auf das in seiner Amtszeit Erreichte. Er finde es enorm wichtig, dass es gelungen sei, auf Bundesebene 2015 den Betroffenenrat, 2016 die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und 2019 den Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt fest zu etablieren.

Rörig betonte auch, der Koalitionsvertrag der Bundesregierung stimme ihn optimistisch. Die Ampel-Koalition habe sich entschlossen, sein Amt gesetzlich zu verankern und eine regelmäßige Berichtspflicht an den Bundestag einzuführen. Zudem werde die von ihm eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission weitergeführt, "hoffentlich auf einem starken gesetzlichen Fundament". Für eine solche Stärkung hatte sich Rörig zuletzt in einem vor rund zwei Wochen veröffentlichten Positionspapier eingesetzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Februar 2022 um 10:00 Uhr.