Eine Gruppe Menschen vor einem Gebäudfe (Geschäftsführung und Beiratsvorsitz der Viba sweets GmbH. Von links nach rechts: Holger Storch, Marko Falk, Corinna Wartenberg, Karl Heinz Einhäuser)

Thüringen "Das wird richtig gut!": Die historische Expansion von Süßwarenhersteller Viba

Stand: 10.07.2024 22:13 Uhr

Die Nachricht war eine ziemliche Sensation: Im April wurde bekannt, dass der Süßwarenhersteller Viba Sweets aus Floh-Seligenthal in Südthüringen die Süßwarenhändler Hussel, Arko, Eilles kauft. Auf einen Schlag wuchs die Mitarbeiterzahl von 450 auf 1.000 an. Risikoreiches Wagnis oder genialer Coup?

Von Marlene Drexler, MDR THÜRINGEN

"Es ist für alle eine intensive Zeit", beschreibt Corinna Wartenberg die vergangenen zweieinhalb Monate. Für ein persönliches Treffen hat die Viba-Geschäftsführerin in diesen Tagen keine Zeit. Ein Telefongespräch kann sie aber zwischen einen ihrer deutschlandweiten Termine klemmen. Ständig unterwegs zwischen den beiden alten Unternehmensstandorten in Thüringen und Bayern sowie dem neuen Sitz in Norddeutschland, gehe es gerade darum, "alle Teams kennenzulernen und die Organisation auf stabile Füße zu stellen."

In Bayern befindet sich die Produktion des Schokoladenherstellers Heilemann, den Viba 2016 aufgekauft hat. Die neu erworbene Markengruppe ist im schleswig-holsteinischen Wahlstedt zuhause.

Viba sorgt für Sensation

Übernommen hat der Südthüringer Süßwarenhersteller Viba Sweets aus Floh-Seligenthal die insolvente Markengruppe Hussel, Arko, Eilles zum 1. Mai. Ein Mittelständler, noch dazu aus Ostdeutschland, der einen größeren Wettbewerber schluckt - eine kleine Sensation. Die Folgen ziemlich atemberaubend: Die Mitarbeiterzahl bei Viba Sweets ist seitdem von 450 auf 1.000 gewachsen, den Umsatz möchte das Unternehmen von 50 auf 100 Millionen Euro verdoppeln. Viba hat laut Wartenberg zwei neue Tochtergesellschaften gegründet und baut für die hinzugekommenen Marken gerade eine neue Zentrale in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein auf.

Zweite Insolvenz für Hussel und Co.

Schon 2021 hatte Hussel, Arko, Eilles das erste Mal Insolvenz angemeldet. Damals in Eigenregie. Trotz zunächst erfolgreicher Sanierung folgte ein erneuter Insolvenzantrag im Februar dieses Jahres. Viba bewarb sich auf eine Übernahme von 160 der insgesamt 200 Filialen in Deutschland und Österreich und bekam den Zuschlag. Ausschlaggebend sei die Zukunftsprognose der Standorte gewesen, erklärt Wartenberg.

Eine Frau lächelt in die Kamera.

Viba-Geschäftsführerin Corinna Wartenberg blickt positiv in Zukunft des Unternehmens.

Süßwarenbranche mit Risiken konfrontiert

Auch in der Süßwarenbranche sind die aktuellen Zeiten nicht unbedingt rosig. So erreichte der Preis für Kakao, der wichtigsten Zutat für die Schokoladenherstellung, im April ein Rekordhoch an der Rohstoffbörse. Hintergrund ist ein anhaltend knappes Angebot wegen schlechter Ernten nach Dürren und starken Regenfällen in den Herstellerländern.

Carsten Kortum, Professor für Betriebswirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Leiter des Studiengangs BWL-Handel, hat die Viba-Übernahme analysiert. Er geht davon aus, dass sich das Kakao-Angebot nicht in absehbarer Zeit verbessern wird. Als weitere Risiken der Branche nennt Kortum das derzeit zurückhaltende Kaufverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei teuren Lebensmittel. Hinzu komme der Trend zu gesünderer Ernährung, der langfristig eher für rückläufige Süßwarenumsätze spreche.

Warum übernimmt ein Mittelständler 160 insolvente Süßwarengeschäfte?

Dass Viba den Zukauf trotzdem als Glücksfall beschreibt, hat spezielle strukturelle Gründe, die das thüringische Traditionsunternehmen auf der einen und das westdeutsche "Problemkind" auf der anderen Seite tatsächlich wie zwei passende Puzzlestücke erscheinen lassen.

Eine Expansion in dieser Größenordnung und Geschwindigkeit wäre anders nicht denkbar gewesen. Corinna Wartenberg | Viba-Geschäftsführerin

Wie Geschäftsführerin Wartenberg erklärt, lässt Viba den zugekauften Filialen ihre ursprüngliche Identität. Was aber von nun an anders ist: Vertreiber und Hersteller sind identisch - zumindest zum Teil. Während die Markengruppe Hussel, Arko, Eilles nicht selbst produzierte, stellt Viba sein Nougat in Floh-Seligenthal und seine Schokolade in Bayern in eigenen Produktionsstätten her.

Gerade werde ausgelotet, welche Produkte aus dem neuen Segment ebenfalls in Eigenregie, welche weiter mit Partnern produziert werden, so Wartenberg. Viba sucht daher in Produktion als auch Verwaltung mindestens 25 neue Mitarbeiter, um Kapazitäten zu erweitern.

Mitarbeiterinnen in der Produktionsstätte des Süßwarenhersteller Viba

In Thüringen und Bayern produziert Viba sweet Süßwaren wie Nougat.

Große Expansion, wenig Kapitaleinsatz

Gleichzeitig kann Viba von nun an das gesamte eigene Segment in den 160 neuen Filialen anbieten. Viba-Nougat gibt es ab sofort in ganz Deutschland und nicht nur in den 38 bisherigen Filialen im ostdeutschen Stammgebiet. Viba hat damit plötzlich ein weitläufiges und unabhängiges Vertriebsnetz - ohne, dass dafür viel Kapital nötig gewesen wäre. Denn die Immobilien waren nicht Bestandteil der Übernahme, wie Branchenanalyst Kortum sagt. Für Viba-Geschäftsführerin Wartenberg ist klar: "Eine Expansion in dieser Größenordnung und Geschwindigkeit wäre anders nicht denkbar gewesen."

Viba setzt auf Einspar- und Skaleneffekte

Gleichzeitig haben Arko, Hussel und Eilles Anspruch auf rund 3.000 Depotregale im Lebensmitteleinzelhandel. Gemeint sind Verkaufsflächen, die allein für diese Marken reserviert sind. Dort von nun an auch Viba-Produkte zu platzieren, sei zwar zunächst noch nicht möglich. Dennoch hoffe die Geschäftsführung darauf, dass Viba generell bekannter wird: "Wir setzen da auch auf unsere bisherige Erfahrung im Stammgebiet. Mehr eigene Filialen haben den Verkauf in den Supermärkten angekurbelt."

Unsere Philosophie lautet, wirkliche Lieblingsgeschäfte zu etablieren, für die Kundinnen und Kunden gerne einen Weg auf sich nehmen, anstatt vom Sofa online zu shoppen. Corinna Wartenberg | Viba-Geschäftsführerin

Neben den Einspareffekten wegen der Belieferung eigener Geschäfte mit eigenen Produkten plant Viba auch mit Kostenvorteilen durch die größere Produktion - sogenannter Skaleneffekte. Schließlich werden sich Rohstoffpreise durch größere Abnahmen reduzieren.

Eine Frau verziert Nougatstangen.

Per Hand verziert eine Viba-Mitarbeiterin Nougatstangen.

Viba plant auch konkrete Veränderungen

Neben den genannten Aspekten, die Viba optimistisch machen, die insolvente Markengruppe sanieren zu können, will das Floh-Seligenthaler Unternehmen auch an sogenannten weichen Faktoren drehen. "Unsere Philosophie lautet, wirkliche Lieblingsgeschäfte zu etablieren, für die Kundinnen und Kunden gerne einen Weg auf sich nehmen, anstatt vom Sofa online zu shoppen", sagt Geschäftsführerin Wartenberg.

Das sind gute Grundlagen für eine positive Story! Matthias Kreft | Geschäftsführer des Verbandes der Wirtschaft Thüringens

Dazu gehöre sehr gut geschultes, leidenschaftliches Personal. Ein ausgewähltes Sortiment, das es so anderswo nicht gibt: "Und Angebote, die wir machen können, weil wir eben auch Hersteller sind". Dazu gehöre zum Beispiel, Pralinen durch mobile Confiseurinnen in den Läden individuell verzieren zu lassen. Viba hat außerdem angekündigt, Sortimente unter die Lupe nehmen zu wollen.

Außenansicht des Unternehmens Viba

Viba Sweets ist einer der wenigen Fälle, in denen ein kleineres ostdeutsches Unternehmen ein größeres aus Westdeutschland gekauft hat.

Wirtschaftsverband sieht großes Potential

Matthias Kreft, Geschäftsführer des Verbandes der Wirtschaft Thüringens (VWT) ist über Vibas Entwicklungen erfreut: "Das sind gute Grundlagen für eine positive Story!". Vergleichbare Fälle, wo ein kleinerer Wettbewerber einen größeren schluckt, gebe es nur wenige - zumal aus Ostdeutschland. Einzig die Rotkäppchen Sektkellerei falle ihm spontan ein. Schon bei Heilemann habe Viba zudem gezeigt, dass es in der Lage ist, eine Marke erfolgreich zu integrieren.

Sich neue, eigene Vertriebswege zu sichern, sei sehr sinnvoll. Denn im Supermarkt gelistet zu werden, ist laut Kreft nicht so einfach und koste Geld. Bedenken, dass Süßwaren mittelfristig grundsätzlich an Absatz verlieren, hat er nicht: "Möglich, dass Kunden in Zukunft seltener, aber dafür hochwertiger konsumieren". Gleichzeitig bewertet der Verband als Vorteil, dass sich Viba diversifiziert.

Das Nougat kommt gut an. Wir mussten die Planzahlen schon drei Mal nach oben korrigieren. Corinna Wartenberg | Viba-Geschäftsführerin

Und auch Betriebswirtschaftsprofessor Kortum stellt den Risiken der Übernahme zahlreiche Synergien gegenüber. Viba Sweets könne mit seinen Plänen, den Einkauf als individualisiertes Erlebnis zu gestalten, Kundinnen und Kundinnen ein attraktives Angebot machen. Und agiere zudem auf Basis einer bisher soliden und profitablen Geschäftssituation.

Planzahlen schon drei Mal nach oben korrigiert

Die 160 neuen Filialen seien in den vergangenen Wochen schon mit Viba-Produkten bestückt worden, berichtet Geschäftsführerin Wartenberg. Mit dem bisherigen Kundenfeedback seien sie sehr zufrieden: "Das Nougat kommt gut an. Wir mussten die Planzahlen schon drei Mal nach oben korrigieren".

Branchenanalyst Kortum geht dennoch davon aus, dass sich die Bilanz von Viba erst einmal verschlechtern wird. Viba-Geschäftsführerin Wartenberg erwidert darauf: "Uns ist klar, dass die Anfangszeit holprig wird und wir auch Ausdauer brauchen". Wann Viba bei der neuen Markengruppe mit schwarzen Zahlen rechnet, will sie nicht öffentlich preisgeben: "Ich bin aber fest davon überzeugt: Das wird noch richtig gut!".

MDR (med/cfr)