Ein Feuerwehrauto fährt durch eine Rettungsgasse. | Bildquelle: picture alliance / Jan Woitas/dp

Rettungsgasse richtig bilden Zentimeter, die Leben retten

Stand: 17.07.2018 14:09 Uhr

Ein Kind stirbt, weil die Sanitäter auf der Autobahn nicht vorankommen. Ein Alptraum für jeden Ersthelfer - und oft Realität. Denn immer wieder wird die Rettungsgasse bei Stau nicht richtig gebildet.

Von Jan-Peter Bartels, HR

Ein paar Zentimeter. Jahrelanges Training, ständige Bereitschaft - und dann hängt alles an ein paar Zentimetern. Christopher Schmelzer schüttelt den Kopf. Die Unsicherheit ist seit diesem Tag sein Begleiter. Der Einsatz begann damals wie immer: grelles Licht in der Wache, ein kurzer Alarm ertönt. Eine dringende Fahrt. Das heißt: In weniger als 60 Sekunden losfahren, mit Blaulicht und Sirene, in weniger als zehn Minuten am Einsatzort sein, so ist es in Hessen Gesetz.

Dafür trainiert auch Schmelzer, wie jeder hier in der Rettungswache Idstein. Er ist mit Leib und Seele Rettungsassistent: "Menschen zu helfen, das ist für mich das Wichtigste. Ich bin nebenbei noch bei der Feuerwehr, damit bin ich aufgewachsen. Bei mir ging immer alles darum, den Leuten irgendwie zu helfen."

An diesem einen Tag ging es um einen Unfall auf der Autobahn. Das Auto einer Familie war eingeklemmt zwischen mehreren Lkw. Auf dem Weg zur Unfallstelle bekamen die Helfer im Rettungswagen über Funk erste Informationen. Ein zweijähriges Kind war schwer verletzt.

Bildung einer Rettungsgasse
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Sobald Fahrzeuge auf Autobahnen und Straßen außerorts mit mindestens zwei Fahrstreifen mit Schrittgeschwindigkeit fahren oder stehen, müssen alle sofort eine Rettungsgasse bilden - schon bevor Sirenen von Polizei oder Notarzt zu hören sind.

Aufregung und Unwissenheit

Schnelligkeit zählt in solchen Situationen - und, dass Autofahrer Platz machen für die Einsatzwagen, eine Rettungsgasse bilden. Laut Umfragen wissen viele allerdings nicht, wie sie sich bei einem Stau verhalten müssen. "Es wäre wirklich schön, wenn es immer so klappen würde", sagt Denise Hattenbach, Notfallsanitäterin und Kollegin von Schmelzer. "Aber, wenn die Leute das Blaulicht sehen, sind sie häufig auch aufgeregt, fast immer gibt es Probleme, teilweise fahren sie sogar wieder in die Rettungsgasse rein." Der gut gemeinte Spurwechsel in letzter Sekunde - ein Horrorszenario für die Sanitäter in dem schweren Rettungswagen mit seinem langen Bremsweg.

Kampagnen und Merkregeln ("Handregel") sollen das Verhalten der Autofahrer ändern. Bei manchen sei aber nicht Unwissenheit das Problem, sagt Meike Schäfer von der Autobahnpolizei Butzbach: "Es gibt auch Unbelehrbare." Schäfer ist mit ihrem Kollegen Dirk Bebler als Videostreife auf Hessens Autobahnen unterwegs. Mit einer Kamera auf dem Armaturenbrett filmen die beiden die Fahrt durch die Rettungsgasse. Anschließend bekommen viele Autofahrer Post.

Nach einem Unfall im Frühjahr dieses Jahres hat Schäfer fast 300 Anzeigen verschickt. Behinderung der Rettungsgasse, das kann teuer werden: 240 Euro Strafe, zwei Punkte, ein Monat Fahrverbot. Auf ihrem Rechner ist Beweismaterial gespeichert: Videos von Motorradfahrern, die die Rettungsgasse zum eigenen Vorankommen nutzen. Autofahrer, die mit hektischen Spurwechseln noch einen Vorteil zu bekommen versuchen oder einfach in der Fahrbahnmitte stehenbleiben.

"Natürlich gibt es viele, die noch nicht wissen, dass wir diese Aufnahmen machen können - auch nach hinten. Ich denke, wenn dann die ersten Bußgelder kommen, werden die sich das überlegen", sagt Schäfer.

Die Bedeutung der Rettungsgasse im Alltag von Rettungskräften
mittagsmagazin, 17.07.2018, Jan-Peter Bartels, HR

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Rettungsleute zu Fuß auf dem Weg zum Unfallort

Quälend festzustecken in der Rettungsgasse, nicht voranzukommen, während gleichzeitig möglicherweise ein Mensch stirbt: keine einfache Situation für Helfer wie Christopher Schmelzer und Denise Hattenbach. "Mein schlimmstes Erlebnis war, dass wirklich gar nichts mehr ging. Dass wir auch mit eingeklappten Spiegeln nicht weiterfahren konnten. Dann bin ich halt ausgestiegen und habe versucht, die Leute zu dirigieren.  Da kamen dann ein paar Zentimeter bei raus, aber es ist einfach stressig," erzählt Hattenbach. Manche Kollegen seien schon zu Fuß zu einer Unfallstelle gelaufen, kilometerweit, sagt Schmelzer, weil es einfach nicht mehr weiterging.

Ähnlich war es auch, als der Unfall mit dem zweijährigen Kind und den Lkw passierte. Als Schmelzer ankam, war das Kind tot. Bei ihm bleibt die Unsicherheit: "Für mich ist das das schlimmste Erlebnis, dass man nicht weiß: Wären wir fünf Minuten früher da gewesen, wäre eine Rettungsgasse gebildet worden, hätten wir vielleicht das Leben retten können? Das beengt einen natürlich: Man weiß, die brauchen dringend unsere Hilfe. Und wir sind wie an Ketten gelegt und kommen da nicht hin."

Gleichzeitig weiß er: Zu viel drüber nachdenken ist sinnlos, daran gehe man nur kaputt. "Aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen einfach präventiv eine Rettungsgasse bauen, sobald es sich staut. Dann erschreckt sich keiner, wenn der Rettungswagen kommt. Es gibt keine Hektik - und wir kommen besser durch." Menschenleben zu retten, das müsse nicht an einigen Zentimetern scheitern.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 17. Juli 2018 um 13:24 Uhr.

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