Eine Pflegekraft betreut im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald einen Corona-Patienten (Archivbild). | dpa

Corona in Deutschland Intensivmediziner fordern sofortigen Lockdown

Stand: 15.03.2021 11:16 Uhr

Die Inzidenz steigt den fünften Tag in Folge - inzwischen liegt sie bei 82,9. Intensivmediziner warnen vor den Folgen für das Gesundheitssystem und fordern Konsequenzen: Um eine dritte Welle zu verhindern, müsse man zurück in den Lockdown.

Angesichts des anhaltenden Anstiegs der Corona-Zahlen fordern Deutschlands Intensivärztinnen und -ärzte eine sofortige Rückkehr in den Lockdown. Bei den Daten, die man derzeit sehe, und wegen der Durchsetzung der britischen Mutante plädiere man "sehr stark dafür", sofort wieder in einen Lockdown zu gehen, um eine starke dritte Welle zu verhindern, sagte der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, dem rbb. DIVI ist die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Karagiannidis sagte, er hoffe sehr, dass die Länder die beschlossene Notbremse eines Inzidenzwerts von 100 durchsetzen. Bund und Länder hatten eine Rückkehr in den Lockdown vereinbart, wenn in einer Region die Zahl der Neuinfektionen wieder die Marke von 100 je 100.000 Einwohner in sieben Tagen erreicht. "Ansonsten würden wir jetzt noch einmal 5000, 6000 Patienten auf der Intensivstation sehen", sagte Karagiannidis. Die Belastung für das Personal auf den Intensivstationen sei bis heute ohne Unterbrechung sehr hoch und steige nun wieder weiter.

Derzeit sind rund 2800 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Am Freitag hatte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bereits erklärt, dass in einigen Bundesländern wieder mehr Corona-Erkrankte auf Intensivstationen versorgt werden müssten.

Sieben-Tage-Inzidenz bei 82,9

Es ist der fünfte Tag in Folge, an dem die Sieben-Tage-Inzidenz deutlich steigt. Inzwischen liegt sie bei 82,9 und damit weit höher als am Vortag (79,1). Das geht aus den Zahlen des RKI hervor. Einen solchen Wert hatte es zuletzt am 3. Februar gegeben. Danach war die Inzidenz noch einige Zeit gesunken, ein Tiefstand wurde mit 56,8 am 19. Februar erreicht. Seither geht es mit dem Wert in der Tendenz wieder merklich aufwärts. Neben ansteckenderen Virusvarianten könnte das auch auf die kürzlich vollzogenen Lockerungen zurückzuführen sein.

Bald Inzidenz von 350?

Der bisherige Höchststand der Inzidenz war am 22. Dezember 2020 mit 197,6 erreicht worden. Die dritte Welle könnte nach einer Prognose des RKI weitaus schlimmer werden: Das Institut erwartet in der Woche nach Ostern höhere Neuinfektionszahlen als rund um Weihnachten. Die Inzidenz könnte dann bei 350 liegen, wie es im Lagebericht vom Freitagabend heißt. Demnach zeigt sich bei der Variante B.1.1.7 ein exponentiell ansteigender Trend der Sieben-Tage-Inzidenz seit der zweiten Kalenderwoche. Alle zwölf Tage habe sich diese verdoppelt.

Bestätigt wird der Hinweis auf eine dritte Welle von der Entwicklung der sogenannten Reproduktionszahl. Der im abendlichen Lagebericht des RKI angegebene bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag in den vergangenen zwei Wochen (seit 1. März) nur fünf Mal unter eins und vor allem in den vergangenen Tagen deutlich darüber. Das Sieben-Tage-R vom Sonntagabend lag laut RKI-Lagebericht bei 1,19 (Vortag 1,19). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 119 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor acht bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter eins, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

6604 Neuinfektionen

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 6604 Corona-Neuinfektionen - 1593 mehr als vor einer Woche. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 47 weitere Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren dem RKI binnen eines Tages 5011 Neuinfektionen und 34 Todesfälle gemeldet worden.

Experten nehmen an, dass die Covid-19-Impfungen von Menschen höherer Altersgruppen bereits positive Auswirkungen auf die Todeszahlen haben. Der Höchststand von 1244 neu gemeldeten Todesfällen war am 14. Januar erreicht worden. Bei den binnen 24 Stunden registrierten Neuinfektionen war mit 33.777 am 18. Dezember der höchste Wert erreicht worden - er enthielt jedoch 3500 Nachmeldungen.

Die am stärksten von Corona betroffenen Landkreise liegen in Thüringen: In Greiz beträgt die Inzidenz 492,8, in Schmalkalden-Meiningen 313,8. Die niedrigsten Inzidenzwerte verzeichnen die Landkreise Cochem-Zell (14,7) und Kaiserslautern (15,1) in Rheinland-Pfalz.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie rund 2,5 Millionen nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 73.418.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. März 2021 um 09:00 Uhr.