Mitarbeiterinnen der Trierer Tafel verteilen Obst und Gemüse Lebensmittel an Bedürftige | Bildquelle: picture alliance / dpa

Warnung vor Altersarmut Deutlich mehr Rentner bei Tafeln

Stand: 18.09.2019 13:39 Uhr

Immer mehr Menschen nutzen die Tafeln - vor allem bei Rentnern ist die Nachfrage nach gespendeten Lebensmitteln enorm gestiegen. Die Tafeln machen dafür die Altersarmut verantwortlich.

Die Zahl der Nutzer von Lebensmitteltafeln ist innerhalb des vergangenen Jahres um zehn Prozent auf rund 1,65 Millionen gestiegen. Insbesondere bei Senioren sei der Anstieg mit 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr "dramatisch", teilte der bundesweite Dachverband der Tafeln mit.

Er warnte vor einer weiteren Verschärfung des Problems und forderte einschneidende Gegenmaßnahmen. "Diese Entwicklung ist alarmierend."

Notwendig seien daher "tiefgreifende Reformen" und "verbindliche, ressortübergreifende Ziele" zur Armutsbekämpfung. Niedrige Rentenzahlungen seien nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, eine Tafel aufzusuchen, teilte er mit.

Jochen Brühl, | Bildquelle: imago/epd
galerie

Tafel-Chef Jochen Brühl: "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut."

Auch Kinder werden "vernachlässigt"

Aber auch die steigende Zahl von Nutzern im Kindes- und Jugendalter sei "völlig inakzeptabel". Ihr Anteil liege bei beinahe einem Drittel. In Deutschland würden Kinder "systematisch" vernachlässigt, das Bildungssystem sei eines der "undurchlässigsten" aller Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD.

Laut den Tafeln handelt es sich um den ersten flächendeckenden deutlichen Nutzeranstieg in Deutschland seit 2014. In den Jahren dazwischen war die Entwicklung regional unterschiedlich verlaufen.

In bestimmten Gegenden nahm die Zahl der Nutzer bedingt durch den Zuzug von Flüchtlingen 2015 und 2016 zu, in anderen ging sie in dem Zeitraum allerdings zurück.

Die Zahl der Tafeln blieb demnach in den vergangenen zwölf Monaten mit knapp 950 beinahe konstant. Der starke Nutzeranstieg war also nicht durch eine Ausweitung auf neue Regionen zu erklären.

Gegen Lebensmittelverschwendung

Scharfe Kritik übten die Tafeln erneut auch an der Verschwendung von Lebensmitteln. Weltweit werde ein Drittel aller bereits produzierten Lebensmittel weggeworfen, dies sei aus sozialen wie ökologischen Gründen untragbar. Der Verband forderte finanzielle Unterstützung durch den Staat bei der "Rettung und Verteilung von Lebensmitteln".

Aber auch die Verbraucher hätten "eine Verantwortung", betonte Brühl.

Lebensmittel im Müll | Bildquelle: dpa
galerie

In Deutschland werden nach Angaben der Tafeln jährlich bis zu 18 Millionen Tonnen vernichtet.

Fehlende Helfer und fehlendes Geld

Trotz des Nutzeranstiegs gelang es der Organisation nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr, nur geringfügig mehr Lebensmittel zu sammeln und zu verteilen. Die Gesamtmenge blieb mit 265.000 Tonnen relativ konstant.

Eine Ausweitung scheitere dabei an fehlenden freiwilligen Helfern und fehlendem Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerräume. An fehlenden Lebensmitteln liege es nicht, betonten die Tafeln.

In den vergangenen 14 Jahren stieg die Zahl der Tafelnutzer um mehr als das Dreifache, wie der Verein weiter mitteilte. Betrieben werden die Tafeln entweder eigenständig als Vereine oder in Kooperation mit gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas, der Diakonie, dem Roten Kreuz oder der Arbeiterwohlfahrt.

Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet, der Dachverband gründete sich dann 1995.

Jahresbilanz deutscher Tafeln: Staatliche Unterstützung gefordert
Annika Krempel, ARD Berlin
18.09.2019 14:49 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. September 2019 um 13:00 Uhr.

Darstellung: