Lothar Wieler | AFP

RKI-Chef Wieler zur Corona-Lage "Die Situation ist sehr ernst"

Stand: 22.10.2020 13:01 Uhr

Ein Rekordwert an Neuinfektionen und immer mehr Fälle, deren Ursprung nicht ermittelt werden kann - das Geschehen sei dynamisch, sagt RKI-Chef Wieler. Für einen Strategiewechsel im Kampf gegen das Coronavirus gebe es aber keinen Grund.

Vor dem Hintergrund eines starken Anstiegs der Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, die Corona-Situation in Deutschland als "sehr ernst" bezeichnet.

"Wir sind nicht machtlos", sagte er mit Blick auf das Verhalten aller Bürger. "Derzeit haben wir noch die Chance, die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen." Voraussetzung dafür sei aber die konsequente Einhaltung der Hygieneregeln. Es müssten sich mehr Menschen an die sogenannte AHA+L-Regel halten.

Insgesamt plädierte Wieler für mehr Einheitlichkeit bei den Maßnahmen. So sei es Wieler zufolge sinnvoll, eine Obergrenze für die Teilnahme an Zusammenkünften zu definieren. Wieler sprach sich zudem für eine umfangreiche Maskenpflicht in Deutschland aus. Sie sollten insbesondere in geschlossenen Räumen getragen werden sowie dort, wo Menschen zusammenkommen.

Corona-Ausbrüche vor allem im privaten Umfeld

Trotz Maßnahmen müsse damit gerechnet werden, dass sich das Virus in einigen Regionen stark und auch "unkontrolliert" ausbreiten könne, sagte Wieler. Der RKI-Präsident wies darauf hin, dass im Vergleich zur ersten Welle der Pandemie derzeit die Ausbreitung des Virus in privaten Haushalten deutlich zunehme. Ursache sei, dass sich Menschen vor allem bei privaten Begegnungen ansteckten und das Virus mit nach Hause brächten.

Dies gelte es, mit Einhaltung der Hygieneregeln zu verhindern. Ansteckungen im öffentlichen Nahverkehr oder auch in Hotels sowie an Schulen und in Kindergärten seien dagegen eher seltener. Klar sei aber auch, dass bei weiter steigenden Fallzahlen zum Beispiel mehr Schulen betroffen sein würden.

Die Fallzahlen stiegen seit Anfang September und auch "immer schneller". Es sei ein "drastisches, sehr dynamisches Geschehen", so Wieler. Insgesamt seien in den vergangenen sieben Tagen drei Mal so viele Fälle wie noch vor zwei Wochen gemeldet worden. Momentan seien noch immer eher jüngere Menschen betroffen. Es gebe deshalb mehr leichte Erkrankungen. Es steige aber auch der Anteil bei älteren Menschen. Allerdings könnten alte Menschen nicht auf Dauer völlig isoliert werden, mahnte Wieler.

Wieler: Keine Veranlassung für Strategiewechsel

Auch die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern wachse. Derzeit müssten 943 Menschen intensivmedizinisch behandelt werden. Dies seien doppelt so viele wie noch vor zwei Wochen.

Dass die Todesfälle im Frühjahr höher lagen als jetzt im Herbst erklärte der RKI-Chef damit, dass Deutschland am Anfang der Pandemie von der Geschwindigkeit der Ausbreitung bis zu einem gewissen Grad überrascht worden sei. Der Schutz der Risikogruppen wie alte oder kranke Menschen sei noch nicht so gut gewesen. Inzwischen würden Altenheime oder Krankenhäuser besser geschützt.

Wieler erklärte, er sehe derzeit keine Veranlassung, die von Deutschland gefahrene Strategie im Kampf gegen das Coronavirus zu ändern. Eindämmung, Schutz und Milderung seien die drei Pfeiler für ein erfolgreiches Vorgehen in der Pandemie, so der RKI-Präsident. Diese Strategie habe Deutschland von Anbeginn gefahren. Es sei daher nicht ausgemacht, dass man in absehbarer Zeit dort stehe, wo etwa Belgien oder die Niederlande heute seien.

Mehr als 11.000 Neuinfektionen

Am Morgen hatte das RKI einen neuen Höchstwert bei den Corona-Neuinfektionen gemeldet. Nach Angaben der Gesundheitsämter sind binnen 24 Stunden 11.287 Fälle gemeldet worden. Der bisherige Höchstwert seit Beginn der Pandemie in Deutschland war am Samstag mit 7830 Neuinfektionen erreicht worden.

Appell an die Gesundheitsämter

Der RKI-Chef lobte die Mitarbeiter der Gesundheitsämter. "Sie leisten großartige Arbeit - machen Sie weiter so!" Gleichzeitig appellierte Wieler an die dort Beschäftigten, trotz der derzeitigen teilweisen Überforderung durchzuhalten. Die Überforderungen einiger Gesundheitsämter seien "ernst und besorgniserregend". Aber man müsse jede Anstrengung auch unter diesen Umständen aufrechterhalten und dürfe nicht aufgeben, sondern weitermachen "nach bestem Wissen und Gewissen".

Wieler wies darauf hin, dass in mehreren anderen Ländern schon vor einigen Monaten die Kontaktnachvollziehung mit entsprechenden Folgen eingestellt worden sei, weil sie es nicht mehr geschafft hätten - etwa Schweden und Großbritannien.

Überforderung in mehreren Kreisen und Städten

Einige Städte und Kreise sind nach RKI-Angaben derzeit damit überfordert, den vorgeschriebenen Infektionsschutz in der Pandemie vollständig zu gewährleisten. Die Engpässe umfassten etwa die Ermittlung von Fällen und die Nachverfolgung von Kontaktpersonen.

Höchststände bei den Corona-Infektionen in mehreren Regionen Deutschlands haben inzwischen zu neuen, teils massiven Einschränkungen für Bürgerinnen und Bürger geführt. Im am schlimmsten betroffenen Kreis Berchtesgadener Land in Bayern dürfen die Menschen die Wohnung nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Schulen, Kitas, Freizeiteinrichtungen und Restaurants müssen geschlossen bleiben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.