Osnabrücks Spieler Aaron Opoku (rechts) spricht mit Schiedsrichter Nicolas Winter nach rassistischen Beleidigungen von den Zuschauerrängen. | dpa

Duisburg gegen Osnabrück "Kein Platz für Rassismus"

Stand: 20.12.2021 15:09 Uhr

Erstmals in der Geschichte des deutschen Profi-Fußballs wurde ein Spiel nach einem rassistischen Vorfall abgebrochen. Politik und Vereine lobten die Entscheidung und solidarisierten sich mit dem Osnabrücker Profi Opoku.

Die Bundesregierung hat den rassistischen Vorfall beim Drittliga-Fußballspiel der Vereine MSV Duisburg und VfL Osnabrück scharf verurteilt. Die verbale Beleidigung des Osnabrücker Spielers Aaron Opoku stehe "exemplarisch für viele andere Situationen, die in der Gesellschaft stattfinden", sagte ein Sprecher des auch für Sport zuständigen Bundesinnenministeriums in Berlin. "Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, werden oft Opfer von Diskriminierung und rassistischen Anfeindungen. Das ist zutiefst zu bedauern."

Vorbildhaft sei, dass der Schiedsrichter das Spiel als Reaktion auf die rassistischen Beleidigungen abgebrochen habe, hieß es. "Alle Beteiligten haben sich ganz entschieden gegen diese Form von Beleidigungen gestellt." Die Polizei habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

"Klare Verstöße brauchen klare Kante"

Ähnlich äußerte sich auch die Staatsministerin der Bundesregierung für Integration, Reem Alabali-Radovan: "Im Fußball gilt wie überall sonst in unserer Gesellschaft: Kein Platz für Rassismus! Klare Verstöße brauchen klare Kante", erklärte die SPD-Politikerin. Der Schiedsrichter Nicolas Winter und der VfL Osnabrück hätten "die konsequent richtige Entscheidung getroffen", so Alabali-Radovan. "Der Sport muss für Fairness, Toleranz und den respektvollen Umgang miteinander einstehen."

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp rief via Twitter zu Solidarität mit dem 22-jährigen Stürmer auf. Er sprach von einer starken Reaktion der Fans. Dennoch sei es "bitter, dass so etwas passiert".

Ministerpräsident Wüst verurteilt Rassismusvorfall

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst verurteilte den rassistischen Vorfall. "Die rassistischen Anfeindungen im Duisburger Stadion sind widerwärtig und nicht hinnehmbar. Sie verhöhnen die Werte, für die der Sport steht: Teamgeist und Respekt", sagte der CDU-Politiker.

Wüst lobte den Abbruch der Partie und viele Zuschauer, die mit "Nazis raus"-Rufen auf den Vorfall reagiert hatten. "Die Reaktion der großen Mehrheit der Fans im Stadion und der Abbruch des Spiels waren starke Signale gegen Rassismus. Wenn Menschen in ihrer Würde verletzt werden, kann man nicht einfach wieder anpfeifen. Aaron Opoku hat unsere volle Solidarität."

Bei aller integrativen Kraft des Sports gibt es nach Einschätzung von Wüst "auch Schattenseiten". "Probleme wie Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport gehören ins Zentrum der öffentlichen Debatte. Wir haben hier noch reichlich Nachholbedarf", so Wüst.

Spielabbruch in der 35. Minute

Während des Spiels zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Osnabrück war der Osnabrücker Angreifer Opoku von einem Duisburger Fan angefeindet worden. Beim Stand von 0:0 in der 35. Minute war die Partie vom Schiedsrichter abgebrochen worden. Es war das ersten Mal in den höchsten drei deutschen Profiligen, dass ein Spiel wegen rassistischer Beleidigungen zunächst unter- und kurz darauf sogar komplett abgebrochen wurde.

Nach dem Spiel hätten Osnabrücker Fans vor der Mannschaft eine Ansprache gehalten und Opoku Unterstützung zugesprochen, sagte Sportdirektor Amir Shapourzadeh der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Sie haben gesagt, dass sie voll und ganz hinter ihm stehen und so etwas bei uns nie dulden würden, wenn irgendwas in diese Richtung passiert", sagte er. Shapourzadeh lobte die Solidarität der Fans. "Ich fand es super und überragend von beiden Fanlagern, was sie gerufen haben und wie sie sich solidarisiert haben."

Der Verein VfL Osnabrück twitterte: "Wir gemeinsam gegen Rassismus. Aaron wir stehen hinter Dir!" Auf den Rängen wurde nach Angaben beider Vereine nach dem Vorfall "Nazis raus" skandiert. Der Stadionsprecher spielte den antifaschistischen Song "Schrei nach Liebe" von der Band "Die Ärzte".

Polizei ermittelt

Unterdessen ermittelt die Polizei; sie hat Anzeige wegen Beleidigung gegen einen 55-jährigen Mann erstattet. "Der Beschuldigte hat sich geäußert. Darüber hinaus werden Videos gesichtet und weitere Zeugen befragt", sagte eine Polizeisprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Ob es auch - wie vom Schiedsrichter angegeben - Affenlaute gegeben hat, wolle die Polizei prüfen.

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) will ebenfalls Ermittlungen aufnehmen. Die Spitze des Verbands hatte den Spielabbruch zuvor begrüßt. Der DFB-Botschafter und frühere Nationalspieler Jimmy Hartwig bezeichnete den Abbruch des Spiels als "ganz wichtiges Zeichen" im Kampf gegen Rassismus. "Die Entscheidung, dieses Spiel abzubrechen, war richtig. Indem man so etwas macht, zeigt man: Mit uns geht das nicht mehr. Wir haben die Schnauze voll von euch Vollidioten", sagte Hartwig dem NDR.

Duisburg und Osnabrück wollen Wiederholungsspiel

In einer gemeinsamen Erklärung sprachen sich unterdessen beide Vereine für eine Wiederholung des Spiels aus. "Gestern ist ein deutliches Zeichen gegen Rassismus gesetzt worden", sagte der Präsident des MSV Duisburg, Ingo Wald. "Gemeinsam mit dem VfL wünschen wir uns allerdings auch, dass der Fußball aus dieser Situation als Gewinner und nicht als Verlierer vom Platz geht. Deshalb halten wir ein Wiederholungsspiel im Sinne des Sports für die einzig richtige Entscheidung."

Wegen des Abbruchs der Partie liege die Verantwortung für das weitere Verfahren sportrechtlich zunächst bei den entsprechenden Instanzen des Deutschen Fußball-Bundes, hieß es in der Mitteilung der Clubs. Der Präsident des VfL Osnabrück, Präsident Holger Elixmann, erklärte: "Weder der MSV Duisburg noch der VfL Osnabrück sollten für das Fehlverhalten eines Zuschauers bestraft werden." Der Abbruch des Spiels sei ein Zeichen gegen Rassismus und für Menschlichkeit gewesen "und dieses klare Statement sollte aus unserer Sicht durch die Ansetzung eines Wiederholungsspiels verstärkt werden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.