Angela Merkel | KENZO TRIBOUILLARD/POOL/EPA-EFE/

Merkel appelliert an Bürger "Bitte bleiben Sie zu Hause"

Stand: 17.10.2020 11:48 Uhr

Die Corona-Neuinfektionen erreichen in Deutschland mit 7830 den dritten Tag in Folge einen Höchstwert. Bundeskanzlerin Merkel spricht von einer "sehr ernsten Phase" und bittet um die Einschränkung von Kontakten und Reisen.

Angesichts weiter steigender Corona-Infektionszahlen in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen dringenden Appell an die Bürger gerichtet. In ihrem wöchentlichen Podcast rief sie dazu auf, die Zahl der Kontakte außerhalb der Familie zu begrenzen und das Reiseverhalten deutlich einzuschränken. "Ich bitte Sie: Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist, auf jede Feier, die nicht wirklich zwingend notwendig ist. Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort."

Deutschland befinde sich in einer "sehr ernsten Phase der Corona-Pandemie", so Merkel weiter. Die Ausbreitung des Coronavirus sei "schneller noch als zu Beginn vor mehr als einem halben Jahr". Nun zähle jeder Tag. In dieser Situation reiche es nicht mehr aus, Abstand zu halten und Maske zu tragen. "Wir müssen jetzt noch weiter gehen. Die Wissenschaft sagt uns klar: Die Ausbreitung des Virus hängt direkt an der Zahl der Kontakte, der Begegnungen, die jeder von uns hat."

Rücksicht und Vernunft als "wirksamste Mittel"

Deutschland sei bisher vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen, weil die Menschen zusammenhalten und die Regeln aus Rücksicht und Vernunft befolgt hätten. "Das ist das wirksamste Mittel, das wir zurzeit gegen die Pandemie haben. Jetzt ist es nötiger denn je." Der vergleichsweise entspannte Sommer sei vorbei. Es stünden schwierige Monate bevor. Wie der Winter verlaufe, entscheide sich in den kommenden Tagen und Wochen. "Das entscheiden wir alle durch unser Handeln", mahnte Merkel.

Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, müssten die Kontaktpersonen jedes infizierten Menschen benachrichtigt werden, um die Ansteckungsketten zu unterbrechen. Die Gesundheitsämter leisteten zwar "Großartiges", aber wo die Zahl der Infizierten zu hoch werde, kämen sie nicht mehr hinterher.

Kanzleramt sieht Bedarf für mehr Helfer

Die Sorge um die Kapazitäten zur Nachverfolgung von Infektionsketten treibt auch Kanzleramtschef Helge Braun um. Er kündigte an, mehr Helfer zur Unterstützung der Kommunen bei der Kontaktnachverfolgung zu mobilisieren. Neben dem Bundeswehrkontingent von bis zu 15.000 Soldaten schaue man auch, ob es weitere Personalreserven in der Bundesregierung und nachgeordneten Behörden gebe, sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post". Er habe zudem die Hoffnung, zur Kontaktnachverfolgung auch eine größere Zahl von Studierenden zu gewinnen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder warnte sogar vor einem Versagen der Kontaktnachverfolgung. "Wir stehen kurz vor einem Kontrollverlust in einigen Regionen in Deutschland", sagte der CSU-Chef der "Passauer Neuen Presse". Das sei "hochgefährlich". Wenn keine Nachverfolgung der Infektionen mehr möglich sei, so wie in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Tschechien, müsse man die Kontakte generell begrenzen, erklärte Söder. "Das geht nur mit einem Lockdown oder ähnlichen strikten Maßnahmen."

Brinkhaus fordert einheitliches Vorgehen

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus forderte bei den Maßnahmen gegen die steigenden Corona-Infektionszahlen eine bundeseinheitliche Linie. Alles andere rufe momentan "nicht nur große Irritation in der Bevölkerung hervor - es behindert ein konsequentes, gebündeltes Vorgehen gegen Corona", schrieb der CDU-Politiker in einem der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Brief an die Abgeordneten von CDU und CSU.

Außerdem solle das Parlament stärker eingebunden werden, verlangte Brinkhaus. Der Bundestag sei "genau der richtige Ort, um die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung öffentlich zu diskutieren und auch über den Nachsteuerungsbedarf zu sprechen". Um den Rückhalt in der Bevölkerung zu stärken, müsse für mehr Transparenz gesorgt werden, erklärte der Fraktionschef der Union.

RKI meldet 7830 Neuinfektionen

Das Robert-Koch-Institut hatte zuvor mit 7830 neuen Infektionen den dritten Tag in Folge einen Rekordwert gemeldet. Das sind rund 500 mehr als gestern und so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Am vergangenen Samstag hatte der Wert noch bei 4721 gelegen. Weitere 33 Menschen seien an oder mit dem Virus gestorben. Damit starben inzwischen in Deutschland 9767 Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.