Eine Intensivfachpflegerin betreut einen Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation in Berlin. | dpa

Intensivmediziner zu Corona DIVI-Präsident warnt vor zu frühen Lockerungen

Stand: 04.02.2022 07:16 Uhr

Während einige Länder die Corona-Maßnahmen bereits deutlich gelockert haben, bleibt der Bund zurückhaltend. DIVI-Präsident Marx hält das für richtig. Die Infektionszahlen in Deutschland erreichen einen neuen Höchstwert.

Intensivmediziner befürchten bei vorschnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen eine "Achterbahnfahrt mit erneut steigenden Infektionszahlen". Die von einigen Bundesländern angekündigten Lockerungen kämen zu früh, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die aktuellen Maßnahmen hätten dazu geführt, dass sich die Omikron-Welle in Deutschland langsamer und nicht so steil entwickle wie in anderen Ländern, dieser Erfolg dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Der Aachener Medizinprofessor nannte es zwar vernünftig, vorausschauend über die Aufweichung oder Rücknahme von Maßnahmen zu diskutieren. "Konkrete Lockerungen dürfen aber erst beschlossen werden, wenn der Höhepunkt der Omikron-Welle hinter uns liegt", forderte der DIVI-Präsident. Bund und Länder sollten damit warten, bis die Infektionszahlen stabil über mehrere Tage zurückgehen.

Erneuter Höchstwert bei Neuinfektionen

Noch steigen die Zahlen in Deutschland weiter an: Die binnen eines Tages ans Robert Koch-Institut (RKI) übermittelten Corona-Neuinfektionen erreichten erneut einen Höchststand. Die Gesundheitsämter meldeten nach RKI-Angaben am Morgen 248.838 Fälle in 24 Stunden. Vor einer Woche waren es 190.148 erfasste Neuinfektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI am Morgen mit 1349,5 an - das ist ebenfalls ein Höchststand. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 1283,2 gelegen. Vor einer Woche lag die bundesweite Inzidenz bei 1073,0 (Vormonat: 239,9).

Experten gehen von einer hohen und weiter steigenden Zahl von Fällen aus, die in den RKI-Daten nicht erfasst sind, unter anderem, weil Testkapazitäten und Gesundheitsämter vielerorts am Limit sind. Zudem melden einige Städte und Kreise seit Tagen Probleme bei der Übermittlung der Corona-Fallzahlen. Daher werden viele Fälle erst später gemeldet.

170 neue Todesfälle

Deutschlandweit wurden nach den neuen Angaben binnen 24 Stunden 170 Todesfälle verzeichnet, genau so viel wie vor einer Woche. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg dadurch auf 118.504. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 10.671.602 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die Zahl der Genesenen gab das RKI am Morgen mit 7.953.200 an. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken gekommenen Corona-infizierten Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI gestern mit 5,00 an (Mittwoch: 4,77). Darunter können auch Menschen mit positivem Corona-Test sein, die eine andere Haupterkrankung haben.

Schutzmaßnahmen könnten Mitte März auslaufen

Während der DIVI-Präsident vor zu frühen Lockerungen warnt, hält die SPD es für möglich, dass die Corona-Maßnahmen im März komplett wegfallen könnten. "Wir werden uns in den nächsten Wochen in aller Ruhe anschauen, ob eine Verlängerung der Corona-Schutzmaßnahmen über den 19. März hinaus überhaupt notwendig ist", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, der "Welt".

Wenn Mitte Februar tatsächlich ein Rückgang der Omikron-Variante festgestellt werde, stelle sich die Frage, ob es die Einschränkungen in den Frühjahrs- und Sommermonaten überhaupt noch brauche. Fechner hält es für wahrscheinlicher, dass man "erst mit Blick auf den nächsten Herbst noch einmal über solche Schutzmaßnahmen" rede.

Das Infektionsschutzgesetz wurde zuletzt im Dezember durch Bundestag und Bundesrat geändert. Es ermöglicht Bund und Ländern, eine Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu ergreifen, darunter Maskenpflicht oder Abstandsgebote. Die Maßnahmen sind aktuell bis zum 19. März befristet, könnten aber einmalig um bis zu drei Monate durch den Bundestag verlängert werden.

"Voraussetzungen für Lockerungen nicht gegeben"

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge, forderte die Bundesregierung auf, "im Februar einen Plan für Öffnungen auf den Weg" bringen solle. Sorge sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Andere Länder zeigen uns, man kann sehr wohl lockern, ohne gleich in Leichtsinn zu verfallen. Es muss stufenweise Öffnungsschritte geben, die für alle Bürgerinnen und Bürger verständlich sind." Die Öffnungsschritte sollten sich an der Krankenhaus-Auslastung und anderen Faktoren orientieren.

Die Grünen-Bundestagsfraktion mahnte hingegen zu Vorsicht. "Auf bestimmte Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch eine Reduzierung der Kontakte werden wir jetzt nicht verzichten können", sagte Fraktionschefin Britta Haßelmann der "Welt". Die Omikron-Welle habe ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Auch wenn die Krankheitsverläufe weniger schwer seien, führten sie in großer Zahl zu einer spürbaren Belastung der Kliniken.

Über die Verbreitung des Subtyps BA.2 wisse man noch zu wenig, die Impflücke sei zu groß. "Daher sind Voraussetzungen für Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben." Bei einer Entspannung der Infektionslage werde man darauf reagieren. "Dann wird es um Öffnungsschritte und Stufenmodelle gehen, damit Branchen wie die Kultur oder der Einzelhandel Planungssicherheit haben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Februar 2022 um 07:00 Uhr.