Tische und Bänke liegen auf dem Pflaster in der Innenstadt von Stuttgart. | Bildquelle: dpa

Randalierer von Stuttgart Die "Partyszene" - wer ist das?

Stand: 22.06.2020 14:14 Uhr

Sie sind überwiegend jung und männlich: Der Stuttgarter Polizeipräsident macht die "Party- und Eventszene" als die Verantwortlichen der Randale aus. Doch wer ist damit gemeint?

Von Daniela Diehl, SWR

Auf den ersten Blick sind die Randalierer jung und überwiegend männlich. Unter den Zuschauenden sind aber auch zahlreiche kichernde junge Frauen, die sie anfeuern und beklatschen.

Videos in den sozialen Netzwerken zeigen, wie die jungen Männer immer wieder in Kampfgeheul ausbrechen, Polizisten angreifen, umrennen, treten und scheinbar wahllos Geschäfte zerstören und plündern. Und ständig ertönt der Schrei "Fuck the Police." 24 der Randalierenden wurden festgenommen, darunter zwei Frauen. Zwölf der Festgenommenen haben einen deutschen Pass.

Keine politische Straftat

Politisch motiviert waren die Krawalle nicht, meint Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl. Es sei die sogenannte Party- und Eventszene mit mehreren Hundert jungen Menschen gewesen, sagt der Stuttgarter Polizeipräsident Frank Lutz. Seit vier Wochen würden sie sich wieder in der Öffentlichkeit treffen, sich betrinken und in den sozialen Medien inszenieren. Seit neuestem gehöre es auch dazu, Polizeibeamte und -beamtinnen zu beleidigen und aggressiv anzugehen, allerdings bislang nie in dem Ausmaß wie in der Nacht auf Sonntag.

Auslöser der Randale war offenbar ein Routineeinsatz im Stuttgarter Schlossgarten. Laut Polizei ist dort ein 17-Jähriger wegen des Verdachts auf Drogen kontrolliert worden. "Bei diesem normalen Einschreiten haben sich sofort 200 bis 300 anwesende Personen aus der Samstagabend-Partyszene solidarisiert, mit Steinen und Flaschenwürfen", so Thomas Berger, Polizeivizepräsident von Stuttgart. Auf dem Schlossplatz sei die Gruppe dann auf 400 bis 500 Personen angewachsen.

"Eben feiernde Menschen"

Stuttgarter Clubbetreiber widersprechen dem Begriff Party- und Eventszene. Unter anderem Colyn Heinze, der seit Jahren im Stuttgarter Nachtleben aktiv ist und zum "Club-Kollektiv Stuttgart", dem Interessenverband von Clubs und Veranstaltern, gehört: "Der Begriff Party- und Eventszene wird verwendet, weil man nicht weiß, wie man diese Menschen sonst beschreiben soll." Es habe aber nichts mit Clubs oder Bars zu tun, sondern es seien eben feiernde Menschen, die hier in die Innenstadt gezogen seien.

Ahmed Mansour, Psychologe, über die Ausschreitungen in Stuttgart
ARD-Morgenmagazin, 22.06.2020

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Allerdings habe sich das Publikum, das nachts in Stuttgart unterwegs sei, drastisch verändert. Einen Grund dafür sieht er in den Corona-Beschränkungen für Clubs und Bars. "Es spielt sicherlich eine Rolle, dass tatsächlich gerade die Clubs zu haben, denn dann wären sicherlich einige Menschen in den Clubs gewesen und hätten sich dort aufgehalten."

Nach Einschätzung des früheren Grünen-Chefs Cem Özdemir ist das Argument, die Jugendlichen seien durch die Corona-bedingte Clubschließungen gelangweilt, zu "unterkomplex". Auch Clubgänger fühlten sich "von diesen Leuten bedroht". Oberbürgermeister Fritz Kuhn, ebenfalls von den Grünen, machte unter anderem Geltungsbewusstsein in den sozialen Medien als Grund für die Ausschreitungen aus - neben Alkoholkonsum.

Die Polizei als Eindringling?

Eine 40-köpfige Sonderkommission der Polizei soll nun aufklären. Wer war es im Einzelnen, wieso, was steckt dahinter? Der Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner gibt schon jetzt einen Erklärungsversuch: "Da gibt es den Anlass einer Polizeikontrolle in Bezug auf Drogen. Dazu gibt es einen psychologischen Mechanismus, dass die Anwesenden sich zusammenschließen und plötzlich einen äußeren Feind erkennen, nämlich die Polizei. Dann explodiert so etwas."

Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften, mit einer Einschätzung zur Gewalt gegen die Polizei
22.06.2020, tagesthemen 22:15 Uhr

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Gewaltexzesse als Ersatz, weil das Vergnügen beschränkt ist? Und weil die Polizei als Eindringling wahrgenommen wird von solchen, die sich als Party-Gruppe begreifen? Möglich, so der Sozialpsychologe, und er befürchtet weitere Gewalt: "Aus der Sicht der Täter bringt das Bewunderung: 'Da haben wir in der Nacht mal richtig aufgemischt.' Ich sehe die große Gefahr, dass so etwas bei nächster Gelegenheit an anderer Stelle nachgeahmt wird."

Wie erneute Krawalle verhindern?

Um das zu verhindern, fordert Baden-Württembergs Innenminister Strobl ein Gesamtkonzept für die Stadt und ein Maßnahmenbündel. "Das muss die Stadt Stuttgart lösen", betonte der Minister.

Schwierig, meint Grünen-Politiker Özdemir. Bei politischen Extremisten gebe es Strukturen und Netzwerke, die zerschlagen werden könnten. "Was machen Sie bei Leuten, die alkoholisiert sind, möglicherweise Drogen zu sich genommen haben, und möglichst viel Schaden anrichten wollen? Da ist das mit 'Netzwerk zerschlagen' nicht so einfach getan."

Die Polizei hat angekündigt, in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften in Stuttgart unterwegs zu sein und aufzuklären. Zumindest dabei erhalten die Beamtinnen und Beamten rege Unterstützung aus der Bevölkerung. Im Upload-Portal der Polizei wurden schon unzählige Videos der Nacht auf Sonntag hochgeladen.

"Von einer gewaltbereiten, homogenen Gruppe kann nicht die Rede sein", Cecilia Knodt, SWR, zu den Krawallen in Stuttgart
tagesschau24 15:30 Uhr, 22.06.2020

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Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 22. Juni 2020 um 07:38 Uhr.

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