Blick auf die Erde | Bildquelle: dpa

Space Center in Ramstein Aufrüsten im All

Stand: 22.10.2020 10:29 Uhr

Die NATO-Verteidigungsminister wollen ein Space Center in Ramstein aufbauen. Das Bündnis beteuert, das All nicht militarisieren zu wollen. Doch der Krieg in den Sternen hat bereits begonnen.

Von Ute Spangenberger und Stephan Lenhardt, SWR

Der Weltraum, unendliche Weiten. Ein Satellit umkreist einen anderen, er wirft ein Netz aus und fängt ihn ein. Was nach Star Trek klingt, könnte bald Realität sein. Der Präsident des International Institute of Space Law, Kai-Uwe Schrogl, von der Uni Tübingen, beschrieb die Entwicklung solcher Satelliten-Technologien in einem "Spiegel"-Interview.

Auch den Einsatz kleiner russischer Inspektions-Satelliten zur Aufklärung im All sprach er an. Im rheinland-pfälzischen Ramstein will die NATO künftig solche und ähnliche Aktivitäten beobachten und erkennen. Die Verteidigungsminister der 30 Mitgliedsstaaten wollen heute Nachmittag über ein Space-Center in Deutschland entscheiden.

ESA warnt vor Militär im All

Auch die Europäische Weltraumorganisation ESA forsche an neuen Satelliten-Technologien, so Schrogl. Doch der ESA gehe es dabei nicht um militärische Aktionen, sondern um den Schutz bestehender Technologien. Etwa 3000 tote Satelliten fliegen laut ESA durchs All und bedrohen rund 2000 aktive. Die ESA selbst lehnt Waffen im All ab. "Eine militärische Nutzung des Weltalls birgt die Gefahr, dass sie Vertrauen stört und kaputt macht, was über viele Jahre zwischen den Ländern gewachsen ist", sagt ESA-Generaldirektor Jan Wörner im tagesschau-Interview.

Investitionen in Sicherheit

Doch das Space Center, das im rheinland-pfälzischen Ramstein entstehen soll, gehört zur NATO. Ein militärisches Bündnis. Ihr Generalsekretär Jens Stoltenberg beteuert zwar, dass es dem Bündnis nicht um die Militarisierung des Alls gehe, sondern um Aufklärung. Doch er kündigt auch Investitionen in neue Technologien zum Schutz bestehender Satelliten an. "Einige Nationen wie Russland und China entwickeln Systeme, die Satelliten stören oder gar abschießen können", so Stoltenberg. "Wir müssen unser Verständnis für die Herausforderungen im All verbessern, auch wie wir mit diesen umgehen."

Neben China und den USA hat auch Indien laut Experten wie Schrogl bereits eigene Satelliten im All abgeschossen. Das sind nicht nur militärisch fragwürdige Manöver, die Staaten sorgen damit auch für noch mehr umherfliegenden Müll im All.

Das All als Einsatzgebiet

Solche Nachrichten dürften maßgeblich die Entscheidung für ein NATO-Space Center beeinflusst haben. Bereits vergangenes Jahr hatte das Bündnis den Weltraum zum eigenständigen Operationsgebiet erklärt. Stoltenberg: "Schnelle, effektive und sichere Satellitenkommunikation ist für unsere Truppen essenziell." Doch diese Kommunikation ist längst nicht nur für das Militär unerlässlich, sie ist auch in unserem Alltag angekommen.

"Raumfahrt ist heute Infrastruktur. Wir benutzen sie täglich, ob es für die Navigation im Auto oder auf dem Fahrrad ist. Ob es für die Telekommunikation ist, wenn wir Nachrichten von einem anderen Kontinent brauchen. Oder auch, wenn es um die Wettervorhersage geht", beschreibt es ESA-Chef Wörner.  Angriffe auf Satelliten könnten also weite Teile des öffentlichen Lebens lahmlegen. Wörner warnt auch deshalb vor einem Wettrüsten im All.

Bundeswehr im All aktiv

Auch weil die NATO keine eigenen Satelliten im All hat, ist das Zentrum in Ramstein wichtig. Das Bündnis ist im Weltraum auf Verbündete angewiesen. Ein halbes Dutzend NATO-Mitglieder haben bereits eigene Space-Einheiten in ihren Streitkräften. Das Weltraumlagezentrum der Luftwaffe beispielsweise sitzt in Kalkar und Uedem am Niederrhein. Erst kürzlich hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer dort das "Air and Space Operations Centre (ASOC)" in Dienst gestellt.

Es ist explizit zuständig für Weltraumoperationen. "Der Schutz ihrer eigenen Weltraumsysteme ist eine genuine, militärische Aufgabe der Bundeswehr", beschreibt die Einheit ihre Aufgaben. Das ASOC versteht sich dabei als "zentraler Führungsgefechtsstand". Das Bundesministerium für Verteidigung begrüßt das Space-Center in Rheinland-Pfalz dementsprechend und "die konsequente Berücksichtigung der Dimension Weltraum in der NATO", so ein Sprecher.

Forderung nach Transparenz

Gebaut wird in Ramstein dabei erstmal nicht. Das Zentrum soll in bereits vorhandene Gebäude ziehen und das Personal ist bereits am Standort. Denn dort sitzt bereits das NATO-Luftwaffenoberkommando. Doch auch wenn die NATO betont, keine Waffen ins All schicken zu wollen so könnte Ramstein zum Kommandozentrum für Abwehrmaßnahmen ausgebaut werden. Jede Weltraumtechnik sei potenziell auch für kriegerische Zwecke geeignet.

"Der erdnahe Weltraum ist längst militarisiert. Wir brauchen jetzt Transparenz", forderte Schrogl im "Spiegel". Er plädiert für eine Art internationale Flugsicherung im All. Und ESA-Chef Wörner ergänzt: "Sobald es wirklich darum geht, Star Wars zu machen, da habe ich meine Probleme."

NATO-Verteidigungsminister wollen Space-Center
Stephan Ueberbach, SWR Brüssel
22.10.2020 14:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 22. Oktober 2020 Deutschlandfunk um 19:00 Uhr in den Nachrichten und B5 aktuell um 21:05 Uhr.

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