Corona-Test in einem Brandenburger Seniorenzentrum | dpa

Corona in Deutschland Inzidenz steigt erstmals über 300

Stand: 15.11.2021 11:59 Uhr

Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland bei einem Wert von über 300. Zudem verzeichnet das RKI 43 weitere Todesfälle. Ärztefunktionäre geben der Politik eine Mitschuld an der Situation.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist erneut gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche mit 303,0 an - damit liegt die Inzidenz im Land erstmals über einem Wert von 300. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 289,0 gelegen, vor einer Woche bei 201,1 (Vormonat: 68,7).

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 23.607 Corona-Neuinfektionen. Am vergangenem Donnerstag hatte die Zahl der Neuinfektionen mit 50.196 einen Rekordwert seit Beginn der Pandemie erreicht. Vor genau einer Woche hatte der Wert bei 15.513 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 43 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 33 Todesfälle gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 5.045.076 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Mehr als 97.000 Corona-Tote seit Pandemie-Beginn

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen - den für eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen wichtigsten Parameter - hatte das RKI am Freitag mit 4,70 angegeben (Donnerstag: 4,65). Der Wert wird am Wochenende nicht veröffentlicht.

Bei dem Indikator muss berücksichtigt werden, dass Krankenhausaufnahmen teils mit Verzug gemeldet werden. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 4.494.300 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 97.715.

Hotspot ist Sachsen

Der Corona-Hotspot in Deutschland bleibt mit großem Abstand Sachsen. Das Robert Koch-Institut ermittelte heute eine Sieben-Tage-Inzidenz von 754,3. Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche bei 670,9 gelegen. Dem RKI wurden binnen 24 Stunden im Freistaat 4502 Neuinfektionen gemeldet. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge lag der Wert am Sonntagmorgen bei 1303,1. Er ist damit der Landkreis mit der höchsten bundesweiten Inzidenz.

Die Zahl der Menschen, die mit einer Covid-19-Erkrankung in einer Klinik auf Normalstation behandelt werden müssen, beträgt laut sächsischem Sozialministerium 1.281. Damit ist Sachsen kurz vor der Überlastungsstufe. 319 Patientinnen und Patienten sind so schwer an Covid-19 erkrankt, dass sie auf einer Intensivstation betreut werden müssen. Die Sieben-Tage-Inzidenz Hospitalisierungen im Freistaat liegt bei 6,98. Es gilt weiterhin die sogenannte Vorwarnstufe.

Montgomery gibt Politikern Mitschuld an Situation

Angesichts der hohen Infektionszahlen machen Ärztefunktionäre den verantwortlichen Politikern schwere Vorwürfe und geben ihnen eine Mitschuld. Sie hätten "in Worten und Handeln an vielen Stellen versagt", sagte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, der "Rheinischen Post". "Zu spät, zu halbherzig, zu unterschiedlich waren die Maßnahmen gegen das tödliche Virus. Zur Kakophonie der Ministerpräsidenten gesellte sich das parteipolitische Freiheitsgesäusel, das einen völlig falschen Freiheitsbegriff versprach."

Montgomery fügte hinzu: "Wer apodiktisch sagt 'Keine Impfpflicht und nie wieder Lockdown', der hat die Epidemiologie des Virus nicht verstanden und spielt ihm in die Hände." Zudem forderte er, den Druck auf Ungeimpfte deutlich zu erhöhen. "Eine Impfpflicht überall dort, wo Menschen eine Garantenstellung gegenüber Schutzbefohlenen haben, also im Altenheim, im Krankenhaus oder in der Schule. Wer das nicht will, kann dort nicht arbeiten."

"Wir hätten viel besser vorbereitet sein können"

Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, kritisierte ebenfalls politische Versäumnisse: "Wir hätten viel besser vorbereitet sein können. Es hat ja an Warnungen aus der Wissenschaft nicht gefehlt." Bereits Mitte Juli habe eine Wissenschaftlergruppe der Technischen Universität Berlin ein exponentielles Wachstum der Infektionen im Herbst vorhergesagt, dies sei aber weitgehend ignoriert worden.

"Alle, die in dieser Zeit und im Spätsommer vor einer Verschärfung der Lage gewarnt haben, wurden nicht ernst genommen, Warnungen wurden als Panikmache abgetan. Dringliche Hinweise wurden inmitten des Wahlkampfs überhört, weil sie offensichtlich politisch unerwünscht waren. Stattdessen gab es Diskussionen darüber, ob nicht bald ein 'Freedom Day' ausgerufen werden könne", kritisierte Johna. Auf Freiheitsrechte gepocht hatte besonders die FDP, es waren aber auch einige Unions- und selbst Grünen-Politiker - sowie etwa Kassenärzte-Chef Andreas Gassen.

Mit Blick auf die bevorstehende Ministerpräsidentenkonferenz sagte Johna: "Das Treffen am Donnerstag kommt spät, aber immerhin gibt es jetzt die Chance, einheitliche Maßnahmen zu ergreifen, die dem aktuellen Geschehen gerecht werden." Es sei "falsch, möglicherweise notwendige Instrumente von vornherein auszuschließen".

Über dieses Thema berichtete am 15. November 2021 die tagesschau um 04:56 Uhr sowie BR24 um 09:15 Uhr in den Nachrichten.