Ein älteres Paar mit Taschen geht händehaltend nebeneinander | dpa

Debatte um Renteneintritt Jeder Fünfte stirbt vor 69. Lebensjahr

Stand: 07.05.2021 09:02 Uhr

Aktuelle Daten zeigen, dass fast 20 Prozent aller Verstorbenen nicht das Renteneintrittsalter erreichten. Das steigt seit 2012 auf 67 Jahre. Bei einer Anhebung auf 69 Jahre wären noch mehr Menschen betroffen.

Das Renteneintrittsalter wird schrittweise auf 67 Jahre erhöht. Doch laut aktuellen Daten erreicht ein wachsender Bevölkerungsanteil dieses Alter nicht.

So hatten 2019 demnach 17 Prozent aller Verstorbenen das 67. Lebensjahr nicht erreicht, 14,4 Prozent erlebten sogar ihr 65. Jahr nicht mehr. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, die tagesschau.de vorliegt. Zuvor hatte die "Neuen Osnabrücker Zeitung" darüber berichtet.

Bei einer Anhebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre würden nach heutigem Stand noch mehr Menschen das Rentenalter nicht erreichen, hieß es weiter. 2019 waren demnach 19,8 Prozent aller Verstorbenen jünger als 69 Jahre, also knapp jeder Fünfte.

"Verteilung von unten nach oben"

"Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Je höher das Rentenalter, desto weniger Menschen können jemals in den Genuss ihrer Rente kommen", sagte Linken-Sozialexpertin Sabine Zimmermann.

Da Menschen mit geringem Einkommen kürzer lebten, bedeute eine Anhebung des Rentenalters "eine Verteilung von unten nach oben". Dies sei "schlicht und einfach unsozial". Deutschland brauche keine Diskussionen über eine noch weitere Anhebung des Rentenalters, "sondern die Rückkehr zur Rente mit 65", sagte die Vorsitzende des Senioren-Ausschusses im Deutschen Bundestag. Wer ein höheres Rentenalter mit der steigenden Lebenserwartung begründe, "verschweigt die Hälfte der Wahrheit", so Zimmermann weiter.

Denn die Erwartung gesunder Lebensjahre stagniere. "Viele Menschen erreichen das Rentenalter nicht bei guter Gesundheit. Für sie ist jede Erhöhung des Rentenalters eine Rentenkürzung, weil sie gezwungenermaßen mit Abschlägen früher in Rente gehen müssen", gab die Linken-Abgeordnete zu bedenken.

Wirtschaftsinstitute fordern Renteneintritt mit 69

Im April hatten mehrere Wirtschaftsinstitute mit Blick auf die pandemiebedingt angespannten Staatsfinanzen vorgeschlagen, das Renteneintrittsalter auf 69 anzuheben.

Zur Sicherung solider Staatsfinanzen in Deutschland sei dies unumgänglich. "Ein solcher Schritt brächte eine doppelte Rendite", hieß es in dem Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung. Zum einen würde dies die Einnahmen der Rentenversicherung erhöhen. Zum anderen würden mehr Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Deutschland habe eine schrumpfende und alternde Bevölkerung, sagte der Vizepräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller. Es dürften künftig etwa 400.000 mehr Menschen den Arbeitsmarkt verlassen als junge Erwerbstätige hinzukommen - pro Jahr. Das werde die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft beeinträchtigen, warnte der Ökonom.

Auch Bundesbank spricht sich für Rente mit 69 aus

Um einen strukturell ausgeglichenen - also um Sonderfaktoren und Konjunkturschwankungen bereinigten - Haushalt hinzubekommen, ohne bei wichtigen Zukunftsinvestitionen sparen zu müssen, sehen die Institute eine wichtige Stellschraube bei der Rentenversicherung. Geschehe hier nichts, wachse der Zuschuss zur Rentenversicherung aus dem Bundeshaushalt zulasten anderer Staatsausgaben. "Die eleganteste Lösung wäre eine langsame, schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters, weil das von zwei Seiten positiv wirken würde", sagte Holtemöller. "Es würde das Arbeitskräftepotenzial stärken, wenn die Menschen ein stückweit länger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und es würde auf der Ausgabenseite der Rentenversicherung wirken."

Auch die Bundesbank sprach sich für eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters aus. Die bisher stetig wachsende Lebenserwartung bedeute immer längere Rentenzeiten bei konstanten Beitragszeiten, was eine Erhöhung über 67 Jahre hinaus nahelege, so die Begründung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2018 um 18:40 Uhr.