Ein Junge blickt auf ein Smartphone, auf dem die TikTok-App zu sehen ist.

Nordrhein-Westfalen Islamistische Influencer: Zehn Millionen Likes auf TikTok

Stand: 14.05.2024 06:00 Uhr

Der Islamismus sei auch in NRW "auf dem Vormarsch", hatte Innenminister Reul neulich gesagt. Heute stellt er das "Lagebild Islamismus 2024" vor. Demnach nutzen islamistische Akteure besonders die Sozialen Medien für ihre Zwecke.

Von Nina Magoley

Mitte April nahm die Polizei in NRW drei Jugendliche fest, die gemeinsam mit einem Jungen aus Baden-Württemberg islamistisch motivierte Terroranschläge geplant haben sollen. Vergangenes Wochenende fand in Hamburg eine Demonstration der islamistischen Gruppierung "Muslim Interaktiv" in Hamburg statt, bei der ein Kalifat als Lösung gesellschaftlicher Probleme gefordert wurde.

In den sozialen Medien machen islamistische und salafistische "Prediger" massiv Propaganda für eine Radikalisierung - in deutscher Sprache.

Herbert Reul neben einem Fahrzeug der Polizei auf dem Münsterplatz in Bonn im Rahmen der "Coffee with a cop"-Aktion am 13.03.2024

Innenminister Herbert Reul

"Der Islamismus ist wieder auf dem Vormarsch", hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) unlängst gesagt. Er stelle in NRW im Bereich des politischen Extremismus die größte Gefahr für Menschenleben dar. Die Zahl islamistisch motivierter Straftaten hat sich im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr von 60 auf 305 mehr als verfünffacht.

Heute stellt Reul das aktuelle "Lagebild Islamismus 2024" vor. Dem WDR lag der Bericht vorab vor.

Islam ist nicht gleich Islamismus

Eins erklärt das Ministerium darin vorweg: Es sei wichtig, zwischen dem Islam als rechtlich geschützter Religion und Islamismus als extremistischer Ideologie zu unterscheiden. Der Islam als Religion werde vom Verfassungsschutz ausdrücklich nicht beobachtet. Islamistische Bestrebungen dagegen schon. Und die sind vor allem seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 deutlich mehr in den Fokus gerückt.

In dem Bericht wird unterschieden zwischen verschiedenen Gruppierungen im Islamismus, die der Verfassungsschutz in NRW beobachtet. Unter anderem ist das der gewaltorientierte "Extremistische Salafismus" und der "nicht-salafistische Islamismus". Beiden gemein sei aber eine "aggressive Ablehnung des Staates Israel", so heißt es im "Lagebild Islamismus 2024". Die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten böten "Ansätze für eine Instrumentalisierung durch Islamisten", die inzwischen "weit über ihre Kernklientel hinaus" bis in die Mitte der Gesellschaft um Sympathisanten werben würden.

Akteure vielerorts in NRW

Auch NRW stehe dabei im Fokus jihadistischer Akteure - es bestehe weiterhin eine "sehr hohe abstrakte Gefahr" für terroristische Anschläge durch Islamisten. Die Gefahr, dass sich Einzelpersonen radikalisieren, sei durch den Konflikt in Gaza und Israel derzeit erhöht.

Schwerpunkte der islamistischen Aktivitäten macht der Bericht unter anderem in Bonn, Köln, Düren, Aachen, Wuppertal, Düsseldorf, Mönchengladbach, dem Ruhrgebiet und in Ostwestfalen-Lippe aus.

Problem: Propaganda über TikTok und Co.

Als wachsendes Problem beschreibt der Bericht die Beeinflussung junger Menschen durch Online-Propaganda und soziale Medien - vor allem auf TikTok, aber auch auf YouTube oder Instagram. Speziell Menschen "aus schwierigen persönlichen Verhältnissen" würden dort niedrigschwellig abgeholt, indem ihnen eine "simple und berechenbare" Lebenswelt suggeriert werde, aus der sich einfache Handlungsanweisungen ableiten ließen. Der Salafismus habe sich so geradezu als "Gegenkultur mit Lifestyle-Charakter" entwickelt.

In Videos treten salafistische Influencer demnach "betont locker" und mit Anspielungen auf Gangster-Rap und Kampfsport auf. Ihre Sprache sei einfach und verständlich - anstelle der früher üblichen theologischen Diskurse.

Einer der Akteure, Dehran Asanov, trete vorzugsweise in Sportkleidung auf und versuche in "leicht zugänglicher" Weise für einen extremistisch-salafistischen Islam zu werben. Frauen seien demnach Männern untergeordnet, dürften ihnen nicht widersprechen und hätten sich vollständig zu bedecken. Mit deutlich mehr als zehn Millionen Likes allein auf TikTok ist Asanov dabei offenbar erfolgreich.

"Tötung von 'Ungläubigen' und 'Rache' gegen westliche Staatsbürger"

Besonders aus dem Spektrum des "extremistischen Salafismus" käme eine anhaltend hohe Bedrohung. Die Sicherheitsbehörden seien hier besonders gefordert, Anschlagsvorbereitungen aufzudecken. "Islamistisch-terroristisch motivierte Akteure" - auch das eine Erkenntnis - setzen zwar Gewalt ein, um religiös begründete Ziele zu erreichen - darunter die Tötung von "Ungläubigen" und "Rache" gegen westliche Staatsbürger. Dabei verfügten sie aber häufig nur über "geringes religiöses Wissen" und hätten oft auch keinen religiösen Lebenswandel - "insbesondere dann, wenn sie kriminell aktiv sind oder Betäubungsmittel konsumieren".

Die nicht-salafistischen Islamisten hingegen hätten das Ziel, als "repräsentative Vertreter muslimischer Interessen" in Deutschland zu agieren, um den Islam in Deutschland zu institutionalisieren.

Bezüge zur verbotenen Hizb ut-Tahrir

In vielen islamistischen Gruppierungen beobachtet der Verfassungsschutz Akteure, die Bezüge zur verbotenen Hizb ut-Tahrir (HuT) haben. Sie versuchten derzeit besonders aktiv, die Eskalation im Nahen Osten zu nutzen, um ihre islamistischen Botschaften zu verbreiten. Im November 2023 organisierte die HuT in Essen die bislang größte Demonstration mit 3.000 Teilnehmern. Israel wurde dabei als "faschistisches Regime" bezeichnet, auf Plakaten wurde ein Kalifat gefordert.

Um die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden zu verbessern, seien Kommunikationsplattformen entstanden, auf denen regelmäßig Fälle besprochen würden. Dazu gehöre auch das "Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum" (GTAZ) NRW beim Landeskriminalamt, das wiederum mit dem GTAZ eng zusammenarbeite.