Axel Mylius auf seinem Balkon

Porträt einer mehrfachen Wandlung Der real existierende Konvertit

Stand: 02.10.2014 10:47 Uhr

Vom SED-Parteisöhnchen zum überzeugten Islamisten: Der Berliner Axel Mylius war einer der wenigen deutschen Konvertiten in der DDR. Seine Geschichte erzählt viel über die Blutleere des Sozialismus und die Faszination der Religion.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Auf den ersten Blick ist Axel Mylius ein Berliner wie viele Tausende andere: Nicht auf den Mund gefallen, nicht übertrieben höflich und groß geworden unweit der Frontlinie zwischen Ost und West. Der 52-Jährige wuchs im Ostteil der Stadt auf, richtete sich seine Nische im SED-Staat ein.

Mit der Opposition hatte er nichts zu tun, die DDR erschien ihm das bessere Deutschland zu sein. Dennoch machte Mylius sich auf die Suche, denn er war überzeugt, dass eine sozialistische Gesellschaft nicht nur auf der Basis von Bürokratie gebaut werden könne, sondern dass es auch einen spirituellen Überbau geben müsse.

Die Religion schien ihm der richtige Weg zu sein, Mylius konvertierte in der DDR zum Islam, wanderte nach der Wende durch die islamistische Szene - und stieg schließlich wieder aus. Danach brauchte er noch Jahre, um die radikale Ideologie wieder abzuschütteln. Mittlerweile kann er diese Zeit reflektieren. Er warnt: Die Fundamentalisten machten aus jungen Konvertiten "geistige Zombies".

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FDJ-Aufmarsch am 1. Mai 1973 in Ostberlin.

Kriegskind und SED-Funktionärin war seine Mutter, ihr Vater ein gesuchter SS-Mann: Paul Mylius soll wenige Jahre nach dem Krieg in Sachsen an Lungenentzündung gestorben sein. Er habe seinen Großvater nie getroffen, sagt Axel Mylius - und fügt an: glücklicherweise. Die Mutter wurde durch den Krieg, die Nazi-Verbrechen und das Wüten des Vaters zur überzeugten Antifaschistin. Der Aufbau der DDR sei für sie und ihren Freundeskreis eine historische Notwendigkeit und echte Überzeugung gewesen, so Mylius.

Die Mutter behütete ihren Axel, und der arrangierte sich mit dem System. Zwar verließ er wegen Aufmüpfigkeit und Desinteresse früh die Schule, doch Großaufmärsche von Staat und FDJ wie am 1. Mai nahm er mit - ohne Widerspruch. Er sei gelangweilt mitgetrabt, habe sich aber auch nicht eingeengt gefühlt durch die Mauer. "Ich habe in einer freiwillig gewählten Nische innerhalb dieser geschlossenen Gesellschaft gelebt", sagt Mylius. "Meine Teenager-Bude war voll geknallt mit Postern aus der 'Bravo', die meine Oma aus West-Berlin mitbrachte."

Er jobbte in den 1980er-Jahren als Bühnenarbeiter bei der Staatsoper und lernte dort den Sohn eines bekannten DDR-Schriftstellers kennen. Die Freunde waren sich darin einig, dass "zwar die Ziele der DDR durchaus eine hehre Motivation und speziell der Antifaschismus ihre höchste Berechtigung" hätten, dass "aber andererseits auch der DDR-Bürger ein ausschließlich konsumierendes Wesen war, das allein durch Propaganda nicht zu veredeln war". Die jungen Männer erkannten die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus. Der langjährige Freund habe sich aus Verzweiflung darüber das Leben genommen, sich buchstäblich zu Tode gesoffen. Mylius blieb zurück - und suchte Antworten in der Religion.

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