Außenansicht eines Kirchturms

Thüringen Auf Mission mit Nadel und Faden: Stricken für Orgelrestaurierung in Streufdorf

Stand: 09.07.2024 12:48 Uhr

Im Landkreis Hildburghausen sammelt eine Gemeinde Spenden für die Reparatur ihrer fast 300 Jahre alten Kirchenorgel. Noch rund 40.000 Euro fehlen für die Sanierung. Um das Geld zusammenzubekommen, werden die Bewohner von Streufdorf kreativ - unter anderem mit Nadel und Faden.

Von Bettina Ehrlich, MDR THÜRINGEN

Im Herbst soll sie endlich wieder klingen. Die fast 300 Jahre alte Barockorgel in der St. Marien-Kirche von Streufdorf im Landkreis Hildburghausen. Das Instrument ist mit den filigranen Verzierungen aus Lindenholz eine der schönsten Orgeln in der ganzen Region.

Die Trockenheit hat dem Blasebalg zugesetzt. Detlev Schmidt | Kirchenältester

Doch leider gibt sie seit mehr als zehn Jahren keinen Mucks mehr von sich. "Die Trockenheit hat dem Blasebalg zugesetzt", sagt der Kirchenälteste Detlev Schmidt. "Es kommt keine Luft in der Orgel mehr an." Seit 2013 müsse sich die Kirchgemeinde mit einem Harmonium als Ersatz begnügen. Aber das sei natürlich nicht das Gleiche.

Streufdorfer stricken für ihre Kirchenorgel

Orgel schmerzlich vermisst

Den Streufdorfern fehlt der satte Klang ihrer Orgel. Auch Gisela Storch vermisst die feierlichen Klänge und tut das, was sie am liebsten macht. Stricken. Ihre kuschligen Socken mit extra langem Bein verkauft sie auf Weihnachtsmärkten und Dorffesten. Zehn Euro das Paar.

Ich freue mich wirklich sehr, dass die Socken so gut ankommen. Gisela Storch |

Fast 500 Euro hat sie so schon zusammen bekommen. "Manche spenden mir auch Wolle oder helfen beim Verkaufen", so Storch. "Ich freue mich wirklich sehr, dass die Socken so gut ankommen." Sogar in Berlin, München oder Nürnberg seien jetzt einige der Streufdorfer Kirchensocken zu Hause. Allerdings: So viel stricken, wie Geld gebraucht wird, kann Storch gar nicht.

Eine Frau strickt vor der Kamera

Gisela Stroch strickt fleißig, um etwas für die Reparaturkosten der Orgel beizusteuern.

Der Anfang ist gemacht

"Zum Glück gab es eine großzügige Spende", erzählt der Kirchenälteste. So konnte die Reparatur in Angriff genommen werden. Die Orgelbauer schätzen die Gesamtkosten auf mindestens 116.000 Euro. Aktuell fehlen laut Schmidt noch rund 40.000 Euro. Deshalb wird im Dorf jetzt jede Gelegenheit genutzt, um Geld einzutreiben. Bei Straßensammlungen zeigen sich die Einwohner großzügig. Kaum einer, der keinen kleineren oder größeren Schein in die Spendenbüchse steckt.

Ein Mann mit Brille steht in einer Kirche und schaut in die Kamera

Detlev Schmidt will die Orgel in der St. Marien-Kirche wieder instand setzen lassen.

Backen für die Orgel

Außerdem wird alle paar Wochen das Backhaus angeschürt. Fritz Weiler ist eigentlich Elektriker, stammt aber aus einer Bäckerfamilie. Pro Backgang schaffen die Hobbybäcker 50 Brote. "Meist sind sie ganz schnell weg", freut sich Weiler. Der Erlös gehe selbstverständlich komplett an die Orgel.

Orgelpfeifen mit Verzierungen

Orgelpfeifen mit Verzierungen

Orgel-Nachwuchs gesichert

Jason Müller ist 13 Jahre alt und hat schon ziemlich viel Musik im Blut. Künftig will er die Orgel spielen. Heute darf er an der guten alten Dame schon mal zur Probe sitzen. "Es fühlt sich gut an", sagt er und probiert die Tasten aus und zieht an dem einen oder anderen Register. Etwas verwundert ist er über den Spiegel direkt über seinem Kopf.

Ich finde es traurig, dass die Orgel so kaputt ist. Aber sie wird repariert, das ist die Hauptsache. Jason Müller |

Schmidt klärt auf. "Da kannst du den Pfarrer sehen. Im Gottesdienst muss er dir doch den Einsatz geben". Jason nickt. "Ich finde es traurig, dass die Orgel so kaputt ist. Aber sie wird repariert, das ist die Hauptsache."

Ein Junge sitz an einer Orgel

Jason Müller übt schon mal das Orgel spielen.

Bis es so weit ist, wird in Streufdorf wohl noch viel gestrickt, gebacken und geübt. Schmidts Traum ist, dass die Orgel neben Gottesdiensten, Taufen oder Hochzeiten noch öfter erklingt. "Jason kann ja schon mal ein paar ACDC-Riffs", schlägt der Kirchenälteste mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht vor. Um Kirchen erhalten zu können, müssten sie künftig auch für weltliche Konzerte offenstehen.

MDR (bee/cfr)