Ein Schüler hält eine Maske in den Händen | Bildquelle: dpa

Corona an Schulen Wann müssen Schüler in Quarantäne?

Stand: 07.11.2020 08:17 Uhr

Mal muss eine ganze Klasse in Quarantäne, wenn ein Covid-Fall in der Schule auftritt. Mal nur eine Schüler. Mal schließt beinahe die gesamte Schule. Warum ist das so unterschiedlich und wer entscheidet das?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Goethe-Schule Hamburg-Harburg in dieser Woche: Bei einzelnen Schülern der zwölften Jahrgangsstufe war kürzlich eine Corona-Infektion festgestellt worden. Der gesamte Jahrgang musste daraufhin in Quarantäne, inklusive aller Lehrer, die die Zwölftklässler unterrichtet hatten. Es sei nicht möglich gewesen, schnell genug alle Kontakte nachzuvollziehen, die die Schüler untereinander hatten, deshalb sei die Entscheidung so gefallen, sagt der Sprecher der Schulbehörde, Peter Albrecht.

Eigentlich sei aber das Ziel, Kontaktketten so präzise wie möglich nachzuvollziehen, um möglichst wenige Schüler in Quarantäne schicken zu müssen. Gesundheitsämter recherchieren mithilfe von Schulleitern beispielsweise, wer neben wem saß, wo es Kontakte auf dem Pausenhof gab, wer mit wem befreundet ist und wo außerschulische Kontakte und Aktivitäten zu Infektionen geführt haben könnten.

Jeder Einzelfall ist anders

Ganz ähnlich verfährt man beispielsweise in Nordrhein-Westfalen und auch in Berlin. Schulen würden anhand von Sitzplänen nachweisen, wie lange ein Schüler sich wo aufgehalten habe, teilt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit auf Anfrage mit. Daraufhin würden mitunter die direkten Kontaktpersonen in häusliche Quarantäne geschickt, aber je nach Konstellation auch ganze Lerngruppen.

Grundsätzlich sind es die Gesundheitsämter, die nach den Kriterien des Robert Koch-Instituts über die Quarantäne entscheiden - auch an Schulen und Kitas. Kontaktpersonen der Kategorie 1 sind demnach beispielsweise solche, die mindestens 15 Minuten miteinander gesprochen haben oder sich längere Zeit gemeinsam ohne Alltagsmaske in einem unbelüfteten Raum aufgehalten haben.

Eine generelle Regelung, ob das immer eine gesamte Klasse oder Lerngruppe betrifft, gibt es nicht. Das Robert-Koch-Institut gibt hierzu keine speziellen Empfehlungen heraus. "Es gibt da keine Entscheidungen nach Schema F", sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher im Gespräch mit tagesschau.de. "Das muss das Gesundheitsamt je nach Situation vor Ort abwägen."

"Im Regelfall nur Quarantäne für einzelne Schüler"

Dennoch kristallisiert sich in einigen Bundesländern eine gewisse Praxis heraus. In Hamburger Schulen beispielsweise wurden lange Zeit im Regelfall nicht ganze Klassenverbände, sondern nur einzelne Schüler und Lehrkräfte in Quarantäne geschickt. So ist es auch gerade in einer weiteren Schule in Hamburg geschehen, "weil die Kontaktketten genau nachvollzogen werden konnten und Hygienestandards eingehalten wurden", sagt Albrecht im Gespräch mit tagesschau.de.

Diese Praxis ändere sich aber langsam. Aufgrund des allgemeinen Infektionsgeschehens und der angespannten Personalsituation gingen Gesundheitsämter inzwischen dazu über, präventiv größere Schülergruppen oder gar Jahrgänge aus dem Präsenzunterricht zu nehmen.

Baden-Württemberg lockert die Quarantäne-Praxis

Genau umgekehrt verhält es sich in Baden-Württemberg. Dort wurden bislang häufig ganze Klassenverbände in Quarantäne geschickt. Weil inzwischen aber sowohl von Lehrkräften als auch den Schülern im Unterricht überwiegend eine Maske getragen werde und die Schulen die Lüftungskonzepte gezielt umsetzten, sei eine Einstufung als Kontaktperson der Kategorie eins und somit eine Quarantäne für die gesamte Klasse nicht immer zwingend notwendig, heißt es aus dem baden-württembergischen Sozialministerium.

Um einen einheitlicheres Vorgehen zu erreichen, erarbeitet das Ministerium derzeit Handlungshinweise zum Umgang mit Kontaktpersonen in Schulen. Doch auch hier wird betont, dass am Ende das Gesundheitsamt entscheidet.

Einen Sonderweg geht das Gesundheitsministerium in Bayern. Dort wird bei Covid-19-Fällen unter Schülern immer die gesamte Klasse für bis zu 14 Tage vom Unterricht ausgeschlossen und vom Gesundheitsamt Quarantäne angeordnet, teilt ein Sprecher des Ministeriums mit. Wegen der Aerosole, gerade bei längerem Aufenthalt in relativ engen Klassenzimmern oder unklaren Kontakten gelte das in der Schule auch dann, wenn alle Personen im Raum Masken getragen hätten.

Kein bundeseinheitliches Vorgehen

Weil die einzelnen Bundesländer die Kontaktsituationen und die Infektionsgefahr in Schulen unterschiedlich bewerten, gibt es also kein bundeseinheitliches und oft nicht mal ein länderspezifisches Vorgehen bei Quarantäneanordnungen in Schulen und Kitas. Im ungünstigsten Fall kann es so kommen wie jüngst in der Hamburger Grundschule in der Tonquiststraße. Dort musste fast die gesamte Schule für zwei Wochen dicht machen. Durch eine Familie, die mehrere Kinder an der Schule hat, sei die Infektion in die Schule gekommen, heißt es aus der Schulbehörde. Weil sehr viele der Lehrer mit einem der infizierten Kinder Kontakt hatten, musste das gesamte Lehrerkollegium in Quarantäne.

Der Schulbetrieb konnte so nicht mehr gewährleistet werden. Lediglich die Vorschule konnte weiterlaufen und ein Notbetrieb organisiert werden. Dass quasi die gesamte Schule geschlossen wurde, geschah in diesem Fall aber nicht aus Gründen des Infektionsschutzes, sondern eher aus schulorganisatorischen Gründen.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 - KiRaKa am 29. Oktober 2020 ab 19:05 Uhr.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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