Polizisten überwachen die Einhaltung der Corona-Regeln im Englischen Garten in München | dpa

9762 Neuinfektionen Die Kurve zeigt weiter leicht nach oben

Stand: 27.02.2021 08:41 Uhr

9762 Neuinfektionen hat das RKI verzeichnet - fast 600 mehr als vor einer Woche. Auch die Sieben-Tage-Inzidenz stieg leicht auf nun 63,8. Experten warnen: Auch moderate Lockerungen treiben die Zahlen weiter nach oben.

Trotz Dauer-Lockdowns verharren die Corona-Neuinfektionen nun schon seit Längerem auf ähnlich hohem Niveau: Die Gesundheitsämter haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 9762 Neuinfektionen gemeldet - und damit 598 mehr als vor einer Woche. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 369 neue Todesfälle verzeichnet. Letzten Samstag hatte das RKI binnen eines Tages 9164 Neuinfektionen und 490 neue Todesfälle verzeichnet.

Sieben-Tage-Inzidenz bei 63,8

Auch die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, die Sieben-Tage-Inzidenz, liegt laut RKI heute bundesweit bei 63,8 und damit etwas höher als am Vortag (62,6). Vor vier Wochen, am 30. Januar, hatte die Inzidenz noch bei 90,9 gelegen. Ihr bisheriger Höchststand war am 22. Dezember mit 197,6 erreicht worden. Der Höchststand von 1244 neu gemeldeten Todesfällen war am 14. Januar erreicht worden. Die Daten geben den Stand des RKI-Dashboards von 05.14 Uhr wieder, nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen sind möglich.

Die Zahl der neuen Ansteckungen in Deutschland war im Januar und Februar über Wochen deutlich zurückgegangen, was auch die Debatte um Lockerungen befeuert hatte. Zuletzt stagnierte sie allerdings, was auch an der Verbreitung ansteckenderer Varianten liegen könnte. RKI-Präsident Lothar Wieler sprach bei seiner wöchentlichen Pressekonferenz von deutlichen Signalen einer Trendumkehr zum Schlechteren. "Wir müssen alle Maßnahmen weiter konsequent umsetzten, ansonsten steuern wir in eine dritte Welle hinein", mahnte er.

Experte rechnet mit starkem Anstieg der Infektionen

Auch andere Experten rechnen damit, dass die Infektionszahlen weiter ansteigen werden. "Ich gehe davon aus, dass wir wieder Zustände wie kurz vor Weihnachten bekommen werden", sagte Pharmazie-Professor Thorsten Lehr der Nachrichtenagentur dpa. Er hat an der Universität des Saarlandes den "Covid-Simulator" entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert.

Lehr rechnet damit damit, dass in der erste Aprilhälfte wieder Sieben-Tage-Inzidenzen um 200 erreicht werden könnten. Zwei Entwicklungen seien für den erneuten Anstieg der Corona-Zahlen verantwortlich. Zum einen sei die britische Mutante, die wohl um die 35 Prozent ansteckender sei, in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. "Sie wird auch hier die Oberhand gewinnen und weiter ansteigen bis in den 90-plus-Bereich." Zum anderen sehe er seit Mitte Februar wieder mehr Kontakte, die zu höheren Zahlen geführt hätten. "Ich befürchte, das hat ein bisschen was mit einer Lockdown-Müdigkeit zu tun. Und auch vielleicht mit einem Wiederanlaufen des normalen Lebens in gewissen Bereichen."

Moderate Lockerungen - und zu wenige Impfungen

Nun stehen Öffnungen bevor - wie die der Friseure und anderer Betriebe ab dem 1. März oder weiterer Schritte ab dem 8. März. "Auch wenn die Lockerungen moderat sind, werden sie sich auswirken." Lehr geht davon aus, dass es nach dem 7. März rund 20 Prozent mehr Kontakte gebe. "Und dann werden wir sehen, dass die Kombination aus Lockerungen mit der Mutante, die dann voll da ist, zu einem relativ starken Anstieg führt." Hinzu komme, dass die Wirkung der Impfungen momentan noch kaum zu sehen sei. Das liege daran, dass über 95 Prozent noch nicht geimpft seien. Effekte sehe man erst, wenn man 30 Prozent der Bevölkerung geimpft habe. "Bei einem optimistischen Szenario würde ich erwarten, dass wir das vielleicht im Juni geschafft haben."

Ohne jeglichen Lockerungsschritt würde Anfang April die 100er-Inzidenz erreicht. Die vor ein paar Wochen noch angestrebte Inzidenz von 35 sei inzwischen in weite Ferne gerückt.

Lehr ist nicht der einzige, der angesichts der Virus-Mutationen vor steigenden Infektionszahlen warnt. Die Virologin Melanie Brinkmann sagte vor Wochen im "Spiegel": "Wir kriegen niemals genügend Menschen geimpft, bevor die Mutanten durchschlagen." Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek sagte im NDR-Podcast: "Wenn man jetzt lockern und dem Virus den freien Lauf lassen würde, würde es sicherlich zu einer dritten Welle kommen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Februar 2021 um 09:20 Uhr.