Julian Reichelt (Archivbild) | EPA

Compliance-Verfahren "Bild"-Chefredakteur Reichelt befristet freigestellt

Stand: 13.03.2021 22:04 Uhr

Vor Kurzem hatte Springer ein Compliance-Verfahren gegen den "Bild"-Chefredakteur bestätigt - nun hat sich Reichelt befristet freistellen lassen. Bei dem Verfahren soll es unter anderem um den Vorwurf des Machtmissbrauchs gehen.

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt ist inmitten eines laufenden Compliance-Verfahrens befristet freigestellt worden. Der Medienkonzern Axel Springer teilte mit: "Um eine ungestörte Aufklärung sicherzustellen und die Arbeit der Redaktion nicht weiter zu belasten, hat er den Vorstand darum gebeten, bis zur Klärung der Vorwürfe befristet von seinen Funktionen freigestellt zu werden. Die Freistellung ist inzwischen erfolgt." Reichelt, der Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktionen und Sprecher der "Bild"-Geschäftsführung ist, weise die Vorwürfe gegen ihn zurück.

Vor wenigen Tagen war das Compliance-Verfahren gegen den 40-Jährigen bekannt geworden. Eine solche Untersuchung in einer Firma zielt darauf ab, zu prüfen, ob das Verhalten regelkonform war und die Richtlinien einer Firma eingehalten worden sind. Der Medienkonzern betonte: "Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Daher wird das Unternehmen derzeit keine weiteren Angaben zum Verfahren und zum Gegenstand der Vorwürfe machen."

"Spiegel": Vorwürfe von mehreren Beschäftigten

Seinen Anfang hatte alles vor einer Woche mit Jan Böhmermanns Satireshow im ZDF genommen, in welcher der Moderator Andeutungen auf ein Verfahren gemacht hatte. Danach folgten Medienberichte. Der "Spiegel" berief sich am Montag auf Informationen, wonach es Vorwürfe von mehreren Beschäftigten gegen Reichelt gegeben haben soll. Das Magazin schrieb von Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Kurz darauf bestätigte Axel Springer gegenüber seinen Mitarbeitern ein laufendes Compliance-Verfahren gegen Reichelt. Im Firmenintranet teilten Springer-Chef Mathias Döpfner und Vorstand Jan Bayer mit: "Es ist für uns schwer, zu diesem Zeitpunkt im Detail Auskunft zu geben. Das können und dürfen wir bei einem laufenden Compliance-Verfahren auch nicht." Die beiden betonten, dem Konzern sei daran gelegen, eine unabhängige Aufklärung sicherzustellen.

In einer internen Nachricht an Kolleginnen und Kollegen, die der dpa vorlag, schrieb Reichelt, "Bild" und die Menschen bei "Bild" seien sein Leben. "Ich habe immer alles dafür getan, dass es 'Bild', dass es uns gut geht und das tue ich auch heute, auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Deswegen habe ich den Vorstand gebeten, mich vorerst zu beurlauben, um dazu beizutragen, unangreifbare Aufklärung zu betreiben und die Vorwürfe zu prüfen, die gegen mich erhoben wurden." Die Vorwürfe seien falsch, so der Chefredakteur. Er fügte hinzu: "Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen 'Bild' und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt."

"Beweise gibt es bisher nicht"

In der Zwischenzeit übernimmt die Chefredakteurin von "Bild am Sonntag" und Mitglied der Chefredaktion der "Bild"-Gruppe, Alexandra Würzbach, die Führung der Redaktion, wie der Konzern mitteilte. Bei der Aufklärung der Hinweise auf mögliche Compliance-Verstöße habe das interne Compliance-Management externe Experten hinzugezogen, wie Springer nun offiziell bestätigte. "Hierbei wird ergebnisoffen in alle Richtungen recherchiert und die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Beteiligten bewertet."

Das Medienhaus betonte zudem: "Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit." Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handele der Vorstand. "Diese Beweise gibt es bisher nicht. Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar."

Reichelt ist seit 2002 und damit seit fast 20 Jahren beim Konzern Axel Springer in unterschiedlichen Funktionen tätig. Im Februar 2017 wurde er neben seinem Posten als Chefredakteur Bild Digital zusätzlich Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktion und trägt die übergeordnete redaktionelle Verantwortung der Bild-Marke. 2018 übernahm er dann zudem den Posten des Chefredakteurs Bild Print.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. März 2021 um 22:00 Uhr.