Analyse eines PCR-Tests im Labor | dpa

Corona-Infektionslage Die Inzidenz sinkt, aber was heißt das wirklich?

Stand: 01.12.2021 18:06 Uhr

Zwei Tage in Folge ist die Inzidenz zurückgegangen. Doch die Werte können trügen, denn viele Ämter kommen mit der Bearbeitung von Corona-Fällen kaum noch hinterher. Aus den Kliniken heißt es, von Entwarnung könne "keine Rede" sein.

Vorsichtige Hoffnung kommt auf - angesichts der Meldungen des Robert Koch-Instituts: Die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz beträgt 442,9 - der zweite Rückgang in Folge. Am Montag war ein Höchstwert von 452,4 erreicht worden, am Dienstag hatte der Wert leicht darunter bei 452,2 gelegen. Auch der Sieben-Tage-R-Wert - eine Art Ansteckungsindikator - ist mit 0,89 momentan vergleichsweise niedrig. Ein R-Wert von 0,89 bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 89 weitere Menschen anstecken.

Doch Experten warnen vor zu viel Optimismus, denn die Werte könnten trügen. Es muss mit eingerechnet werden, dass die hohe Zahl positiver Corona-Nachweise das Erfassungs- und Meldesystem überfordern könnten. Es ist also unklar, ob Inzidenz und R-Wert noch den tatsächlichen Infektionstrend widerspiegeln. Ein Grund für die Skepsis: Sowohl Gesundheitsämter als auch Testlabore arbeiten teils am Limit.

Verbandschefin der Amtsärzte befürchtet Untererfassung

So kommen derzeit offenbar viele Gesundheitsämter beim Bearbeiten von positiven Corona-Nachweisen nicht mehr hinterher. "Ich gehe davon aus, dass die gemeldeten Zahlen nur ein Teil der positiven Nachweise sind", sagte die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert, der Nachrichtenagentur dpa. Die Gesundheitsämter können demnach - mit regionalen Unterschieden - eingehende Meldungen von Corona-Fällen nicht mehr zeitnah weitergeben, eine Untererfassung sei die Folge. Das stellt die Aussagekraft der aktuellen Sieben-Tage-Inzidenzen infrage.

Die Gesundheitsämter bräuchten mehr Personal angesichts der hohen Infektionszahlen, sagte Teichert. "Da muss jetzt etwas passieren. Ich sage das ja schon lange, aber jetzt ist es an der Zeit, dass noch mal deutlich zu wiederholen." Auch die Kontaktnachverfolgung und das Anordnen von Quarantäne seien derzeit stark eingeschränkt.

Testlabore "an den Grenzen des Leistbaren"

Auch die Testlabore arbeiten am Limit. Der Verband Akkreditierter Labore in der Medizin (ALM) warnte davor, dass Labore in manchen Regionen "schlichtweg an den Grenzen des Leistbaren" seien, was das Auswerten von Corona-Tests angeht. Dazu gehörten Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen. "Die Gefahr besteht, dass bei einer Auslastung nahe oder regional oberhalb der Maximalgrenze schon bei kleineren Ausfällen von Personal oder Geräten die Befundlaufzeiten auf mehrere Tage steigen, was es unbedingt zu vermeiden gilt", sagte Evangelos Kotsopoulos vom ALM-Vorstand. Laut ALM decken die Testkapazitäten zwar den medizinischen Bedarf ab, aber es dürfe keinen "Verbrauch für nachrangige Fragestellungen" geben.

Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, betonte auf tagesschau24 die aktuelle Problematik einer "Laborauslastung jenseits der 80 Prozent", bei der die Proben nicht mehr zeitnah vermessen werden könnten. Hier sei es wichtig, auch auf die Test-Positivrate zu schauen, so Lehr. "Die ist momentan beängstigend hoch bei circa 20 Prozent. Das heißt, jeder vierte bis fünfte PCR-Test ist positiv", erklärt Lehr. Im Sommer habe die Rate noch bei unter einem Prozent gelegen. "Das deutet auf eine hohe Dunkelziffer bei den Infektionen hin und auch letztlich auf eine Entgleisung der Pandemie", so der Professor für Klinische Pharmazie.

RKI verweist auf Wochenbericht

Das RKI kommentierte die aktuellen Inzidenz-Werte zunächst nicht und verwies auf seinen Wochenbericht, der am Donnerstagabend veröffentlicht werden soll. Auffällig ist aber, dass die gemeldeten Inzidenzen im Vergleich zum Vortag in fast allen Bundesländern gesunken sind - und nicht nur in einigen schwer betroffenen. Die Zahl der Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner unterscheidet sich zwischen den Ländern stark: So stand Sachsen am Mittwoch laut RKI-Zahlen bei 1209,4, Schleswig-Holstein bei 153,1.

Kliniken: "Von Entwarnung kann nicht die Rede sein"

Auch die Lage in den Kliniken bereitet Sorge. "Von einer Entwarnung kann nicht die Rede sein", sagte Gerald Gaß, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), der dpa. "Unsere eigenen Belegungszahlen zeigen immer noch eine zunehmende Zahl von positiv getesteten Patienten auf den Normal- und Intensivstationen. In dieser Woche befinden sich 16 Prozent mehr Covid-Patienten in den Krankenhäusern als in der Vorwoche und diese Entwicklung verzeichnen wir so seit rund zwei Monaten." In der aktuellen Lage komme es sowohl bei den Kliniken wie auch bei den Gesundheitsämtern zu Melde-Verzögerungen.

Zum Hintergrund: Die tagesaktuellen RKI-Zahlen zur Hospitalisierungsinzidenz - also Klinikeinweisungen pro 100.000 Einwohner und Woche - waren zwischenzeitlich gefallen. Auf den Intensivstationen steigt die Zahl der behandelten Covid-Patienten weiter steil an. Sie hat sich bei den Erwachsenen innerhalb eines Monats mehr als verdoppelt, auf mehr als 4600. Der Rekordwert wurde am Höhepunkt der zweiten Welle Anfang 2021 mit mehr als 5700 erreicht.

Zahl der Toten auf höchstem Stand seit Februar

Zudem wurde zeitgleich zur sinkenden Inzidenz noch ein weiterer beunruhigender Wert verzeichnet: Die Zahl der binnen eines Tages gemeldeten Todesfälle hat den höchsten Stand seit neun Monaten erreicht. Die Gesundheitsämter übermittelten dem RKI binnen 24 Stunden 446 Fälle von Infizierten, die gestorben sind. Ein höherer Wert wurde zuletzt mit 490 am 20. Februar erreicht. Dabei ist zu bedenken, dass sich die Zahl der Todesfälle verzögert zur Zahl der Neuinfektionen entwickelt, da zwischen Infektion und Tod einige Zeit vergeht. Es dürften also in den kommenden Tagen noch höhere Werte erreicht werden.

Momentan ist die Zahl der täglich übermittelten Corona-Toten noch weniger als halb so groß wie zum Höhepunkt der zweiten Corona-Welle Ende vergangenen Jahres - und das, obwohl es momentan wesentlich mehr Ansteckungen gibt als damals. Experten führen das auf den positiven Effekt der Impfung zurück, die wirksam vor schweren Krankheitsverläufen schützt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Dezember 2021 um 17:00 Uhr.