BXXX | WDR

Nordrhein-Westfalen Tod durch Corona - Migranten trifft es häufiger

Stand: 22.12.2021 20:05 Uhr

Am Coronavirus gestorben - hierzulande trifft es einer Untersuchung zufolge ausländische Staatsangehörige häufiger als Deutsche. Einer der möglichen Gründe: Soziale Ungleichheit.

Die Zahlen sind besorgniserregend: In Deutschland sind coronabedingt ausländische Staatsangehörige im Verhältnis gesehen häufiger gestorben als Deutsche. Das ergab eine Untersuchung der Sozialwissenschaftler Tino Plümecke, Linda Supik und  Anne-Kathrin Will auf Basis amtlicher Sterbedaten.

Demnach starben von Januar bis August 2021 über 4.500 ausländische Staatsangehörige mehr als im gleichen Zeitraum 2019, dem Jahr vor der Pandemie.

Ein Blick auf einzelne Altersgruppen ergibt der Untersuchung nach folgendes Bild: Unter den 45- bis 64-Jährigen mit deutschem Pass wurde von 2019 auf 2020 ein Anstieg der Todesfälle um 1,1 Prozent verzeichnet. Unter den ausländischen Staatsangehörigen lag der Anstieg bei 9 Prozent. Ähnliche Unterschiede zwischen ausländischen und inländischen Staatsangehörigen gibt es auch in der Schweiz.

Über die Ergebnisse der Untersuchung sprachen wir mit einer der Autorinnen, Linda Supik.

WDR: Frau Supik, woran liegt es, dass der Anteil ausländischer Staatsangehöriger unter den Sterbefällen in der Covid-19-Pandemie deutlich gestiegen ist?

Supik: Schwer zu sagen. Die Datenlage hierzu ist sehr dürftig. Wir gehen davon aus, dass der Faktor soziale Ungleichheit eine Rolle spielt. So gibt es das Gesundheitsrisiko Armut. Dazu kommt eine gewisse rassistische Diskriminierung.

Viele Ausländerinnen und Ausländer werden, eben weil sie nicht Deutsche sind, in schlechtere Wohn- und Arbeitsbedingungen abgedrängt als deutsche Staatsangehörige. Wer beengt lebt beziehungsweise leben muss, infiziert sich leichter. Hinzu kommt, dass Ausländerinnen und Ausländer häufig im Handel, im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe tätig sind oder personenbezogene Dienstleistungen erbringen. Da ist ein Arbeiten im Homeoffice schlicht nicht möglich.

Gleiches gilt für Schlachtbetriebe und Großküchen, wo ebenfalls viele Ausländer tätig sind. Sie sind also oftmals insgesamt einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt.

WDR: Was muss sich ändern?

Supik: Angenommen, in einer Familie, die in beengten Wohnverhältnissen lebt, hat sich jemand mit Corona infiziert. In solchen Fällen wäre es gut, wenn es über soziale Dienste schnell Hilfe gäbe. Konkret: Die betroffene Familie wird dabei unterstützt, dass die infizierte Person Quarantäneangebote zum Beispiel im Hotel bekommt, damit sich die übrigen Angehörigen nicht anstecken.

WDR: Was könnte sehr kurzfristig geschehen?

Mehrsprachige Stadtteil- und Community-Angebote mit Corona-Handlungsempfehlungen müssten mehr gegeben werden. Es gibt zwar im Internet vielfältige Informationen in vielen Sprachen - etwa auf Türkisch, Arabisch, Russisch und so weiter. Es reicht aber nicht, über Corona nur über Websites zu informieren. Viel wichtiger und eindringlicher sind persönliche Gespräche. Daher wäre es wichtig, die sozialen Dienste in den Städten dazu zu animieren, dass sie zu den Leuten gehen und mit ihnen reden.

Die Fragen stellte Sabine Meuter.

Quelle: wdr.de