Robert Schmiemann | Bildquelle: Monitor

Rechtsextremismus Kampfsport für den Umsturz?

Stand: 25.10.2018 10:45 Uhr

Kampfsport ist in der rechtsextremistischen Szene im Trend. Doch es geht ihnen oft nicht um Sport. Bei Events und in Studios rüsten sie sich für den Kampf auf der Straße, zeigen Recherchen des ARD-Magazins Monitor.

Von Jochen Taßler und Julia Regis, WDR

Es ist der 13. Oktober 2018 in Ostritz, Sachsen: Direkt an der polnischen Grenze findet das Kampfsportevent "Kampf der Nibelungen" statt. Journalisten oder szenefremde Gäste sind nicht erwünscht. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, das Gelände ist gut abgeschirmt. Auf der Internetseite der Veranstaltung heißt es, das Turnier solle für "junge Deutsche" sein.

Hier müssen sich die Sportler ausdrücklich nicht "zur freien demokratischen Grundordnung" bekennen, schreiben die Veranstalter. Sie wollen ihren Sport "nicht als Teil eines faulenden politischen Systems" verstehen. Und so kommen sie, die Rechten und die ganz Rechten - rund 700 Besucher.

Ausbildung für den Straßenkampf

Mit dem Einlass ist Robin Schmiemann beauftragt. Nach einem Raubüberfall saß er für mehrere Jahre im Gefängnis. Er pflegte Briefkontakt zu Beate Zschäpe von der rechtsextremen Terrorgruppe NSU. Gekommen ist auch Sven Kahlin, ein Neonazi aus Dortmund und verurteilter Totschläger. Unter den Besuchern und Kämpfern lassen sich zahlreiche Personen mit Verbindungen zu rechtsextremen Parteien, rechten Kameradschaften und Hooligan-Gruppen erkennen.

Gesponsert wird der "Kampf der Nibelungen" von Dennis Nikitin, einem russischen Nazi und einem der bekanntesten Hooligans Europas. Vor allem in Osteuropa organisiert er seit Jahren erfolgreich rechtsextreme Kampfsportveranstaltungen. Mit seinem Label "White Rex" drängt er auf den deutschen Markt.

Polizisten und Demonstranten stehen sich in Chemnitz gegenüber | Bildquelle: Monitor
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Polizisten und Demonstranten in Chemnitz: Auch Kampfsportler sollen bei den Ausschreitungen am Rande der Demo beteiligt gewesen sein.

Populär in der Szene

Kampfsport sei in der rechten Szene populär, dort werde Gewalt professionalisiert, sagt Extremismusforscher Robert Claus von der Leibniz-Universität Hannover. "Und dann steht Kampfsport auch ein Stück weit in der historischen Tradition der Wehrsportübungen, die es in den 1970er-, 1980er-Jahren in Deutschland gab, nämlich eine Form, sich körperlich auszurüsten und fit zu machen für einen politischen Umsturz", so Claus.

Lange Zeit war Boxen der Favorit der rechten Szene. In letzter Zeit wird Mixed Martial Arts populärer. Dabei bedienen sich Kämpfer verschiedener Schlag-, Tritt- und Grifftechniken aus unterschiedlichen Kampfstilen. Aber es geht dabei nicht nur um Sport. Das Gelernte wird mittlerweile auch auf die Straßen getragen.

Trainierte Kampfsportler auf rechten Demonstrationen

Bei den rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August und Anfang September waren nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor und des Recherchekollektivs "Runter von der Matte" mehrere aktive Kampfsportler dabei. Zum Beispiel Lasse R. aus Braunschweig. Ein Nazi der Gruppe "Adrenalin BS".

Er war lange aktiv bei der JN, der Jugendorganisation der NPD. Und auch David H. war in Chemnitz. Fotos zeigen, dass er beim "Kampf der Nibelungen" als Betreuer am Ring stand. Er hat an Leistungsmärschen der verbotenen rassistischen Organisation "Blood and Honour" teilgenommen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Kahlgeschorene Rechtsextreme | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Rechtsextreme Szene: Rekrutierung durch Kampfsportgruppen?

"Gefahr für Leib und Leben"

Maik Scheffler kennt die Szene. Er ist Aussteiger, war zuletzt stellvertretender Landesvorsitzender der NPD-Sachsen. Heute macht er Präventionsarbeit. Er trainiert seit Jahren selbst Kampfsport. In der rechten Kampfsportszene sieht er eine wachsende Gefahr für den Rechtsstaat: "Man sieht jetzt, dass es nicht mehr damit getan ist, dass man sich einfach gegen Polizeisperren wehrt oder Parolen ruft, es geht mittlerweile in den direkten Angriff über", sagt er. Eine große Gefahr für Leib und Leben der Polizisten.

Für den Hooligan-Forscher Robert Claus ist allerdings klar, dass es um weit mehr geht: "Meines Erachtens dienen diese Trainings tatsächlich auch zur Vorbereitung auf den politischen Straßenkampf, für politische Umsturzfantasien", sagt er. Seiner Einschätzung nach gehen diese Fantasien, körperliches Training und Ideen von Wehrhaftigkeit Hand in Hand.

Rekrutierung für die Szene?

Laut Experten dienen die extrem rechten Kampfsportgruppen auch der Rekrutierung für die rechte Szene. Im Netz bedienen sie sich ganz bewusst des Gedankens einer neuen Gesellschaft durch Kampfsport. "Erschaffe Stahl aus Fleisch", heißt es da etwa. Es ist die Fantasie eines neuen Menschenschlags im Sinne der NS-Ideologie.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. Oktober 2018 um 06:31 Uhr.

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