Missbrauchsfall Polizei Münster | dpa

Missbrauchsverdacht in Münster Elf Festnahmen, drei Kinder identifiziert

Stand: 09.03.2021 16:13 Uhr

Nach Ermittlungen der Polizei Münster wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sind elf Tatverdächtige festgenommen worden. Bei dem Hauptverdächtigen handelt es sich um einen 27 Jahre alten IT-Techniker. Drei Kinder konnten identifiziert werden.

Bei den Ermittlungen in einem neuen bundesweiten Missbrauchsfall hat die Polizei elf Tatverdächtige festgenommen. Gegen sieben Beschuldigte wurde Untersuchungshaft angeordnet. Es handele sich um sechs Männer und eine Frau. Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-Jähriger aus Münster.

Die Ermittler hätten große Mengen an Datenträgern gefunden, die hochprofessionell verschlüsselt worden seien, sagte Kriminalhauptkommissar Joachim Poll. Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln. Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen. Der 27-Jährige sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen.

Hunderte Asservate IT-Technik

In einem Keller in Münster fanden die Ermittler einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum. Er sei dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuzurechnen, sagte Poll. Das Speichervolumen der sichergestellten Daten liege nach ersten Erkenntnissen bei mehr als 500 Terabyte. Poll sprach von mehreren Hundert Asservaten an gefundener IT-Technik.

Drei Kinder identifiziert

Bei den Festgenommenen handele es sich neben dem Hauptverdächtigen um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Schorfheide, Kassel und Köln. Drei Kinder konnten als Opfer identifiziert werden. Sie seien 5, 10 und 12 Jahre alt, teilten die Ermittler in Münster mit.

Vier Männer sollen wechselweise einen 5- und 10-Jährigen Jungen in einer Gartenlaube über Stunden schwer sexuell missbraucht haben. Bei den Opfern handele es sich um den 10-jährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den 5-jährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hatten. Die Missbrauchshandlungen sollen vom November 2018 bis Mai 2019 stattgefunden haben.

Die Gartenlaube sei von außen mit Überwachungskameras gesichert gewesen. Die Täter seien "hoch konspirativ" vorgegangen. Den Innenraum der Laube möchte die Polizei nicht zeigen.

Der 27-jährige aus Münster hätte auf Pädophilen-Foren im Darknet Kontakt gesucht. Hier habe er den 10-Jährigen zum Missbrauch angeboten. Er sei quasi verkauft worden, sagt Poll.

"Sie können es sich nicht vorstellen"

Auf einem Film seien sexuelle Handlungen schwerster Art an den Kindern zu sehen gewesen. Die Männer hätten sich wechselseitig an den Jungen "auf das Schlimmste" vergangen. "Sie können sich das nicht vorstellen", sagt Poll. Die Ermittler haben "unfassbare" Bilder sehen müssen, schildert Poll.

Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen hätten sie nicht davon getragen, sagte Poll. Die Kinder seien von Rechtsmedizinern untersucht worden und werden nun von den zuständigen Jugendämtern betreut.

Der 27-jährige Hauptbeschuldigte, der bereits am 14. Mai verhaftet wurde, ist strafrechtlich bekannt. Er wurde zweimal verurteilt. Es ging jeweils um das Zugänglichmachen von Kinderpornografie im Internet. Ihm wurde eine Therapie auferlegt wegen seiner pädophilen Neigungen. Er sei diesen Auflagen nachgekommmen. Die Urteile wurden jeweils zur Bewährung ausgesprochen.

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.